Die Morgenstille an der Lübecker Hafenkante brach jäh. Zwischen Werftgelände und Altstadtinsel hatte ich diesen Weg schon oft genommen. Diesmal war alles anders. Polizeiabsperrungen, betroffene Gesichter. Eine 50-jährige Frau verlor dort ihr Leben – zunächst ein rätselhafter Unfall. Doch die Wendung in diesem Fall erschüttert die Hansestadt.
Was anfangs wie ein tragisches Unglück wirkte, zeigt sich nun in anderem Licht. Die Ermittlungen führten zu einem unerwarteten Verdächtigen: ausgerechnet ein Zeuge, der selbst den Notruf wählte. «Die kriminaltechnischen Untersuchungen haben ergeben, dass das Fahrzeug des vermeintlichen Ersthelfers mit dem Unfallgeschehen in Verbindung steht», erklärt Oberstaatsanwältin Ulla Hingst mit ernster Stimme. Der 44-jährige Mann steht nun unter Verdacht.
Als ich gestern mit Anwohnern sprach, war die Bestürzung greifbar. «Hier gehen täglich Menschen spazieren, Familien mit Kindern», sagte mir eine ältere Dame kopfschüttelnd. Die schockierende Vorstellung, dass jemand nach einer Kollision zunächst flüchtet, dann zurückkehrt und sich als unbeteiligter Helfer ausgibt, lässt niemanden unberührt.
In unserer vernetzten Welt, wo Kameras und digitale Spuren allgegenwärtig sind, wird das Verbergen von Wahrheit zunehmend unmöglich. Dieser Fall zeigt auf erschütternde Weise, wie forensische Arbeit auch komplexe Tatabläufe rekonstruieren kann. Während die Trauer um die verstorbene Frau die Stadt eint, bleibt die beklemmende Frage: Was bringt Menschen zu solchen verzweifelten Entscheidungen?