Wer dieser Tage durch Köpenick spaziert oder mit dem Rad entlang der Müggelspree fährt, reibt sich verwundert die Augen. Zwischen der Salvador-Allende-Brücke und dem Spreetunnel in Friedrichshagen türmen sich mitten im Wasser bizarre Betontrümmer. Schwimmende Bagger arbeiten sich durch den Fluss. Kräne heben schwere Lasten. Der Anblick wirkt unwirklich, fast wie eine Filmkulisse. Doch dahinter steckt ein wichtiges Infrastrukturprojekt für ganz Berlin. Die Senatsverwaltung lässt die Müggelspree vertiefen und verbreitern. Ziel ist es, die Wasserstraße für größere Schiffe befahrbar zu machen. Das Vorhaben kostet mehrere Millionen Euro und wird von der Europäischen Union mitfinanziert. Für Anwohner bedeuten die Arbeiten Lärm und Einschränkungen. Gleichzeitig profitiert die gesamte Region von besserer Anbindung. Die Bauarbeiten sollen bis Ende 2025 abgeschlossen sein.
Die Müggelspree verbindet seit jeher die östlichen Bezirke Berlins mit dem Stadtzentrum. Über Jahrhunderte war sie Handelsweg und Lebensader. Heute nutzen vor allem Freizeitkapitäne und Ausflugsschiffe die Strecke. Doch genau hier liegt das Problem. Viele Abschnitte sind zu schmal oder zu flach. Größere Transportschiffe kommen nicht durch. Das bremst die wirtschaftliche Entwicklung in Treptow-Köpenick aus. Der Bezirk hat viele Industriegebiete, die auf Wassertransport angewiesen sind. Bereits 2018 legte die Senatsverwaltung erste Pläne vor. Damals ging es um Machbarkeitsstudien und Umweltgutachten. Die Umsetzung verzögerte sich mehrfach. Erst 2023 rollten die ersten Bagger an.
Finanziert wird das Projekt zu großen Teilen aus EU-Töpfen für Infrastrukturentwicklung. Berlin erhält rund drei Millionen Euro Fördermittel. Die Stadt steuert weitere zwei Millionen aus eigenen Haushaltsmitteln bei. Insgesamt umfasst das Budget etwa fünf Millionen Euro. Das klingt nach viel Geld. Für ein Wasserbauprojekt dieser Größenordnung ist es jedoch vergleichsweise günstig. In anderen deutschen Städten kosten ähnliche Vorhaben das Doppelte. Hamburg investierte für die Elbvertiefung über 700 Millionen Euro. Bremen zahlte für die Weservertiefung ähnliche Summen. Berlin kommt deutlich günstiger davon, weil die Müggelspree ein kleineres Gewässer ist.
Die Arbeiten selbst sind technisch anspruchsvoll. Schwimmende Bagger schöpfen Schlamm und Sedimente vom Flussbett ab. Taucher inspizieren den Grund auf Altlasten und Kriegsmunition. Tatsächlich fanden sie bereits mehrere Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese mussten vom Kampfmittelräumdienst geborgen und entschärft werden. Solche Funde verzögern den Baufortschritt immer wieder. Zusätzlich erschwert der Naturschutz die Planung. Die Müggelspree ist Lebensraum für geschützte Fischarten und Wasservögel. Bestimmte Bauabschnitte dürfen nur außerhalb der Brutzeit bearbeitet werden. Das streckt den Zeitplan zusätzlich.
Die Betontrümmer, die Spaziergänger so irritieren, haben eine praktische Funktion. Sie dienen als temporäre Befestigungen für die Uferböschungen. Während die Bagger den Fluss vertiefen, drohen die Ränder abzurutschen. Die massiven Betonelemente stabilisieren die Böschung. Nach Abschluss der Arbeiten werden sie wieder entfernt. An ihre Stelle treten natürliche Uferbefestigungen aus Weidengeflecht und Naturstein. Diese Methode nennt sich ingenieurbiologischer Wasserbau. Sie verbindet technische Stabilität mit ökologischer Verträglichkeit. Das Ergebnis sieht am Ende aus wie ein natürliches Ufer.
Nicht alle Anwohner sind begeistert von den Bauarbeiten. Petra Müller wohnt seit 30 Jahren direkt an der Müggelspree in Friedrichshagen. „Der Lärm ist manchmal unerträglich», sagt sie. „Schon um sechs Uhr morgens starten die Maschinen.» Besonders im Sommer störe das die Lebensqualität. Andere Anwohner klagen über Staubentwicklung und gesperrte Uferwege. Der beliebte Spreeradweg ist an mehreren Stellen nur mit Umwegen passierbar. Das ärgert Radfahrer und Jogger gleichermaßen. Die Bezirksverwaltung Treptow-Köpenick hat versucht, die Belastungen zu minimieren. Es gibt feste Bauzeiten und regelmäßige Anwohnerinformationen. Trotzdem bleibt die Kritik bestehen.
Auf der anderen Seite stehen die wirtschaftlichen Argumente. Köpenicks Industriegebiet am Spreekreuz beschäftigt über 2000 Menschen. Viele Firmen sind auf Wassertransport angewiesen. Sie importieren Rohstoffe und exportieren Fertigprodukte per Schiff. Bisher mussten sie auf kleinere Kähne ausweichen. Das verteuert den Transport erheblich. Mit der vertieften Müggelspree können künftig Schiffe bis 1000 Tonnen fahren. Das senkt die Kosten um etwa 30 Prozent. Thomas Krause, Geschäftsführer eines Metallverarbeiters, freut sich darauf. „Das macht uns wettbewerbsfähiger», erklärt er. „Wir können endlich mit den Standorten in Westberlin mithalten.»
Auch für den Tourismus bringt das Projekt Vorteile. Die Ausflugsschifffahrt auf der Müggelspree ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Jährlich nutzen etwa 50.000 Menschen die Linien zwischen Treptow und Müggelsee. Größere Schiffe bedeuten mehr Passagiere pro Fahrt. Das erhöht die Rentabilität der Reedereien. Gleichzeitig verbessert sich der Komfort für die Gäste. Moderne Ausflugsschiffe bieten Barrierefreiheit und bessere Ausstattung. Die Reederei Stern und Kreis hat bereits angekündigt, ihre Flotte aufzustocken. Ab 2026 sollen zwei neue Schiffe die Strecke befahren.
Die ökologischen Auswirkungen werden kontrovers diskutiert. Umweltverbände wie der BUND kritisieren den Eingriff in die Natur. „Jede Flussvertiefung stört das Ökosystem», warnt Sprecherin Claudia Hoffmann. „Wir verlieren Lebensraum für Kleintiere und Pflanzen.» Die Senatsverwaltung widerspricht dieser Darstellung. Umweltgutachten hätten gezeigt, dass die Eingriffe vertretbar seien. Es würden Ausgleichsmaßnahmen geschaffen. So entstehen an mehreren Stellen neue Flachwasserzonen als Ersatzlebensräume. Zusätzlich werden Uferbereiche renaturiert. Insgesamt sollen 5000 Quadratmeter neue Biotope entstehen. Ob das ausreicht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.
Ein Blick auf andere deutsche Städte zeigt gemischte Erfahrungen. Hamburg kämpft seit Jahren mit den Folgen der Elbvertiefung. Der Tidenhub hat sich verstärkt. Das Hafenbecken verschlickt schneller als zuvor. Die ökologischen Schäden sind erheblich. In Bremen verlief die Weservertiefung dagegen relativ unproblematisch. Die Stadt setzte von Anfang an auf umfassende Ausgleichsmaßnahmen. Heute gilt das Projekt als Erfolgsmodell. Berlin orientiert sich am Bremer Beispiel. Die Planungen sind weniger invasiv als in Hamburg. Der Fokus liegt auf punktuellen Vertiefungen statt flächendeckenden Eingriffen.
Die politische Dimension des Projekts ist nicht zu unterschätzen. Im Bezirksparlament von Treptow-Köpenick wurde die Maßnahme kontrovers diskutiert. Die SPD und die CDU unterstützten das Vorhaben von Beginn an. Sie verweisen auf die wirtschaftlichen Vorteile. Die Grünen zeigten sich skeptischer. Sie forderten strengere Umweltauflagen. Die Linke kritisierte die Kostenbeteiligung Berlins. Sie argumentierte, der Bund müsse mehr zahlen. Letztlich stimmte eine Mehrheit aus SPD, CDU und FDP für das Projekt. Die Grünen enthielten sich. Die Linke stimmte dagegen.
Diese politischen Gräben spiegeln grundsätzliche Debatten über Stadtentwicklung wider. Wie viel wirtschaftliches Wachstum braucht Berlin? Wie stark darf man in die Natur eingreifen? Diese Fragen beschäftigen die Stadt seit Jahren. Treptow-Köpenick ist dabei ein besonderer Fall. Der Bezirk vereint Industriegebiete und ausgedehnte Naturlandschaften. Die Müggelspree liegt genau an dieser Grenze. Jeder Eingriff wird deshalb genau beobachtet. Die Bauarbeiten sind ein Testfall für künftige Infrastrukturprojekte.
Bürger können sich auf verschiedenen Wegen informieren und beteiligen. Die Senatsverwaltung bietet regelmäßige Informationsveranstaltungen an. Die nächste findet am 15. April im Rathaus Köpenick statt. Dort können Anwohner Fragen stellen und Kritik äußern. Zusätzlich gibt es eine Online-Plattform, auf der Baufortschritte dokumentiert werden. Wer direkt Einfluss nehmen möchte, kann Stellungnahmen bei der Senatsverwaltung einreichen. Allerdings sind die grundsätzlichen Entscheidungen bereits gefallen. Änderungen sind nur noch in Details möglich.
Die Fertigstellung ist für Ende 2025 geplant. Dann soll die Müggelspree auf einer Länge von vier Kilometern vertieft sein. Die Fahrrinne wird von drei auf fünf Meter Tiefe ausgebaut. Die Breite steigt von 30 auf 45 Meter. Das ermöglicht Begegnungsverkehr, also dass sich zwei Schiffe problemlos passieren können. Für die Schifffahrt ist das ein enormer Fortschritt. Derzeit müssen Kapitäne an engen Stellen warten, bis die Gegenrichtung frei ist. Das kostet Zeit und Geld.
Nach Abschluss der Arbeiten beginnt die Evaluierungsphase. Die Senatsverwaltung will die ökologischen Auswirkungen fünf Jahre lang beobachten. Verschlechtern sich die Wasserwerte? Verschwinden geschützte Arten? Oder stabilisiert sich das Ökosystem? Diese Fragen werden wissenschaftlich begleitet. Die Technische Universität Berlin führt regelmäßige Messungen durch. Die Ergebnisse fließen in künftige Planungen ein. Berlin will aus diesem Projekt lernen. Weitere Wasserstraßen sollen folgen.
Die skurrilen Betontrümmer in der Müggelspree sind also mehr als ein seltsamer Anblick. Sie sind Symbol für eine Stadt im Wandel. Berlin wächst und braucht moderne Infrastruktur. Gleichzeitig darf die Natur nicht auf der Strecke bleiben. Dieser Balanceakt gelingt nicht immer perfekt. Aber der Versuch ist wichtig. Die Müggelspree wird nach den Bauarbeiten ein anderer Fluss sein. Hoffentlich ein besserer für alle Beteiligten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das Konzept aufgeht. Bis dahin heißt es für Anwohner und Spaziergänger: Geduld haben und auf das Ergebnis warten. Die schwimmenden Bagger werden nicht ewig bleiben. Zurück bleibt eine modernisierte Wasserstraße für kommende Generationen.