Die bayerische Landeshauptstadt hat einen unrühmlichen Spitzenplatz erreicht. München ist nun offiziell die teuerste Stadt Deutschlands, wenn es um Wohnkosten geht. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Wohnungsmarktforschung hervor, die gestern veröffentlicht wurde.
Für eine durchschnittliche 70-Quadratmeter-Wohnung zahlen Münchner inzwischen 1.580 Euro Kaltmiete pro Monat. Das sind 12,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit überholt München erstmals Frankfurt am Main, das mit durchschnittlich 1.470 Euro auf Platz zwei rutscht.
«Die Grenze wurde klar überschritten», erklärt Wohnungsmarktexperte Dr. Michael Weber. «Was wir in München erleben, ist eine dramatische Entwicklung, die immer mehr Menschen aus der Stadt verdrängt.»
Besonders betroffen sind Familien und Menschen mit mittlerem Einkommen. Die Zahlen sind alarmierend: Ein Durchschnittsverdiener muss in München inzwischen 47 Prozent seines Nettoeinkommens für Wohnkosten aufwenden. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei 35 Prozent.
Die Ursachen sind vielfältig. «Wir haben zu wenig Neubau, steigende Baukosten und gleichzeitig einen anhaltenden Zuzug in die Stadt», erläutert Stadtrat Thomas Müller. In den letzten fünf Jahren wurden nur 28.600 neue Wohnungen fertiggestellt – benötigt würden jedoch mindestens 45.000, um den Bedarf zu decken.
Die Münchner Stadtverwaltung hat auf die neue Entwicklung reagiert. «Wir starten eine Wohnungsoffensive mit drei Säulen«, verkündet Oberbürgermeister Dieter Reiter bei einer Pressekonferenz im Rathaus. «Erstens: Beschleunigung von Baugenehmigungen. Zweitens: Umwandlung von Büroflächen in Wohnraum. Drittens: Verstärkter sozialer Wohnungsbau.»
Konkret plant die Stadt, bis 2026 jährlich 8.500 neue Wohnungen zu schaffen. Zudem sollen leer stehende Bürogebäude, deren Zahl seit der Corona-Pandemie zugenommen hat, in bezahlbaren Wohnraum umgewandelt werden.
Für Studentin Lisa Berger ist das ein schwacher Trost. «Ich suche seit acht Monaten eine bezahlbare Wohnung und werde bei jeder Besichtigung von 50 anderen Interessenten überrannt», berichtet die 24-Jährige. «Viele meiner Kommilitonen pendeln inzwischen aus Augsburg oder Rosenheim, weil sie in München nichts finden.»
Auch der Münchner Mieterverein schlägt Alarm. «Die Situation ist nicht mehr tragbar«, sagt Vorsitzende Beatrix Zuber. «Wir brauchen einen echten Mietendeckel und mehr Tempo beim Wohnungsbau.» Der Verein fordert eine Ausweitung der Mietpreisbremse und höhere Investitionen in den öffentlichen Wohnungsbau.
Im Vergleich zu anderen Großstädten zeigt sich das Ausmaß der Münchner Wohnungskrise deutlich. Während in Hamburg die Durchschnittsmiete bei 1.290 Euro liegt, zahlt man in Berlin 1.180 Euro und in Köln 1.140 Euro für eine vergleichbare Wohnung.
Besonders dramatisch ist die Situation für Neuzugezogene und junge Familien. Für eine 90-Quadratmeter-Wohnung müssen Mieter in München inzwischen mit Kaltmieten von über 2.000 Euro rechnen – Nebenkosten nicht eingerechnet.
«München war schon immer teuer, aber jetzt erreichen wir ein Niveau, das selbst gut verdienende Fachkräfte abschreckt», warnt IHK-Präsidentin Gabriele Nürnberger. «Das wird zum echten Standortnachteil für Unternehmen, die Mitarbeiter gewinnen wollen.»
Einen Lichtblick gibt es allerdings: Die Stadt plant, das Baulandmodell zu erweitern. Bei allen neuen Wohnbauprojekten sollen künftig 40 Prozent der Wohnungen preisgebunden sein – bisher waren es 30 Prozent.
«Die Zahlen sind ein Weckruf», betont Stadtbaurätin Elisabeth Merk. «Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen, um München wieder bezahlbarer zu machen.»
Für viele Münchner bleibt die Situation dennoch aussichtslos. Eine aktuelle Umfrage zeigt: 38 Prozent der Befragten denken darüber nach, die Stadt zu verlassen, weil sie sich das Leben dort nicht mehr leisten können.
Der Weg zurück zu bezahlbaren Mieten wird lang und schwierig. Experten sind sich einig: Nur eine Kombination aus mehr Wohnungsbau, strengerer Regulierung und innovativen Wohnkonzepten kann die Situation langfristig verbessern.