Die Nordsee entwickelt sich zum Zentrum der Energiewende in Europa. Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg diskutierten Politiker, Wirtschaftsvertreter und Gewerkschafter über die enormen Chancen der Windkraft – und die Gefahr, diese zu verspielen.
CDU-Chef Friedrich Merz nutzte den Gipfel für eine klare Positionierung seiner Partei. «Wir brauchen eine grundlegende Weichenstellung für den Ausbau der Windkraft in der Nordsee», erklärte Merz vor den rund 300 Teilnehmern. Die CDU wolle im Falle einer Regierungsübernahme die Offshore-Kapazitäten deutlich schneller ausbauen als bisher geplant.
Nach aktuellen Zahlen der Bundesregierung soll die Leistung der Windkraftanlagen in der Nordsee bis 2030 auf 22 Gigawatt steigen, bis 2045 auf 70 Gigawatt. Merz bezeichnet diese Ziele als «zu wenig ambitioniert» und fordert eine Verdopplung der Ausbaugeschwindigkeit. «Wir verspielen sonst eine historische Chance für den Industriestandort Deutschland», warnte der Oppositionsführer.
Die Industrie unterstützt diesen Kurs. «Die Nordsee kann zum grünen Kraftwerk Europas werden», betonte Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. «Dafür brauchen wir jedoch dringend mehr Tempo bei Genehmigungen, Netzanschlüssen und der Fachkräftegewinnung.»
Die IG Metall warnte vor einer verpassten Chance. «Wir sehen bereits heute, dass Aufträge für Windkraftanlagen ins Ausland abwandern», sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich. In Hamburg, Bremerhaven und an anderen Küstenstandorten seien tausende Industriearbeitsplätze bedroht. «Wir brauchen jetzt eine Industriestrategie, die Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland sichert.»
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) verwies auf die wirtschaftlichen Potenziale: «Allein im Hamburger Hafen könnten durch die Energiewende bis zu 15.000 neue Arbeitsplätze entstehen.» Die Hansestadt investiert bereits in Infrastruktur für grünen Wasserstoff, der mit Offshore-Windstrom produziert werden soll.
Ein zentrales Thema des Gipfels war die europäische Zusammenarbeit. Dänemark, die Niederlande und Belgien treiben den Ausbau der Windkraft in der Nordsee konsequent voran. «Deutschland droht den Anschluss zu verlieren», warnte Stefan Klebert, Vorstandsvorsitzender des Anlagenbauers GEA Group. «Unsere europäischen Nachbarn sind bei Genehmigungsverfahren und Netzausbau deutlich schneller.»
Die Bundesregierung wurde für ihre schleppende Umsetzung der Energiewende kritisiert. «Wir hören viele Ankündigungen, aber sehen zu wenig konkrete Maßnahmen», bemängelte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Sein Bundesland beherbergt wichtige Produktionsstandorte der Windkraftindustrie.
Einigkeit herrschte bei der Forderung nach einer Beschleunigung der Genehmigungsverfahren. Derzeit dauert es oft sechs bis acht Jahre, bis ein Offshore-Windpark ans Netz gehen kann. «Diese Zeiträume müssen halbiert werden», forderte Merz und erhielt dafür breite Zustimmung.
Umweltverbände betonten die Notwendigkeit, beim Ausbau Naturschutzaspekte zu berücksichtigen. «Die Nordsee ist ein empfindliches Ökosystem», erinnerte Olaf Bandt vom BUND. «Wir brauchen klare Regeln, wie Windparks naturverträglich gebaut werden können.»
Der Nordsee-Gipfel in Hamburg hat gezeigt, dass die politischen und wirtschaftlichen Akteure die Bedeutung der Offshore-Windkraft erkennen. Nun kommt es darauf an, ob den Worten auch Taten folgen. Die nächsten Monate werden entscheidend sein, ob Deutschland seine Rolle als führende Industrienation in der Energiewende behaupten kann oder ob andere Länder diese Chance nutzen werden.