In Hamburg wurden in diesem Jahr bereits 18 tote Obdachlose gefunden. Allein in der vergangenen Woche entdeckte man drei weitere verstorbene wohnungslose Menschen im Stadtgebiet. Diese erschütternde Entwicklung wirft erneut ein Schlaglicht auf die prekäre Situation obdachloser Menschen in der Hansestadt.
Am vergangenen Wochenende fand die Polizei einen toten Obdachlosen in einer Parkanlage in Hamburg-Altona. Fast zeitgleich entdeckten Passanten einen weiteren verstorbenen wohnungslosen Mann auf einer Parkbank am Hauptbahnhof. Nur wenige Tage zuvor war bereits ein dritter obdachloser Mensch tot aufgefunden worden.
«Diese Todesfälle sind eine Tragödie und hätten möglicherweise verhindert werden können», erklärt Jörn Sturm vom Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. «Jeder dieser Menschen hatte eine Geschichte und Würde – dass sie auf der Straße sterben mussten, ist ein Versagen unserer Gesellschaft.»
Die Todesursachen sind vielfältig. Bei einigen Verstorbenen spielten vermutlich Vorerkrankungen eine Rolle, bei anderen könnten Drogen oder Alkohol zum Tod geführt haben. Die genauen Umstände werden noch untersucht. Experten weisen jedoch darauf hin, dass das Leben auf der Straße grundsätzlich mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden ist.
Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt, berichtet aus seiner täglichen Arbeit: «Viele Obdachlose haben keinen regelmäßigen Zugang zur medizinischen Versorgung. Chronische Erkrankungen werden oft nicht behandelt, bis es zu spät ist. Die Lebenserwartung von Menschen auf der Straße liegt deutlich unter dem Durchschnitt.»
Laut Statistik der Sozialbehörde starben im gesamten Jahr 2023 insgesamt 28 obdachlose Menschen in Hamburg. Mit bereits 18 Todesfällen in den ersten vier Monaten des Jahres 2024 zeichnet sich eine besorgniserregende Steigerung ab. Besonders tragisch: Die warme Jahreszeit steht erst noch bevor, und nicht alle Todesfälle werden in der Statistik erfasst.
Die Gründe für den Anstieg sind komplex. Zum einen steigt die Zahl der wohnungslosen Menschen in Hamburg kontinuierlich. Zum anderen fehlen nach wie vor ausreichend Unterkünfte und niedrigschwellige Hilfsangebote. Sozialverbände fordern seit langem mehr Plätze in der Obdachlosenhilfe und einen besseren Zugang zu medizinischer Versorgung.
«Wir sehen einen besorgniserregenden Trend bei der Zahl obdachloser Menschen mit schweren gesundheitlichen Problemen», sagt Anja Schmidt von der Diakonie Hamburg. «Viele leiden unter mehrfachen Erkrankungen. Psychische Probleme, Suchterkrankungen und körperliche Leiden treten oft gemeinsam auf.»
Das städtische Winternotprogramm, das von November bis März Schlafplätze für Obdachlose bereitstellt, wurde zwar bis Ende April verlängert. Dennoch reichen die Kapazitäten nicht aus, um allen Betroffenen zu helfen. Zudem gibt es eine Gruppe von Obdachlosen, die bestehende Hilfsangebote aus verschiedenen Gründen nicht annehmen kann oder will.
Bürgerschaftsabgeordnete Cansu Özdemir von der Linksfraktion kritisiert: «Die hohe Zahl der Todesfälle zeigt, dass die bestehenden Maßnahmen nicht ausreichen. Wir brauchen mehr niedrigschwellige Angebote und vor allem: bezahlbaren Wohnraum.»
Die Sozialbehörde verweist auf ihre Bemühungen, die Situation zu verbessern. Ein Sprecher betont: «Hamburg verfügt über ein dichtes Netz an Hilfsangeboten. Wir arbeiten kontinuierlich daran, diese auszubauen und an die Bedürfnisse anzupassen.» Im vergangenen Jahr wurde das Housing-First-Programm erweitert, das Obdachlose direkt in eigene Wohnungen vermittelt.
Experten sind sich einig: Um weitere Todesfälle zu verhindern, braucht es mehr aufsuchende Hilfe. Mobile Teams, die Obdachlose regelmäßig an ihren Aufenthaltsorten besuchen und medizinische Grundversorgung anbieten, könnten Leben retten. Das Straßenambulanz-Projekt «CaFée mit Herz» in St. Pauli zeigt, wie wirksam solche Angebote sein können.
Jedes Jahr im Februar findet in Hamburg eine Gedenkfeier für verstorbene Obdachlose statt. Dort werden die Namen der Verstorbenen verlesen und Kerzen angezündet. «Diese Menschen dürfen nicht vergessen werden», sagt Pastor Sieghard Wilm von der St. Pauli Kirche. «Sie erinnern uns daran, dass wir als Gesellschaft mehr tun müssen.»
Die Hamburger Innenbehörde hat angekündigt, die jüngsten Todesfälle genau zu untersuchen. Die Ergebnisse sollen in künftige Hilfskonzepte einfließen. Gleichzeitig rufen Streetworker die Bevölkerung auf, aufmerksam zu sein und den Notruf zu wählen, wenn sie hilflose Obdachlose bemerken.
«Jeder kann helfen», betont Sozialarbeiter Karrenbauer. «Manchmal reicht ein Gespräch, manchmal ist professionelle Hilfe nötig. Wegschauen ist keine Option.«
Die steigenden Zahlen verdeutlichen: Hamburg steht vor einer humanitären Herausforderung. Die Stadt muss Wege finden, die am stärksten gefährdeten Menschen besser zu schützen und ihnen einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen.