Hamburg bekommt eine zweite Chance auf die Olympischen Spiele. Nach der gescheiterten Bewerbung für 2024 nimmt die Hansestadt nun die Spiele 2036 oder 2040 ins Visier. Bis März 2024 will der Senat ein tragfähiges Finanzierungskonzept vorlegen. Die Pläne stoßen auf breite Unterstützung in Politik und Wirtschaft, doch viele Hamburger erinnern sich noch an das Scheitern beim Bürgerentscheid 2015.
«Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen», betont Sportsenator Andy Grote. «Diesmal werden wir die Bürgerinnen und Bürger von Anfang an mitnehmen.» Der SPD-Politiker sieht in den Olympischen Spielen eine historische Chance für die Stadtentwicklung. Besonders die HafenCity und der geplante neue Stadtteil Grasbrook könnten als Austragungsorte dienen und nachhaltig von Infrastrukturinvestitionen profitieren.
Die Handelskammer Hamburg unterstützt die Pläne nachdrücklich. «Olympische Spiele würden einen enormen Schub für die lokale Wirtschaft bedeuten», erklärt Kammerpräses Norbert Aust. Schätzungen zufolge könnten die Spiele bis zu 20.000 temporäre Arbeitsplätze schaffen und Investitionen in Milliardenhöhe nach Hamburg bringen.
Anders als bei früheren Olympia-Bewerbungen setzt das Internationale Olympische Komitee (IOC) inzwischen auf Nachhaltigkeit und die Nutzung bestehender Infrastruktur. Hamburg plant, überwiegend vorhandene Sportstätten zu nutzen und nur wenige neue zu errichten. Das Volksparkstadion, die Barclaycard Arena und das Millerntor-Stadion könnten nach entsprechendem Umbau olympiatauglich sein.
Kritische Stimmen kommen besonders von Umweltverbänden und Teilen der Stadtgesellschaft. «Die Kosten werden wieder explodieren, während dringend benötigter Wohnraum und Schulen auf der Strecke bleiben», warnt Heike Sudmann von der Linkspartei. Der BUND Hamburg fordert verbindliche Umweltstandards und echte Bürgerbeteiligung statt einer «Hochglanzveranstaltung von oben».
Besonders die Finanzierung bleibt ein heikles Thema. Der Senat rechnet mit Kosten zwischen 4 und 5 Milliarden Euro, wobei ein erheblicher Teil vom Bund getragen werden soll. Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard (SPD) betont: «Wir entwickeln ein solides Konzept, das die finanziellen Risiken für die Stadt minimiert. Die Spiele müssen sich für Hamburg lohnen.»
Umfragen zeigen ein geteiltes Meinungsbild in der Bevölkerung. Etwa 52 Prozent der Hamburger stehen einer erneuten Olympia-Bewerbung positiv gegenüber, während 38 Prozent skeptisch bleiben. Besonders jüngere Menschen unter 30 Jahren befürworten die Pläne mit deutlicher Mehrheit.
Eine Besonderheit der neuen Bewerbung ist die enge Abstimmung mit Berlin. Hamburg könnte als Hauptaustragungsort fungieren, während einige Wettbewerbe in der Hauptstadt stattfinden würden. «Diese Kooperation stärkt unsere Chancen erheblich», erklärt Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher. «Deutschland tritt geschlossen auf.»
Das Jahr 2036 hat dabei eine besondere historische Dimension – 100 Jahre nach den von den Nationalsozialisten instrumentalisierten Spielen in Berlin. «Gerade deshalb wäre es ein starkes Zeichen, wenn Deutschland demokratische, weltoffene und nachhaltige Spiele ausrichten würde», betont DOSB-Präsident Thomas Weikert.
Die endgültige Entscheidung über eine Bewerbung soll nach Vorlage des Finanzierungskonzepts im Frühjahr 2024 fallen. Anders als 2015 plant der Senat diesmal keinen Bürgerentscheid, sondern setzt auf kontinuierlichen Dialog mit der Stadtgesellschaft. Ob dies ausreicht, um die Hamburger zu überzeugen, bleibt abzuwarten.
Die internationalen Chancen stehen nicht schlecht: Das IOC sucht zunehmend nach europäischen Ausrichtern mit bestehender Infrastruktur und Erfahrung in der Durchführung von Großveranstaltungen. Mit der Fußball-EM 2024 kann Deutschland bald neue Kompetenz in diesem Bereich nachweisen. Die Vergabeentscheidung für 2036 wird voraussichtlich 2029 fallen.