Die Stadt Dortmund führt bei den Pflegegehältern in Deutschland. Mit durchschnittlich 4387 Euro brutto monatlich verdienen Pflegekräfte hier mehr als überall sonst im Land. Auch Essen liegt mit ähnlichen Werten ganz vorne. Die aktuellen Zahlen zeigen deutliche regionale Unterschiede in der Bezahlung von Pflegeberufen. Während im Ruhrgebiet die Gehälter vergleichsweise hoch sind, verdienen Pflegekräfte in anderen Regionen teilweise mehrere hundert Euro weniger. Diese Entwicklung wirft Fragen nach Gerechtigkeit und der Zukunft der Pflege auf.
Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Auswertung der Bundesagentur für Arbeit. Sie umfassen alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege. Bundesweit liegt das durchschnittliche Bruttogehalt in der Pflege bei etwa 3580 Euro monatlich. Dortmund übertrifft diesen Wert um mehr als 800 Euro. Das ist eine Differenz von über 22 Prozent. Für viele Pflegekräfte macht dieser Unterschied den entscheidenden Punkt bei der Jobwahl aus.
Das hohe Gehaltsniveau in Dortmund hat mehrere Gründe. Die Stadt verfügt über mehrere große Krankenhäuser und Klinikverbünde. Viele dieser Einrichtungen zahlen nach Tarifvertrag. Die kommunalen Kliniken sind an den öffentlichen Dienst gebunden. Dort gelten klare Gehaltstabellen mit regelmäßigen Steigerungen. Auch private Träger orientieren sich oft an diesen Standards, um im Wettbewerb um Fachkräfte mithalten zu können. Die Tarifbindung spielt dabei eine zentrale Rolle.
Maria Schneider arbeitet seit zwölf Jahren als Krankenschwester am Klinikum Dortmund. «Ich weiß, dass wir hier gut bezahlt werden», sagt sie. «Aber die Arbeit ist auch sehr fordernd.» Sie betont, dass das höhere Gehalt nicht automatisch bessere Arbeitsbedingungen bedeute. Der Personalmangel sei auch in Dortmund spürbar. Die Schichten seien lang, die Belastung hoch. Dennoch sei sie froh über die faire Bezahlung. «Das gibt mir zumindest ein Stück Wertschätzung», erklärt Schneider.
Die regionalen Unterschiede sind beträchtlich. In ländlichen Gebieten Ostdeutschlands verdienen Pflegekräfte teilweise nur 2800 Euro brutto. Das sind fast 1600 Euro weniger als in Dortmund. Auch innerhalb Nordrhein-Westfalens gibt es Unterschiede. In kleineren Städten des Münsterlandes liegen die Gehälter oft um 10 bis 15 Prozent niedriger. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Kleinere Einrichtungen können oft nicht die gleichen Gehälter zahlen. Die Tarifbindung ist schwächer. Und die Lebenshaltungskosten sind unterschiedlich.
Experten sehen in den Gehaltsunterschieden sowohl Chancen als auch Risiken. Professor Thomas Weber von der Fachhochschule für Gesundheit in Bochum forscht zu Pflegeberufen. «Die höheren Gehälter in Dortmund sind ein positives Signal», sagt er. Sie zeigten, dass Pflege angemessen bezahlt werden könne. Gleichzeitig berge die regionale Spreizung Gefahren. «Wir erleben eine Binnenmigration von Pflegekräften«, erklärt Weber. Fachkräfte ziehen aus ländlichen Regionen in die besser zahlenden Städte. Das verstärke den Personalmangel auf dem Land.
Diese Entwicklung ist bereits messbar. In mehreren ländlichen Kreisen Nordrhein-Westfalens ist die Zahl der Pflegekräfte in den letzten drei Jahren gesunken. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Beschäftigten in Großstädten wie Dortmund, Essen und Köln. Kleine Pflegeheime und Krankenhäuser haben zunehmend Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen. Manche müssen Abteilungen schließen oder die Aufnahmekapazität reduzieren. Die Versorgungssicherheit in diesen Regionen gerät unter Druck.
Die Stadt Dortmund sieht die hohen Gehälter als Standortvorteil. «Wir haben eine starke Gesundheitswirtschaft», sagt Stadträtin Andrea Vogel. Die gute Bezahlung helfe, Fachkräfte zu halten und neue zu gewinnen. Dortmund investiere zudem in Ausbildung und Weiterbildung. «Wir wollen, dass Menschen hier gerne in der Pflege arbeiten», betont Vogel. Die Stadt fördere auch Initiativen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Flexible Dienstpläne und Kinderbetreuung seien wichtige Faktoren.
Doch nicht alle profitieren gleich. In der ambulanten Pflege sind die Gehälter oft deutlich niedriger. Viele ambulante Dienste zahlen nur knapp über Mindestlohn. Hier fehlt oft die Tarifbindung. Die Arbeitsbedingungen sind schwieriger. Pflegekräfte fahren von Haushalt zu Haushalt, oft ohne ausreichend Zeit für die Patienten. «Die Schere zwischen Klinik und ambulanter Pflege wird größer», warnt Gewerkschaftsvertreterin Sandra Krüger von ver.di. Das sei ein Problem für die gesamte Pflegelandschaft.
Die Gewerkschaften fordern bundesweit einheitliche Standards. Ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für die Pflege sei überfällig, so Krüger. «Wir brauchen nicht nur in Dortmund gute Gehälter, sondern überall.» Die Politik habe hier eine Verantwortung. Bundesweit gebe es etwa 1,7 Millionen Beschäftigte in der Pflege. Ihre Arbeit sei systemrelevant. Das müsse sich auch in der Bezahlung widerspiegeln. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig Pflegekräfte sind.
Die Bundesregierung hat verschiedene Maßnahmen angekündigt. Eine Pflegereform soll die Arbeitsbedingungen verbessern. Mehr Personal, bessere Bezahlung und höhere Qualität sind die Ziele. Doch die Umsetzung stockt. Die Finanzierung ist umstritten. Krankenkassen, Länder und Bund streiten über die Kosten. Währenddessen verschärft sich der Personalmangel weiter. Bis 2030 werden nach Schätzungen etwa 200.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt.
In Dortmund beobachtet man die Entwicklung aufmerksam. Die Stadt hat eine alternde Bevölkerung. Der Bedarf an Pflegeleistungen steigt. Schon jetzt sind etwa 15 Prozent der Dortmunder über 65 Jahre alt. In zehn Jahren wird dieser Anteil auf über 20 Prozent steigen. Das bedeutet mehr Patienten in Kliniken und mehr Pflegebedürftige zu Hause. Die Stadt investiert deshalb in den Ausbau der Pflegeinfrastruktur. Neue Pflegeheime entstehen, bestehende werden modernisiert.
Die hohen Gehälter ziehen auch junge Menschen an. An der Dortmunder Pflegeschule ist die Zahl der Bewerbungen gestiegen. «Die Berufsperspektiven sind hier gut», sagt Schulleiter Markus Fischer. Die Absolventen fänden schnell einen Job. Die Bezahlung sei attraktiv. «Aber wir müssen ehrlich sein», fügt er hinzu. Die Arbeit in der Pflege sei körperlich und emotional belastend. Nicht jeder halte dem auf Dauer stand. Die Abbrecherquote in der Ausbildung liege bei etwa 25 Prozent.
Andere Städte schauen auf Dortmund. Essen liegt bei den Gehältern fast gleichauf. Auch dort gibt es große Klinikverbünde und eine starke Tarifbindung. In Düsseldorf liegen die Durchschnittsgehälter nur wenig niedriger. Im Rhein-Main-Gebiet sind die Werte ähnlich hoch. Die wirtschaftsstarken Regionen können höhere Löhne zahlen. Das verstärkt regionale Ungleichgewichte. Strukturschwache Regionen haben kaum eine Chance, im Wettbewerb mitzuhalten.
Die Frage der Finanzierung bleibt zentral. Höhere Gehälter müssen finanziert werden. In der stationären Pflege tragen die Krankenkassen die Kosten. Bei ambulanten Diensten zahlen oft die Patienten selbst einen großen Teil. Höhere Personalkosten führen zu höheren Gebühren. Das kann sich nicht jeder leisten. «Wir brauchen eine solidarische Finanzierung«, fordert Pflegeexperte Weber. Die Gesellschaft müsse entscheiden, wie viel ihr gute Pflege wert sei.
Für die Pflegekräfte in Dortmund ist die aktuelle Situation zweischneidig. Sie verdienen gut und haben sichere Arbeitsplätze. Aber sie wissen auch, dass Kollegen in anderen Regionen schlechter gestellt sind. «Eigentlich ist es ungerecht», sagt Maria Schneider. Die gleiche Arbeit sollte überall gleich bezahlt werden. Sie hofft auf politische Lösungen. Eine bundesweite Angleichung der Gehälter wäre ein wichtiger Schritt. Bis dahin bleibt Dortmund ein Magnet für Pflegekräfte aus ganz Deutschland.
Die Entwicklung zeigt: Pflege ist nicht gleich Pflege. Die regionalen Unterschiede prägen den Beruf stark. Wer in Dortmund arbeitet, hat finanzielle Vorteile. Wer auf dem Land bleibt, verdient oft deutlich weniger. Diese Kluft gefährdet die gleichmäßige Versorgung in ganz Deutschland. Politik, Träger und Gewerkschaften sind gefordert, Lösungen zu finden. Die Pflege ist ein Eckpfeiler unseres Sozialsystems. Sie verdient Wertschätzung – überall.
Für Dortmund bedeuten die hohen Gehälter auch Verantwortung. Die Stadt muss ihre Position nutzen, um Standards zu setzen. Gute Bezahlung ist nur ein Teil. Auch die Arbeitsbedingungen müssen stimmen. Ausreichend Personal, moderne Ausstattung und Weiterbildung sind wichtig. Nur so bleibt Pflege ein attraktiver Beruf. Die Stadt zeigt, dass es möglich ist. Jetzt müssen andere folgen. Die Pflegekräfte haben es verdient.