Schimmel in den Bauakten bedroht Dortmunder Wohnungsprojekte
In einem Kellerraum des Dortmunder Bauamtes lagert die bauliche Geschichte der Stadt – und sie verfällt zusehends. Der Dortmunder Architekt Jan Pinner schlägt Alarm, nachdem er bei einem Besuch im Bauaktenarchiv einen besorgniserregenden Zustand vorfand: Viele der wichtigen Dokumente sind von Schimmel befallen.
«Als ich die Akten für ein Bauprojekt einsehen wollte, war ich schockiert», berichtet Pinner. «Viele Unterlagen sind kaum noch lesbar, weil sie von Schimmel überzogen sind. Das ist nicht nur ein Problem für die Stadtgeschichte, sondern hat ganz konkrete Auswirkungen auf aktuelle Bauprojekte.»
Das Bauaktenarchiv enthält Baupläne, statische Berechnungen und Genehmigungen für nahezu jedes Gebäude der Stadt. Diese Informationen sind unverzichtbar für Umbauten, Sanierungen oder den Nachweis von Bestandsschutz. Wenn Architekten oder Bauherren auf diese Unterlagen nicht mehr zugreifen können, verzögern sich Projekte oder werden unnötig teuer.
Gefahr für die Gesundheit und den Wohnungsmarkt
Besonders bedenklich: Der Schimmelbefall stellt nicht nur eine Gefahr für die Dokumente selbst dar, sondern auch für die Menschen, die mit ihnen arbeiten müssen. «Die Mitarbeiter des Archivs und Besucher wie ich atmen diese Schimmelsporen ein», erklärt Pinner. «Das kann gesundheitliche Folgen haben.»
Für den Wohnungsmarkt in Dortmund könnte die Situation weitreichende Konsequenzen haben. Ohne verlässliche Bestandsdaten müssen bei Umbauten oder Sanierungen oft aufwändige neue Gutachten erstellt werden. Das kostet Zeit und Geld – und treibt letztlich die Wohnkosten nach oben.
Eine Mitarbeiterin des Bauamtes, die anonym bleiben möchte, bestätigt die Probleme: «Wir wissen seit Jahren, dass die Lagerungsbedingungen nicht optimal sind. Es fehlt an klimatisierten Räumen und Personal für die fachgerechte Archivierung. Aber bisher wurde das Problem immer wieder verschoben.»
Digitalisierung als Lösung?
Die Stadt Dortmund hat mittlerweile reagiert und plant eine schrittweise Digitalisierung des Archivs. «Wir haben das Problem erkannt und arbeiten an Lösungen», erklärt Thomas Meyer vom städtischen Bauamt. «Allerdings ist die Digitalisierung tausender historischer Akten ein Mammutprojekt, das Zeit und erhebliche finanzielle Mittel erfordert.»
Bis dahin müssen Architekten wie Jan Pinner improvisieren. «Ich fotografiere jetzt bei jedem Archivbesuch alle Unterlagen ab, die ich finden kann – auch wenn sie nicht direkt für mein aktuelles Projekt relevant sind. Man weiß ja nie, wann man sie brauchen wird und ob sie dann noch lesbar sind.»
Experten für Baudenkmalpflege sehen in der Situation ein Symptom für ein größeres Problem. «Viele Kommunen haben ihre Archive über Jahrzehnte vernachlässigt», sagt Dr. Claudia Weber vom Institut für Stadtbaugeschichte. «Dabei sind diese Unterlagen nicht nur historisch wertvoll, sondern auch wirtschaftlich relevant. Ohne sie wird Bauen im Bestand unnötig kompliziert.»
Bürgerinitiative fordert schnelles Handeln
Eine Gruppe engagierter Bürger hat nun eine Initiative gegründet, um Druck auf die Stadtverwaltung auszuüben. «Rettet Dortmunds Baugeschichte» fordert eine beschleunigte Digitalisierung und bessere Lagerungsbedingungen für die noch nicht digitalisierten Akten.
«Es geht hier um unser bauliches Erbe», betont Klaus Berger, Sprecher der Initiative. «Wenn die Pläne unserer historischen Gebäude verloren gehen, verlieren wir einen Teil unserer Stadtidentität. Außerdem wird es für Hausbesitzer immer schwieriger, ihre Gebäude fachgerecht zu sanieren.»
Die Stadt hat mittlerweile zugesagt, einen Notfallplan zu erarbeiten. «Wir prüfen derzeit, welche Akten besonders gefährdet sind und vorrangig gerettet werden müssen», so Meyer. «Parallel dazu suchen wir nach geeigneten Räumlichkeiten für eine bessere Zwischenlagerung.»
Für Architekt Pinner kommt das hoffentlich nicht zu spät: «Ich arbeite gerade an der Sanierung eines Gründerzeithauses in der Nordstadt. Ohne die originalen Baupläne tappen wir teilweise im Dunkeln. Das macht alles teurer und risikoreicher – und das in Zeiten, wo bezahlbarer Wohnraum ohnehin knapp ist.»
Das Problem in Dortmund ist kein Einzelfall. Auch andere Städte im Ruhrgebiet kämpfen mit ähnlichen Herausforderungen. Experten fordern daher ein landesweites Programm zur Rettung kommunaler Bauakten. Bis dahin bleibt den Dortmunder Architekten und Bauherren nur die Hoffnung, dass ihre benötigten Unterlagen zu den ersten gehören, die gerettet werden.