In der Silvesternacht 2025/2026 erlebte Berlin erneut gewaltsame Ausschreitungen mit einer besorgniserregenden Eskalation der Gewalt gegenüber Einsatzkräften. Bis zum frühen Morgen nahm die Polizei mehr als 300 Personen fest – deutlich mehr als im Vorjahr, als 145 Menschen in Gewahrsam kamen.
«Die Situation ist in einigen Stadtteilen völlig außer Kontrolle geraten», berichtete Polizeisprecherin Martina Weber am Neujahrsmorgen. «Unsere Einsatzkräfte wurden gezielt mit Feuerwerkskörpern beschossen und mit Flaschen beworfen.» Allein in Neukölln wurden 87 Beamte verletzt, zwei davon schwer.
Im Brennpunkt der Krawalle standen vor allem die Bezirke Neukölln, Wedding und Teile von Kreuzberg. Auf dem Hermannplatz versammelten sich gegen 23 Uhr etwa 500 Menschen, überwiegend junge Männer. Als Polizisten eintrafen, um gezielte Böllerwürfe auf Passanten zu unterbinden, wurden sie selbst zur Zielscheibe.
«Wir haben uns auf eine schwierige Nacht vorbereitet, aber das Ausmaß der Gewaltbereitschaft hat unsere Erwartungen übertroffen», sagte Berlins Innensenatorin Katja Schmidt. Die Stadt hatte das Einsatzkonzept nach den Krawallen der Vorjahre angepasst und 5.000 Polizisten mobilisiert – 800 mehr als im Vorjahr.
Die Feuerwehr verzeichnete 1.850 Einsätze, davon 1.300 Brandeinsätze. «In mehreren Fällen wurden unsere Löschfahrzeuge blockiert, und die Kollegen mussten unter Polizeischutz arbeiten», erklärte Feuerwehrsprecher Thomas Müller. In der Sonnenallee brannten zeitweise acht Fahrzeuge gleichzeitig, während Einsatzkräfte mit Raketen beschossen wurden.
Augenzeugenberichte aus Neukölln schildern erschreckende Szenen. «Es fühlte sich wie in einem Kriegsgebiet an», berichtet Anwohnerin Sabine Krüger (54). «Gruppen junger Männer haben gezielt Polizisten angegriffen. Als ein Feuerwehrauto in unsere Straße einbiegen wollte, wurde es mit einem regelrechten Feuerwerk bombardiert.»
In sozialen Medien verbreiteten sich schnell Videos der Ausschreitungen. Ein besonders verstörendes Video zeigt, wie ein Rettungswagen in der Sonnenallee von etwa 20 Personen umringt und mit Böllern beworfen wird, während die Sanitäter im Inneren Patienten versorgen.
Kommunalpolitiker zeigten sich erschüttert. «Was wir hier erleben, ist keine Tradition oder Feierkultur – das ist blanke Gewalt gegen unsere Gesellschaft», sagte Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Schulze. «Wir brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz, der über bloße Repression hinausgeht.»
Kritik kommt auch von der Gewerkschaft der Polizei. «Unsere Kolleginnen und Kollegen werden verheizt in einer Situation, die politisch nicht gelöst wird», sagte der Landesvorsitzende Stefan Behrens. «Seit Jahren fordern wir ein umfassendes Konzept mit Sozialarbeit, Prävention und konsequenter Strafverfolgung.»
Die Polizei richtete vier Sonderstellen ein, um die Straftaten aus der Silvesternacht schnell zu verfolgen. «Wir werten aktuell über 300 Stunden Videomaterial aus», erklärte ein Polizeisprecher. «Durch die verstärkte Videoüberwachung an Brennpunkten haben wir deutlich besseres Beweismaterial als in den Vorjahren.»
Die Berliner Verkehrsbetriebe meldeten Sachschäden an 23 Bussen und zwei U-Bahnstationen. Der wirtschaftliche Gesamtschaden wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt.
Während in vielen Stadtteilen wie Charlottenburg oder Prenzlauer Berg die Silvesterfeiern überwiegend friedlich verliefen, zeigt die Eskalation in den Brennpunkten, dass die Stadt trotz verstärkter Maßnahmen noch keinen wirksamen Weg gefunden hat, die Gewalt einzudämmen.
Experten fordern nun einen runden Tisch mit Vertretern aus Politik, Polizei, Sozialarbeit und den betroffenen Gemeinschaften. «Wir müssen ehrlich über die Ursachen dieser Gewalt sprechen», sagt Soziologe Dr. Michael Weber von der Humboldt-Universität. «Perspektivlosigkeit, mangelnde Integration und das Gefühl, nicht gehört zu werden, spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig brauchen wir klare Grenzen und Konsequenzen für diejenigen, die unsere Einsatzkräfte angreifen.»
Bürgermeister Kai Wegner kündigte für die kommende Woche eine Sondersitzung des Senats an. «Diese Gewaltexzesse sind inakzeptabel und werden Konsequenzen haben», sagte er. «Wir werden das bestehende Sicherheitskonzept grundlegend überarbeiten und alle Optionen prüfen – von ausgeweiteten Böllerverbotszonen bis hin zu mehr Präventionsarbeit in den Monaten vor Silvester.»