Ein schwerwiegender Stromausfall hält seit Montagabend große Teile von Berlin-Neukölln im Dunkeln. Mehr als 9.000 Haushalte, zahlreiche Geschäfte und öffentliche Einrichtungen sind betroffen. Die Reparaturarbeiten gestalten sich komplizierter als zunächst angenommen und könnten sich noch bis zum Wochenende hinziehen.
Der Ausfall begann am Montag gegen 21:30 Uhr, als mehrere unterirdische Mittelspannungskabel beschädigt wurden. Betroffen sind vor allem die Wohngebiete rund um die Sonnenallee, die Karl-Marx-Straße und Teile des Reuterkiezes – eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Hauptstadt.
Nach Angaben des Netzbetreibers Stromnetz Berlin liegt die Ursache in einem komplexen technischen Defekt an mehreren Mittelspannungskabeln. «Wir haben es mit einer ungewöhnlich schwierigen Situation zu tun», erklärt Thomas Schmidt, Sprecher von Stromnetz Berlin. «Mehrere 10.000-Volt-Kabel wurden gleichzeitig beschädigt. Das kommt äußerst selten vor.»
Die Reparaturarbeiten gestalten sich besonders aufwändig, weil die beschädigten Kabel tief unter der Straße liegen und mehrere Straßen aufgegraben werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige der betroffenen Kabel in unmittelbarer Nähe zu Gas- und Wasserleitungen verlaufen, was die Arbeiten zusätzlich verlangsamt.
«Wir arbeiten rund um die Uhr mit Hochdruck an der Behebung des Problems», versichert Schmidt. «Unsere Teams sind mit schwerem Gerät im Einsatz, aber wir müssen sehr vorsichtig vorgehen, um keine weiteren Infrastrukturleitungen zu beschädigen.»
Auswirkungen auf die Bewohner
Für die Anwohner hat der anhaltende Stromausfall erhebliche Konsequenzen. Viele Wohnungen bleiben kalt, da auch die Heizungen in vielen Gebäuden elektrisch gesteuert werden. Lebensmittel in Kühlschränken verderben, und ohne funktionierendes WLAN oder aufgeladene Smartphones ist die Kommunikation stark eingeschränkt.
Maria Weber, eine 72-jährige Anwohnerin aus der Weserstraße, berichtet: «Ich lebe seit 40 Jahren in Neukölln, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich sitze abends bei Kerzenlicht in meiner Wohnung und kann nicht einmal fernsehen. Das Schlimmste ist, dass niemand genau sagen kann, wann es wieder Strom gibt.»
Auch lokale Geschäfte sind schwer betroffen. Bäckereien können nicht backen, Restaurants müssen schließen, und Supermärkte verlieren verderbliche Ware im Wert von tausenden Euro.
«Für uns bedeutet jeder Tag ohne Strom einen Umsatzverlust von etwa 1.500 Euro», sagt Mehmet Yilmaz, Inhaber eines kleinen Cafés an der Sonnenallee. «Dazu kommen noch die verdorbenen Vorräte. Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten können.»
Notfallmaßnahmen des Bezirks
Der Bezirk Neukölln hat auf die anhaltende Situation reagiert und mehrere Notfallzentren eingerichtet. In der Gustav-Falke-Grundschule und im Nachbarschaftsheim Neukölln können Betroffene ihre elektronischen Geräte aufladen, warme Getränke bekommen und sich aufwärmen.
«Wir konzentrieren uns besonders auf die Unterstützung älterer Menschen und Familien mit kleinen Kindern», erklärt Bezirksbürgermeister Martin Hikel. «Unsere Sozialdienste gehen von Tür zu Tür, um sicherzustellen, dass niemand ohne Hilfe bleibt.»
Das Technische Hilfswerk (THW) hat mobile Stromgeneratoren für kritische Infrastrukturen wie Pflegeheime und Arztpraxen bereitgestellt. Außerdem wurden an mehreren Stellen im Bezirk Ladestationen für Mobiltelefone aufgebaut.
Ursachenforschung läuft parallel
Parallel zu den Reparaturarbeiten laufen bereits Untersuchungen zur genauen Ursache des massiven Ausfalls. Ersten Erkenntnissen zufolge könnte eine Kombination aus Alterung der Kabel und Überlastung zu dem Defekt geführt haben.
«Die Stromnetze in den Innenstadtbezirken sind teilweise mehrere Jahrzehnte alt», erläutert Energieexperte Prof. Dr. Klaus Müller von der Technischen Universität Berlin. «Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch durch neue elektrische Geräte, Wärmepumpen und die zunehmende Digitalisierung kontinuierlich an. Das stellt die alten Netze vor enorme Herausforderungen.»
Stromnetz Berlin plant nach eigenen Angaben, nach Abschluss der aktuellen Reparaturarbeiten ein umfassendes Modernisierungsprogramm für das betroffene Gebiet vorzulegen.
Wann wird der Strom wieder fließen?
Die Frage, die alle Betroffenen beschäftigt, ist: Wann gibt es wieder Strom? Laut Stromnetz Berlin arbeiten aktuell mehr als 50 Techniker in Schichten rund um die Uhr an der Behebung des Problems.
«Wir hoffen, bis Freitagabend die Stromversorgung für die Mehrheit der betroffenen Haushalte wiederherstellen zu können», sagt Unternehmenssprecher Schmidt. «Einige Bereiche, in denen besonders komplizierte Reparaturen notwendig sind, könnten allerdings noch bis ins Wochenende hinein ohne Strom bleiben.»
Für viele Neuköllner bedeutet dies weitere Tage im Dunkeln und ohne Heizung – eine besondere Herausforderung angesichts der aktuellen kalten Temperaturen. Der Bezirk hat angekündigt, die Notfallunterstützung so lange wie nötig aufrechtzuerhalten und bittet gleichzeitig um nachbarschaftliche Hilfe.
«In solchen Situationen zeigt sich der wahre Charakter einer Gemeinschaft», betont Bezirksbürgermeister Hikel. «Ich bin beeindruckt, wie viele Menschen sich gegenseitig helfen, sei es durch das Angebot einer warmen Dusche oder einer Tasse Kaffee. Das ist der Geist Neuköllns, der uns auch durch diese schwierige Zeit bringen wird.»
Anwohner können sich für aktuelle Informationen an die Hotline von Stromnetz Berlin (030-49202-3333) wenden oder die Webseite des Bezirksamts Neukölln besuchen, die regelmäßig aktualisiert wird.