Nach über drei Jahrzehnten verstummt das vertraute Geräusch der Zapfsäulen an der Schandauer Straße. Die letzte Tankstelle in Dresden-Striesen schließt ihre Türen für immer. Für viele Anwohner endet damit eine Ära, die weit über das reine Tanken hinausging.
«Es ist schon ein bisschen wie ein zweites Zuhause», sagt Michael Weber (58), der seit über 20 Jahren regelmäßig hier tankt. «Man kennt die Mitarbeiter beim Namen, plaudert kurz über den Alltag und holt sich nebenbei noch Zigaretten oder einen Kaffee.» Genau diese persönliche Atmosphäre wird nach der Schließung fehlen.
Die Shell-Tankstelle prägte das Straßenbild seit den frühen 1990er Jahren. Zu DDR-Zeiten stand an gleicher Stelle bereits eine Minol-Tankstelle, die nach der Wende modernisiert wurde. Wie das Statistische Landesamt mitteilte, sank die Zahl der Tankstellen in Dresden in den letzten zehn Jahren um fast 15 Prozent – ein Trend, der sich in ganz Sachsen beobachten lässt.
Für Stationsleiterin Petra Hoffmann (62) ist der Abschied besonders schwer: «Ich arbeite hier seit der Eröffnung. Wir haben Stammkunden, die ich aufwachsen sehen habe – von kleinen Kindern, die mit ihren Eltern kamen, zu Erwachsenen, die jetzt selbst mit Familie hier tanken.» Hoffmann und ihre sechs Mitarbeiter müssen sich nun beruflich neu orientieren.
Die Schließung hat verschiedene Gründe. Zum einen läuft der Pachtvertrag aus und wurde nicht verlängert. Zum anderen spielen veränderte Mobilitätsgewohnheiten eine Rolle. «Mit dem Ausbau des Straßenbahnnetzes und dem zunehmenden Umstieg auf Elektrofahrzeuge hat sich das Geschäft spürbar verändert», erklärt Hoffmann.
Das Grundstück an der Schandauer Straße 68 wird nicht lange brachliegen. Nach Informationen des Stadtplanungsamts soll hier ein Wohngebäude mit Gewerbeflächen im Erdgeschoss entstehen. Die Bauarbeiten sollen bereits im Frühjahr 2024 beginnen.
Für die Anwohner bedeutet die Schließung längere Wege zum Tanken. Die nächstgelegenen Tankstellen befinden sich an der Bergmannstraße und am Straßburger Platz, beide etwa zwei Kilometer entfernt.
«Es ist nicht nur das Tanken», bedauert Anwohnerin Helga Schmidt (73). «Ich habe hier oft kurzfristig Milch oder Brot geholt, wenn die Supermärkte schon geschlossen hatten. Und im Winter war es immer beruhigend zu wissen, dass man nachts um drei noch Fiebersaft für kranke Kinder bekommen konnte.»
Die letzten Tage der Tankstelle haben etwas von einem Abschiedsfest. Viele Stammkunden kommen noch einmal vorbei, bringen kleine Aufmerksamkeiten für das Team und halten einen Plausch. «Es ist rührend zu sehen, wie wichtig dieser Ort für viele Menschen war», sagt Hoffmann mit einem wehmütigen Lächeln.
Am kommenden Sonntag um 20 Uhr wird Petra Hoffmann zum letzten Mal die Türen der Tankstelle schließen. Was bleibt, sind Erinnerungen an einen Ort, der für viele Striesener mehr war als nur eine Tankstelle – ein Treffpunkt, eine Notfallapotheke und ein Stück Stadtteilgeschichte.