Der Nebel zieht über die Hornisgrinde, während ich auf dem schmalen Wanderweg stehe. Hier, im Herzen des Schwarzwalds, tobt ein unsichtbarer Konflikt. Ein Wolf hat die Region erreicht – und damit eine gesellschaftliche Zerreißprobe ausgelöst. Die Frage nach Abschuss oder Schutz des Tieres polarisiert Anwohner, Naturschützer und Landwirte gleichermaßen.
«Der Wolf gehört zu unserem Ökosystem und hat ein Recht auf seinen natürlichen Lebensraum», erklärt mir Umweltbiologin Dr. Claudia Lehmann beim Gespräch am Waldrand. Ihre Augen leuchten, wenn sie vom ökologischen Gleichgewicht spricht. Doch nur wenige Kilometer entfernt steht Schäfer Thomas Weber auf seiner Weide und zeigt mir die verstärkten Zäune. «Wir leben in einer Kulturlandschaft, nicht in der Wildnis. Meine Tiere sind schutzlos.» Seine Sorge ist greifbar wie der Morgentau auf den Gräsern.
Letzten Sommer erlebte ich selbst, wie ein Informationsabend im Dorfgemeinschaftshaus eskalierte. Was als sachliche Diskussion begann, endete in erhitzten Wortgefechten. Zwischen verhärteten Fronten suchen Behörden nach einem Kompromiss. Die einen fordern strenge Schutzmaßnahmen, andere eine Abschussgenehmigung. Dazwischen stehen verunsicherte Wanderer und Touristen, die den Schwarzwald plötzlich mit anderen Augen sehen.
Die Wolf-Debatte spiegelt unser kompliziertes Verhältnis zur Natur wider. Sie zwingt uns, Position zu beziehen: Welchen Platz räumen wir wilden Tieren in unserer durchorganisierten Landschaft ein? Während die Entscheidung noch aussteht, geht das Leben hier weiter – mit einer Ungewissheit, die sich wie Nebelschwaden über die Hornisgrinde legt.