Am 9. Mai 1998 verstummte das Müngersdorfer Stadion. Der letzte Pfiff war gefallen, und mit ihm endeten 35 Jahre Bundesliga ohne Unterbrechung für den 1. FC Köln. Der Abstieg traf nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er war das Ergebnis eines langen, schleichenden Verfalls, beschleunigt durch Fehler und ein Skandal-Spiel, das die Stadt bis heute nicht vergessen hat.
Der Kader verlor in den Jahren davor systematisch an Qualität. Stars wie Pierre Littbarski und Bodo Illgner verließen den Club. Für viele Fans symbolisierte der tragische Tod des Stürmers Maurice Banach 1991 das Ende einer unbeschwerten Ära. Die Mannschaft, die in die Saison 1997/98 startete, wirkte von Beginn an angeschlagen. Ein frühes Pokal-Aus beim SSV Ulm war ein schlechtes Omen.
Bereits im September 1997 musste Trainer Peter Neururer gehen. Sein Nachfolger Lorenz-Günther Köstner fand keine Lösung. Zu Weihnachten stand Köln als Tabellenletzter da. Doch im neuen Jahr keimte Hoffnung. Ein Derby-Sieg gegen Gladbach und ein sensationeller 2:0-Auswärtssieg beim FC Bayern München ließen die ganze Stadt an den Klassenerhalt glauben.
Dann folgte der April, der dem FC die Illusion nahm. Aus vier Spielen holte die Mannschaft keinen einzigen Punkt. Entscheidende Fehlentscheidungen kosteten wertvolle Zähler. Im Heimspiel gegen Rostock wurde ein korrektes Tor von Toni Polster fälschlich aberkannt. Drei Punkte, die am Ende fehlten.
Der endgültige Todesstoß kam am 29. April 1998 in Gelsenkirchen. Beim FC Schalke 04 schoss René Tretschok in der 80. Minute. Der Ball flog unhaltbar aufs Tor. Schalkes Oliver Held lenkte ihn auf der Linie mit der Hand weg. Schiedsrichter Uwe Kemmling sah es nicht. Er fragte Held, ob er die Hand benutzt habe. Held log. «Ich habe mich erst mal für meine Mannschaft entschieden», gestand er Jahre später dem Kölner Stadt-Anzeiger. Statt Elfmeter und Rot gab es Ecke. Schalke gewann 1:0.
Dieser Moment brach der Mannschaft das Rückgrat. Stürmer Toni Polster sagte nach dem Spiel über Held: «Und dafür soll er sein ganzes Leben kein Glück mehr haben.» Der DFB sperrte Held später für zwei Spiele, eine bis dahin beispiellose Strafe. Die psychologische Wirkung auf Köln war verheerend.
Eine Woche später verlor der FC in Bielefeld und war praktisch abgestiegen. Am letzten Spieltag spielte man zu Hause 2:2 gegen Leverkusen. Während im Stadion Trude Herrs «Niemals geht man so ganz» erklang, weinten Tausende. Fan Silvia Krüger erzählte dem GEISSBLOG: «Mein Vater meinte, es war dann so, als wenn jemand aus der Familie gestorben wäre.»
Der Abstieg 1998 veränderte die Bundesliga für immer. Köln, ein Gründungsmitglied, war weg. Der Hamburger SV blieb als letzter «Dino» übrig. Für den FC begann eine Ära der Unsicherheit. Zwar kehrte man 2000 zurück, doch es folgten weitere Abstiege. Aus dem einstigen Dauer-Gast wurde ein Fahrstuhlklub.
Was 1998 geschah, war mehr als nur sportlicher Misserfolg. Es war der Verlust einer Gewissheit, die Generationen von Kölnern geprägt hatte. Die Gründe waren vielfältig:
- sportlicher Verfall
- fragwürdige Personalentscheidungen
- Pech
- eine Hand, die eine Lüge bedeckte
- Fehler der Schiedsrichter
- Verlust wichtiger Spiele
Diese Mischung machte den 9. Mai 1998 zu einem der dunkelsten Daten der Vereinsgeschichte. Ein Tag, der zeigte, dass auch scheinbar ewige Institutionen ganz plötzlich zu Ende gehen können.