Ein ungewöhnlicher Gottesdienst lockt die Münchner an diesem sonnigen Julitag an die Isar. Vor der Maximilianskirche im Stadtteil Au steht nicht nur die Gemeinde. Rundherum parken Dutzende Fahrzeuge. Autos, ein Motorrad, ein paar Fahrräder, Kinderroller. Und dann kommt noch ein großer, roter MVG-Bus angefahren. In seiner Mitte, mit einem Weihwasserkessel in der Hand: Pfarrer Rainer Maria Schießler. Mit kräftigen Schwüngen segnet er eines nach dem anderen. Das Weihwasser glitzert in der Sonne, trifft auf Blech, Glas und Gepäckträger. „Gott behüte dich und alle, die mit dir fahren“, ruft er jedem Fahrzeug zu. Dieses fröhliche Spektakel ist mehr als eine Autosegnung. Es ist ein Fest der Freude und ein Zeichen: Die Pfarrgemeinde ist nach langer Zeit der Renovierung und Veränderung endlich wieder komplett in ihrem alten Zuhause an der Isar angekommen.
Die Fahrzeugsegnung zum Start der bayerischen Sommerferien ist in München, besonders in Schießlers Gemeinde, schon eine kleine Tradition. Doch dieses Jahr ist die Stimmung eine besondere. Die Maximilianskirche, ein markanter Backsteinbau von 1908, war lange ein Sanierungsfall. Die Gemeinde musste zeitweise ausweichen. Die Rückkehr ist für viele ein emotionaler Moment. „Wir feiern heute unsere Heimkehr“, erklärt Schießler den rund 200 versammelten Menschen. „Und was gehört zum Ankommen und Wieder-Weiterfahren dazu? Dass wir unseren mobilen Untersätzen Gottes Schutz mit auf den Weg geben.” Die Idee trifft den Nerv. Nicht nur fromme Kirchenbesucher sind gekommen. Familien mit Kindern, die ihre Cityroller geschmückt haben. Ein älteres Ehepaar mit ihrem frisch gewaschenen Cabrio. Ein Handwerker in seinem Transporter. Die Szene ist bunt, fröhlich und sehr München: zwischen traditionellem Brauchtum und urbanem Alltag.
Für Stadtsoziologen wie Dr. Lisa Huber von der Münchner Forschungsstelle für Stadtkultur ist dieses Ereignis ein typisches Beispiel für modernes Gemeindeleben. „Die Kirche öffnet sich dem öffentlichen Raum und nimmt die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst“, sagt sie. „Das Auto, der Bus, das Fahrrad – das sind für die Münchner nicht nur Fortbewegungsmittel. Sie sind Teil der Identität, des Berufslebens, der Freizeit. Indem der Pfarrer diese Dinge segnet, würdigt er den Alltag der Gemeinde.” Besonders in einer Stadt wie München, die vom ständigen Pendlerverkehr und der Suche nach Parkplätzen geprägt ist, bekomme der Wunsch nach einem „sicheren Weg” eine tiefe, fast schon existenzielle Bedeutung.
Pfarrer Schießler, bekannt für seinen bodenständigen und oft überraschenden Zugang zum Glauben, geht während der Segnung auf die Leute zu. Er plaudert mit dem Busfahrer, der lachend aus dem Fenster lehnt. „Der Bus ist mein Arbeitsplatz. Da verbringe ich mehr Zeit als in meiner Wohnung. Dass der jetzt auch gesegnet ist, gibt ein gutes Gefühl”, sagt der MVG-Angestellte später. Eine Mutter, die mit ihren zwei Töchtern und deren pink-glitzernden Fahrrädern da ist, meint: „Es ist ein schönes Ritual zum Ferienbeginn. Die Mädels verstehen: Auf der Straße muss man aufpassen, und man kann um Schutz bitten. Das ist viel konkreter, als nur in der Kirche zu sitzen.”
Die Zeremonie vor der Kirche dauert etwa eine Stunde. Sie ist bewusst kurz und locker gehalten. Es wird gesungen, gebetet und gelacht. Einige Nachbarn schauen von ihren Balkonen im benachbarten, dicht besiedelten Wohnviertel der Au zu. Die Atmosphäre ist die einer friedlichen, kleinen Straßenparty. Am Ende stehen viele gesegnete Fahrzeuge da, und auf den Gesichtern der Besitzer liegt Zufriedenheit. Für Irene Kleber, eine langjährige Gemeindemitgliederin, ist das der eigentliche Sinn. „Es geht nicht um den Aberglauben, dass mein Auto jetzt unfallfrei bleibt. Es geht um das Bewusstsein. Ich steige ein und denke daran, dass diese Fahrt auch in Gottes Hand liegt. Das macht mich achtsamer.”
Die Heimkehr der Gemeinde in die sanierte Maximilianskirche soll nun mit weiteren lebensnahen Angeboten gefeiert werden. Pfarrer Schießler plant Open-Air-Gottesdienste, Nachbarschaftsfeste und vielleicht im Herbst eine Segnung von Schulranzen oder Laptops. „Der Glaube soll nicht in der Sakristei Staub ansetzen”, findet er. „Er soll dort sein, wo die Menschen leben, arbeiten und unterwegs sind. Auch auf der Mittleren Ringstraße oder auf dem Weg in den Urlaub.”
Als der MVG-Bus mit einem Hupen abschiednehmend die Ludwigsbrücke überquert und die letzten Autos langsam davonfahren, bleibt eine entspannte Gemeinschaft zurück. Die Fahrzeugsegnung war ein sichtbares, fröhliches Symbol für einen Neuanfang – für die Gemeinde in ihren alten Mauern und für viele Münchner in die wohlverdienten Ferien. Mit dem Segen im Tank und der Erinnerung an die gemeinsame Feier im Herzen geht es nun auf die Straße, in die Stadt und in den Sommer hinaus.
- Tradition der Fahrzeugsegnung
- Emotionale Rückkehr zur Maximilianskirche
- Integration von Alltag und Glauben
- Einbindung der Gemeinde in die Zeremonie
- Zukunftspläne mit Open-Air-Gottesdiensten
- Symbolik der Sicherheit im Verkehr
| Element | Bedeutung |
|---|---|
| Fahrzeuge | Teil der Identität und des Alltags |
| Pfarrer | Verbindet Glauben mit Öffentlichkeit |
| Weihwasser | Symbol des Schutzes |
| Gemeinde | Emotionale Zugehörigkeit und Zusammenhalt |
| Zeremonie | Freudiges und unbeschwertes Ritual |
| Maximilianskirche | Symbol des Neuanfangs |