Düsseldorfer Krankenhaus rettet Kind vor Amputation – und vor einer Zukunft ohne Hoffnung
Im sonnigen Herbstlicht des Sana-Klinikums in Düsseldorf-Benrath spielt ein Junge konzentriert mit einem Holzbauklotz. Sein Lachen füllt den Raum der Kinderstation. Niemand, der ihn sieht, würde ahnen, dass der neunjährige Adam aus dem Irak noch vor wenigen Wochen mit einer Diagnose konfrontiert war, die sein junges Leben für immer verändert hätte: Die Ärzte rieten zu einer Amputation seines linken Unterschenkels. Ein schwerer Unfall in seiner Heimatstadt Mossul hatte zu einer komplexen Infektion und schweren Knochenverletzung geführt. Die medizinische Versorgung vor Ort reichte nicht aus, um das Bein zu retten. Seine Geschichte ist eine von zwei bewegenden Fällen, die aktuell im Sana-Klinikum behandelt werden und zeigen, wie weit ein Düsseldorfer Ärzteteam geht, um Kindern aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Auf eigene Kosten und aus reinem humanitärem Antrieb.
Seit über einem Jahrzehnt kooperiert das Krankenhaus in Düsseldorfs südlichstem Stadtteil mit der Hilfsorganisation Friedensdorf International. Die Initiative ermöglicht es, dass Kinder wie Adam und die siebenjährige Leila aus der Ukraine, die unter den Folgen einer schweren Verbrennung leidet, nach Deutschland gebracht und hier medizinisch versorgt werden. Für das Klinikum, seine Mitarbeiter und die Stadt Düsseldorf bedeutet dieses Engagement mehr als nur medizinische Hilfe. Es ist ein starkes Zeichen gelebter Mitmenschlichkeit und internationaler Solidarität, das mitten in unserer Gemeinschaft stattfindet. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Allein in den letzten fünf Jahren wurden auf dieser Initiative basierend über 30 Kinder aus Ländern wie Afghanistan, Angola, der Ukraine und dem Irak in Benrath behandelt. Die Kosten für Operationen, Implantate und monatelange Nachsorge trägt das Krankenhaus selbst – ein finanzieller Aufwand, der schnell in die Hunderttausende gehen kann.
Hintergrund: Eine Brücke des Friedens mitten in Düsseldorf
Die Partnerschaft zwischen dem Sana-Klinikum Benrath und Friedensdorf International ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer langjährigen, bewussten Entscheidung für humanitäres Handeln. Friedensdorf International mit Sitz in Oberhausen hat sich seit seiner Gründung 1967 darauf spezialisiert, kranke und verletzte Kinder aus Regionen zu holen, in denen angemessene medizinische Versorgung aufgrund von Krieg, Armut oder struktureller Unterentwicklung nicht gewährleistet ist. Die Organisation unterhält ein eigenes Friedensdorf, in dem die Kinder auf ihre Behandlung vorbereitet und danach weiter betreut werden. Die eigentliche medizinische Versorgung findet in kooperierenden Kliniken in ganz Deutschland statt – wie hier in Düsseldorf.
„Für uns ist das eine Herzensangelegenheit, die zu unserem Selbstverständnis als Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung in Düsseldorf passt“, erklärt Prof. Dr. Christoph Wallner, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. „Wir haben hier das Know-how und die technischen Möglichkeiten, um auch hochkomplexe Fälle zu behandeln. Dieses Wissen Kindern vorzuenthalten, die sonst keine Chance hätten, kam für uns nie infrage.“ Die rechtlichen und administrativen Hürden sind enorm: Jeder einzelne Fall erfordert intensive Vorarbeit bei Visa, Transportlogistik und der Abstimmung mit den Behörden im Heimatland. Die Stadt Düsseldorf unterstützt das Engagement, indem sie behördliche Prozesse beschleunigt und die Integration der oft von Familienmitgliedern begleiteten Kinder in das lokale Umfeld fördert. In Düsseldorf, einer Stadt mit großer internationaler Community, findet diese Arbeit besonderen Rückhalt.
Die Behandlung: Millimeterarbeit zwischen Hoffnung und medizinischer Grenze
Adams Fall illustriert die medizinische und menschliche Herausforderung. Nach dem Unfall in Mossul hatte sich eine chronische Osteomyelitis, eine tückische Knochenmarksentzündung, entwickelt. Mehrere fehlgeschlagene Operationen im Irak hatten die Situation verschlimmert. „Als wir ihn das erste Mal sahen, war der Knochen des Unterschenkels auf einer Länge von mehreren Zentimetern zerstört, umgeben von totem Gewebe und Eiterherden. Die konventionelle Lehrmeinung wäre hier eine Amputation gewesen“, schildert Oberarzt Dr. Markus Höfer, der Adams Behandlung leitet.
Das Team in Benrath entschied sich für einen anderen, äußerst aufwendigen Weg: die sogenannte Masquelet-Technik. In einer ersten Operation wurden alle infizierten und abgestorbenen Knochen- und Gewebeteile radikal entfernt. Anschließend wurde ein mit Antibiotika getränkter Zementspacer in den entstandenen Defekt eingesetzt, um die Infektion unter Kontrolle zu bringen und den Weichteilmantel zu erhalten. In wöchentlichen Kontrollen überwachte das Team, bestehend aus Chirurgen, Kinderkrankenschwestern und Physiotherapeuten, die Wundheilung. Nach mehreren Wochen folgte der zweite große Eingriff: Der Zement wurde entfernt und durch körpereigenes Knochenmaterial aus Adams Beckenkamm ersetzt, das langsam in den Defekt einheilen und neuen, stabilen Knochen bilden soll.
„Jeder Schritt ist ein Balanceakt“, sagt Dr. Höfer. „Wir kämpfen gegen die Infektion, müssen aber gleichzeitig genug gesunde Strukturen erhalten, um dem Bein später Stabilität zu geben. Bei Kindern ist das besonders heikel, weil die Wachstumsfugen berücksichtigt werden müssen.“ Parallel dazu erhält Adam intensive Physiotherapie, um die Muskulatur zu erhalten. Die Behandlung wird noch Monate dauern, doch die ersten Zeichen sind vielversprechend. Die Infektion ist zurückgedrängt, und auf den Röntgenbildern zeigen sich erste Anzeichen einer Knochenneubildung.
Das zweite Kind, die siebenjährige Leila aus der Ostukraine, erlitt vor einem Jahr bei einem Granatenbeschuss schwerste Verbrennungen an Brust und Armen. Verwachsungen und Narbenzüge begannen, ihre Beweglichkeit und das Wachstum der darunterliegenden Strukturen einzuschränken. Auch hier stand die Amputation eines Fingers im Raum. Das plastisch-chirurgische Team in Benrath führte stattdessen aufwendige Narbenkorrekturen und Hauttransplantationen durch, bei denen dünne Hautschichten von Leilas Oberschenkeln entnommen und an die betroffenen Stellen transplantiert wurden. „Unser Ziel ist nicht nur, die Extremität zu erhalten, sondern auch ihre Funktion und ihr Aussehen so gut wie möglich wiederherzustellen. Für das Selbstwertgefühl eines Kindes ist das von unschätzbarem Wert“, betont die behandelnde Plastische Chirurgin Dr. Lena Bergmann.
Gemeinschaftsauswirkungen: Wie Düsseldorf von dieser Hilfe profitiert
Die Behandlung dieser Kinder hat eine Wirkung, die weit über die Klinikmauern hinausreicht. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums ist diese Arbeit eine besondere Motivation. „Es gibt uns enorm viel zurück, zu sehen, wie diese Kinder trotz allem Leid, das sie erlebt haben, wieder lachen und Hoffnung schöpfen“, sagt eine Kinderkrankenschwester, die anonym bleiben möchte. „Das erinnert uns jeden Tag daran, warum wir diesen Beruf gewählt haben.“ Das Engagement stärkt das Profil des Hauses als einer Klinik mit sozialem Gewissen und hoher fachlicher Kompetenz in der Düsseldorfer Krankenhauslandschaft.
Für die Stadtgesellschaft Düsseldorfs wirkt diese Initiative als lebendiges Beispiel für gelebte internationale Solidarität. In einer Zeit, in der globale Konflikte auch hierzulande intensiv diskutiert werden, zeigt das Projekt auf ganz konkrete Weise, wie Hilfe aussehen kann. Lokale Vereine und Privatpersonen haben sich bereits gemeldet, um die Kinder und ihre Begleitpersonen mit Spielzeug, Kleidung oder Dolmetscherdiensten zu unterstützen. Die Kinder besuchen zeitweise auch lokale Schulen oder Kitas, wo sie Kontakt zu deutschen Gleichaltrigen knüpfen. Diese Begegnungen sind wertvolle Lektionen in Empathie und Weltoffenheit für alle Beteiligten.
Die politische und ethische Dimension
Das Engagement des Sana-Klinikums steht in einer gemäßigt-progressiven Tradition Düsseldorfs, die sich für internationale Verantwortung und humanitäres Handeln starkmacht. Stadträtinnen und Stadträte aller demokratischen Fraktionen haben das Projekt in der Vergangenheit begrüßt. „Solche Initiativen machen unsere Stadt menschlicher und sind ein wichtiger Baustein unserer internationalen Ausstrahlung“, sagte etwa eine Sprecherin der Grünen im jüngsten Sozialausschuss. Kritische Stimmen, die einwenden, dass angesichts eigener Probleme im Gesundheitswesen die Priorität anders gesetzt werden sollte, sind selten, aber vorhanden. Die Krankenhausleitung argumentiert hier, dass die eingesetzten Ressourcen – abgesehen von den Materialkosten – vor allem das Engagement und die Arbeitszeit der Mitarbeiter betreffen, die diese Arbeit freiwillig und oft über das normale Maß hinaus leisten.
Ethisch wirft die Initiative grundlegende Fragen auf: Warum erhalten diese Kinder eine Behandlung, die Millionen Kindern in Krisengebieten verwehrt bleibt? Die Antwort der Beteiligten ist klar: „Wir können nicht alle retten. Aber wir können dem Kind vor uns helfen. Und jedes gerettete Bein, jedes gerettete Leben ist ein Sieg gegen die Hoffnungslosigkeit“, so Prof. Wallner. Die Behandlung zielt nicht nur auf die körperliche Heilung, sondern auch auf die seelische. Psychologen unterstützen die Kinder bei der Verarbeitung ihrer oft traumatischen Erlebnisse.
Vergleich mit anderen Städten und Blick in die Zukunft
Düsseldorf steht mit diesem Engagement nicht alleine da. Ähnliche Kooperationen zwischen Krankenhäusern und Hilfsorganisationen gibt es in Köln, München und Berlin. Das Besondere in Düsseldorf-Benrath ist jedoch die Kontinuität und die spezialisierte orthopädisch-unfallchirurgische Expertise, die auf die Rettung von Extremitäten fokussiert ist. Andere Kliniken konzentrieren sich häufiger auf herzchirurgische Eingriffe oder die Behandlung von Krebserkrankungen bei Kindern.
Die Zukunft der Initiative ist gesichert, solange das persönliche Engagement der Ärzteschaft und der Klinikleitung anhält. Langfristig wünschen sich die Beteiligten jedoch eine institutionalisierte Förderung, vielleicht durch einen städtischen Fonds, der solche humanitären Behandlungen unterstützt. „Wir machen das gerne weiter. Aber es wäre schön, wenn diese Arbeit als das anerkannt würde, was sie ist: ein wertvoller Beitrag Düsseldorfs zu einer humaneren Welt“, sagt Prof. Wallner.
Für Adam und Leila ist die Zukunft nun ein Stück heller. Adam träumt davon, wieder Fußball spielen zu können. Leila möchte malen lernen. Ihre Behandlungsschienen und Verbände sind Teil ihres Alltags auf Station geworden. Die Ärzte sind vorsichtig optimistisch, dass beide Kinder ihre Gliedmaßen behalten und ein weitgehend normales Leben führen können. Ihre Geschichten erinnern uns in Düsseldorf daran, dass Medizin mehr sein kann als Apparatemedizin – dass sie eine Brücke des Mitgefühls sein kann, die von Benrath aus in die Krisengebiete dieser Welt reicht. Und dass jeder einzelne gerettete kleine Fuß, jede gerettete kleine Hand ein unschätzbarer Sieg ist.
Wichtige Punkte
- Partnerschaft zwischen Sana-Klinikum und Friedensdorf International
- Über 30 behandelte Kinder in 5 Jahren
- Kosten trägt das Krankenhaus selbst
- Masquelet-Technik für Adams Behandlung
- Engagement der Klinik verbessert soziale Verantwortung
- Erfolgsgeschichten inspirieren Mitarbeiter
Behandlungskosten und Statistiken
| Kategorie | Jahre | Behandelte Kinder | Kosten (geschätzt) |
|---|---|---|---|
| Operationen | 5 | 30+ | Hunderttausende EUR |