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Nachrichten Lokal > Nachrichten > München > Münchens Traditions-Musikhaus schließt endgültig
München

Münchens Traditions-Musikhaus schließt endgültig

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 29, 2026 8:00 p.m.
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Münchens Musikhaus schließt: 50% Rabatt

Münchens Musikhaus schließt: 50% Rabatt

Die Sonnenstraße in München hat bald einen Stummen Ton. Ein Ort, an dem seit Generationen Klänge ihren Ausgang fanden, verstummt. Hieber Lindberg, das traditionsreichste Musikhaus der Stadt, schließt am 31. Juli für immer seine Pforten. Seit Tagen herrscht ein stiller, trauriger Schlussverkauf. Die Regale sind fast leer, nur noch wenige Instrumente hängen an den Wänden. „99 Prozent des Sortiments sind verkauft“, sagt Michael Nitsch, Verkäufer in der Gitarrenabteilung. Er blickt auf eine der letzten fünf Gitarren, eine Gibson Les Paul, die nun für 4250 Euro statt 8499 Euro zu haben ist. Es ist der letzte Akt einer Insolvenz, die viele Münchner Musiker, Musiklehrer und Musikliebhaber tief trifft. Das Haus war nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück Münchner Kulturgeschichte und ein lebendiger Treffpunkt für die Musikszene.

Die letzten Noten im Traditionshaus

Der Untergang von Hieber Lindberg ist keine Überraschung, die aus dem Nichts kam. Schon im Jahr 2025 zeigten sich die ersten schweren Risse. Hohe Mietkosten in bester Innenstadtlage und der immense Druck des Online-Handels setzten dem Familienunternehmen zu, das seine Wurzeln bis ins Jahr 1919 zurückverfolgen kann. Der Versuch, sich durch einen Umzug ein paar Häuser weiter zu verkleinern und so zu retten, war eine letzte, feierliche Geste. Mit einer Prozession, angeführt von Pauken und Trompeten, zogen die Mitarbeiter die Instrumente in die neue, kleinere Filiale. Doch die Rettung kam zu spät. Im April dieses Jahres musste das Unternehmen die Insolvenz anmelden. Der Traum von einem Weiterleben in kleinerem Rahmen war ausgeträumt. Jetzt, Ende Juli, ist endgültig Schluss. Ohne Zugabe, wie Michael Nitsch es beschreibt. Die Insolvenzverwalter haben den kompletten Ausverkauf angeordnet, bei dem alles – wirklich alles – für 50 Prozent des ursprünglichen Preises weggeht. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von ehemals über 10.000 Artikeln im Sortiment sind nur noch eine Handvoll übrig. In der Gitarrenabteilung etwa, einst eine der umfangreichsten der Stadt, hängen nur noch fünf Instrumente. In der Bläserabteilung finden sich vereinzelt Blechblasinstrumente wie ein Euphonium für 450 Euro oder ein Tenorhorn für 609 Euro. Selbst im Bereich der klassischen Instrumente ist die Auswahl auf ein Minimum geschrumpft: Einige Geigen, ein Cello-Set und Blockflöten sind die letzten ihrer Art im Haus.

Ein Haus voller Geschichten und Noten

Hieber Lindberg war mehr als nur ein Verkaufsraum. Es war eine Institution. Generationen von Münchnern kauften hier ihr erstes Instrument, ließen es reparieren oder stöberten einfach in der riesigen Notenabteilung im ersten Stock. „Hier hat sich die gesamte Münchner Musikszene getroffen“, erinnert sich eine langjährige Kundin, die seit 30 Jahren hier ihre Klarinetten-Saiten kaufte. „Man kannte jeden beim Namen, bekam einen Kaffee angeboten und hat sich über die neuesten Konzerte ausgetauscht. Das findet man im Internet nicht.“ Diese persönliche Beratung und das Fachwissen waren die Markenzeichen des Hauses. Verkäufer wie Michael Nitsch, der seit über 20 Jahren dort arbeitet, waren selbst Musiker und konnten jedem Kunden – vom Anfänger bis zum Profi – genau das richtige Instrument empfehlen. Diese Servicequalität konnte den wirtschaftlichen Realitäten jedoch nicht standhalten. Der Online-Handel mit seinen günstigen Preisen und der bequemen Lieferung nach Hause zog immer mehr Kunden ab. Gleichzeitig stiegen die Mietkosten in der Sonnenstraße, einer der teuersten Einkaufslagen Münchens, kontinuierlich an. Eine fatale Mischung für ein Geschäft, das auf große Verkaufsflächen für seine umfangreiche Ware angewiesen war.

Die Auswirkungen auf Münchens Musikleben

Die Schließung hat konkrete und spürbare Folgen für das Musikleben in der Stadt. Zahlreiche Musikschulen, Laienorchester und Profimusiker waren auf den schnellen, kompetenten Service vor Ort angewiesen. Wo bekommt man jetzt kurzfristig eine spezielle Violinsaite oder lässt ein beschädigtes Holzblasinstrument reparieren? Die verbleibenden, kleineren Fachgeschäfte in München dürften diese Lücke nicht komplett schließen können. Besonders betroffen sind auch die Mitarbeiter. Rund 30 Angestellte verlieren mit der Schließung ihren Arbeitsplatz. Für viele von ihnen, die oft jahrzehntelang im Haus tätig waren, ist es mehr als nur ein Jobverlust. „Hier war meine zweite Familie“, sagt eine Verkäuferin aus der Notenabteilung mit tränenerstickter Stimme. Die Stimmung im Team während des Ausverkaufs ist geprägt von Wehmut und einem trockenen Humor, mit dem man das Unvermeidliche erträgt. Für die Stadt München bedeutet der Verlust einen weiteren Schritt in Richtung einer homogenisierten Innenstadt, in der große Ketten und Modegeschäfte das Bild bestimmen und individuelle, inhabergeführte Fachgeschäfte immer seltener werden. Hieber Lindberg war ein solcher Unikat-Laden, dessen Charme und Expertise nicht zu ersetzen sind.

Was bleibt, ist die Erinnerung und ein letzter Schnäppchen-Jagd

Bis zum 31. Juli hat München noch die Gelegenheit, Abschied zu nehmen und vielleicht ein letztes Schnäppchen zu machen. Die verbliebenen Stücke sind zwar randständig, aber für ambitionierte Musiker vielleicht ein Schatz. Neben der bereits erwähnten Gibson hängen noch andere Gitarren, darunter einige Westerngitarren namhafter Marken. Im ersten Stock steht noch eine Hammond-Orgel, reduziert von 8442 auf 5909 Euro, und sogar eine Sakralorgel für 20.000 Euro. Im Bereich der Schlaginstrumente finden sich noch einzelne Snaredrums, Bongos und ein Xylophon, alles zum halben Preis. Für Sammler oder jene, die ein besonderes Erinnerungsstück an das Haus suchen, könnte dies die letzte Chance sein. Der Laden ist bis zur endgültigen Schließung zu den gewohnten Öffnungszeiten geöffnet. Der Weg dorthin lohnt sich weniger wegen der möglichen Schnäppchen, sondern vielmehr als letzter Besuch, als letztes Durchschreiten der Räume, die so viel Münchner Musikgeschichte atmen. Am 31. Juli wird dann endgültig der Vorhang fallen. Ein Stück München, lebendig und klangvoll, wird dann der Vergangenheit angehören. Die Musik in der Stadt wird weiterklingen, aber einer ihrer wichtigsten und traditionsreichsten Treffpunkte wird fehlen. Sein Verschwinden hinterlässt eine Stille, die lauter ist als so mancher letzte Akkord aus einer der verbliebenen Gitarren.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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