Ein Abend in einem Berliner Yorck-Kino. Der Saal ist komplett ausverkauft, obwohl niemand im Vorhinein weiß, welcher Filmklassiker heute gezeigt wird. Die Spannung ist greifbar. Es ist die «Classic Sneak», ein Erfolgskonzept, bei dem die Besucher gemeinsam einen Film schauen, der erst im verdunkelten Saal enthüllt wird. Das Publikum an diesem Abend ist jung, viele halten ihre Smartphones griffbereit. Nicht für Fotos während des Films, sondern für danach. Denn der Kinobesuch endet für viele damit, sofort die App Letterboxd zu öffnen, um den gerade gesehenen Film zu bewerten, eine witzige Kurzkritik zu verfassen und die Einträge der Freunde zu liken. Was nach einer Nische klingt, ist zu einem bedeutenden Treiber für das Berliner Kinoleben geworden, besonders unter jungen Erwachsenen. Diese digitale Plattform schafft es, Menschen weg von ihren heimischen Bildschirmen und zurück in die gemeinschaftlichen Dunkelheit der Kinosäle zu lotsen – ein bemerkenswerter Trend in einer Zeit, die von Streaming und Isolation geprägt ist.
Vom Nischenprojekt zur sozialen Kinomacht
Letterboxd startete 2011 in Neuseeland als passionierte Idee von Filmfans. Es ist im Kern eine soziale Netzwerk-App, auf der Nutzer Filme listen, bewerten und mit kurzen, oft humorvollen Kritiken versehen können. Der Algorithmus ist simpel: Die lustigsten oder treffendsten Kurzkritiken sammeln die meisten Likes und werden prominent angezeigt. Eine Social-Media-Utopie, wie es Katja Schubert, Sprecherin der Berliner Yorck-Kinogruppe, nennt: „Die App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie möglich an sie binden soll – es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen. Sie ist ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist.“ Während andere Plattformen mit KI-generierten Inhalten und bezahlten Werbekampagnen kämpfen, wie kürzlich Untersuchungen des Magazins «Vulture» zeigten, gilt Letterboxd noch als authentischer Raum für echte Filmbegeisterung. Diese Authentizität zahlt sich aus: Waren es Anfang 2021 noch 3 Millionen Nutzer, so sind es heute über 28 Millionen. Mehr als die Hälfte davon ist laut «Time Magazine» unter 35 Jahre alt.
| Jahr | Medianalter des Publikums | Nutzerzahl (in Millionen) |
|---|---|---|
| 2019 | 49 | 3 |
| 2023 | 37 | 28 |
Für die Berliner Kino-Landschaft sind diese jungen Nutzer ein entscheidender Faktor. Die Yorck-Gruppe, die 14 Kinos in Berlin und eines in München betreibt, verzeichnet einen deutlichen Wandel. „Von 2019 zu 2023 hat sich das Medianalter unseres Publikums von 49 auf 37 Jahre verjüngt“, berichtet Schubert. Die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen trage am stärksten zu diesem Wachstum bei. Dieser Trend ist nicht nur auf besondere Veranstaltungen wie die «Classic Sneak» oder erfolgreiche Retro-Reihen zu den «Twilight»-Filmen beschränkt. Auch neue, von der Gen Z gemachte Filme wie die Low-Budget-Horrorerfolge «Backrooms» und «Obsession» füllen dank viraler Aufmerksamkeit auf Plattformen wie Letterboxd, TikTok (unter #FilmTok) und YouTube die Säle. Ein Sprecher des Branchenverbands HDF Kino bestätigt diesen nationalen Trend: „Die Gen Z zählt hierzulande zu den wichtigsten Kinogruppen und weist eine überdurchschnittlich hohe Kinonutzung auf. Plattformen wie Letterboxd beeinflussen das Kinointeresse junger Menschen spürbar. Sie schaffen Sichtbarkeit und fördern den lebhaften Austausch.“
Die Kehrseite der digitalen Mundpropaganda
Die Macht dieser digitalen Mundpropaganda hat jedoch eine Schattenseite. In der Ära vor Letterboxd und schnellen sozialen Medien konnte ein Film mit mittelmäßigen Kritiken oft noch über das erste Wochenende „gerettet“ werden. Heute, so erklärt Schubert, ist das anders: „Schlechte Kritiken sind viel schneller ein Todesstoß für einen Film als früher. Schlechtes ‚Word of Mouth‘ kann heute einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten.“ Die Bewertungen auf Letterboxd sind zu einer ernstzunehmenden Währung geworden, vor allem im Arthouse- und Programmkino-Bereich, dem Kerngebiet der Yorck-Kinos. Wer heute einen anspruchsvollen Film sehen will, schaut vorher oft auf Letterboxd – ähnlich wie auf den aggregierenden Seiten Rotten Tomatoes oder Metacritic.
- Wachstum der Nutzerzahl
- Senkung des Medianalters
- Einfluss von Gen Z
- Virale Filme
- Digitale Mundpropaganda
- Abhängigkeit von Plattformen
Diese Abhängigkeit von einer einzelnen Plattform sieht die Kinobetreiberin durchaus kritisch. „Es ist bedenklich, sich zu sehr von einer einzelnen Plattform abhängig zu machen“, sagt Schubert. „Diese kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, und dann steht man im Regen. Wir versuchen daher, mehrere Kanäle zu bespielen.“ Die Sorge ist nicht unbegründet. Gerade laufen Berichten zufolge Gespräche über einen möglichen Verkauf von Letterboxd, unter anderem an Branchenriesen wie Netflix oder Sony. Für eine Community, die die Unabhängigkeit und Inhaltszentriertheit der App schätzt, ist das ein beunruhigendes Szenario.
Gemeinschaftserlebnis mit digitalem Feedbackloop
Trotz aller Digitalität geht es letztlich um das reale Gemeinschaftserlebnis. Die «Classic Sneak» in Berlin ist dafür ein perfektes Beispiel: Hunderte Menschen gehen ins Kino, ohne den Film zu kennen, und teilen die Spannung des Entdeckens. Letterboxd verstärkt und verlängert dieses Erlebnis dann ins Digitale. Es motiviert, über Filme zu sprechen, sie zu katalogisieren und mit Freunden zu teilen. Manche Nutzer geben sogar an, dass sie einen Film vor allem deswegen schauen, um ihn in der App als „gesehen“ markieren zu können. Es ist ein scheinbarer Widerspruch: Eine digitale App bringt Menschen zurück in das analoge, gemeinschaftliche Kinoerlebnis. Doch genau dieser Feedbackloop – das reale Erlebnis im Kino, geteilt und reflektiert in einer digitalen Community – scheint der Schlüssel zum Erfolg zu sein.
Für Berlin bedeutet dieser Trend eine Stärkung seiner vielfältigen Kinokultur. In einer Stadt, die für ihre Kunst- und Clubszene bekannt ist, finden die Kinos als sozialer Treffpunkt eine neue Generation von Besuchern. Sie kommen nicht nur, um einen Film zu konsumieren, sondern um Teil eines Diskurses zu werden, der im Kinosaal beginnt und in der App fortgeführt wird. In einer Zeit, in der algorithmisch gesteuerte Feeds und KI-Inhalte das Vertrauen in digitale Räume erschüttern, bietet Letterboxd einen überraschend analogen Ansatz: Echte Menschen teilen ihre echten Meinungen über reale Erlebnisse. Und solange diese Meinungen dazu führen, dass die Kinosäle in Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln gefüllt sind, hat die Berliner Filmkultur eine vielversprechende, wenn auch digital vernetzte, Zukunft.