Die Entscheidung fiel den Organisatoren nicht leicht, doch sie war für sie eindeutig. Wenige Wochen nach dem islamistisch motivierten Anschlag am Rande des Christopher Street Days im Tiergarten, bei dem eine Frau starb und 31 Menschen verletzt wurden, zieht die Technoszene Konsequenzen. Der für Ende August geplante «Zug der Liebe», eine bunte Parade für Toleranz und Vielfalt, wird in diesem Jahr nicht durch die Berliner Innenstadt rollen. Stattdessen werden die Ressourcen genutzt, um eine andere bedrohte Säule der Berliner Kultur zu unterstützen: den Erhalt des RAW-Geländes in Friedrichshain. Während diese Absage als direkte Reaktion auf das veränderte Sicherheitsgefühl und die erwarteten massiven polizeilichen Auflagen erfolgte, plant eine andere Ikone der Szene, Dr. Motte, seine «Rave the Planet»-Parade Mitte August dennoch durchzuführen – und zwar auf der Straße des 17. Juni, unweit des Tatorts. Diese unterschiedlichen Wege zeigen eine Gemeinschaft im Zwiespalt: zwischen dem Bedürfnis nach unbeschwertem Feiern als politischem Statement und der neuen, schweren Realität von Angst und Sicherheitsvorkehrungen.
Die Entscheidung: Warum der «Zug der Liebe» 2025 nicht fährt
«Die jüngsten Ereignisse rund um den CSD haben die Lage drastisch verändert», heißt es in der Erklärung der Veranstalter des «Zug der Liebe». Dieser Satz ist der Schlüssel zum Verständnis der Absage. Es ging nicht primär um die logistischen Hürden, wie Engpässe bei Lastwagen oder Diskussionen um die Lautstärke mit der Versammlungsbehörde. Der entscheidende Faktor war das gesellschaftliche Klima. Die Organisatoren beschreiben ein allgemeines Angstgefühl, das nach dem Anschlag vom späten Samstagabend am Tiergarten spürbar sei. Eine Demonstration unter diesen Bedingungen, so ihre Überzeugung, wäre von Grund auf anders.
Die erwarteten Sicherheitsauflagen wären massiv gewesen: Wegfahrsperren, um die Route zu kontrollieren, verschärfte Personenkontrollen an den Zugängen und ein massiv aufgerüstetes Polizeiaufgebot entlang der Strecke. «Das passe aber nicht zum Geiste des Events», erklären die Macher. Der «Zug der Liebe» verstehe sich traditionell als «unbeschwerten, angstfreien Raum des Protestes». Die Bilder von schwer bewaffneten Einsatzkräften in voller Montur neben tanzenden, feiernden Menschen wären ein Widerspruch zur Grundidee der friedlichen, offenen und freudigen Kundgebung für Liebe und Vielfalt. Für die Veranstalter war klar: Entweder man kann das Event in seinem ursprünglichen, unbeschwerten Geist durchführen, oder man lässt es lieber ganz sein. Sie entschieden sich für Letzteres.
Statt einfach abzusagen, transformieren sie ihre geplante Aktion. Unter dem Motto «Zug der Liebe goes RAW» wollen sie die verbliebenen Trucks und ihre Energie nutzen, um die zeitgleich geplante Demonstration für den Erhalt des RAW-Geländes zu unterstützen. «Anstatt leise zu verschwinden, bündeln wir unsere Kräfte für eine direkte Unterstützung der bedrohten Berliner Kulturlandschaft», teilen sie mit. Damit verlagern sie den Protest von der Straßenparade hin zu einem konkreten, ortsgebundenen kulturpolitischen Kampf – ein Zeichen der Solidarität innerhalb der oft fragmentierten Berliner Subkulturszene.
Der Kontrast: «Rave the Planet» plant die Parade trotz allem
Während der «Zug der Liebe» pausiert, bereitet sich eine andere Legende der Berliner Technokultur auf den großen Tag vor. Matthias Roeingh, besser bekannt als Dr. Motte, der Gründer der Loveparade, plant mit seiner Organisation «Rave The Planet» die Parade für den 15. August. Der Ort könnte symbolträchtiger und zugleich schwieriger nicht sein: Die Route führt über die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule – mitten durch den Tiergarten, also in unmittelbarer Nähe zu jenem Waldstück, in dem der Attentäter zuschlug.
«Wir haben uns viele Gedanken gemacht. Wir haben gehört, was die Community will», erklärt Roeingh der RBB-«Abendschau». Seine Frau und Mitstreiterin Ellen Dosch-Roeingh bekräftigt entschlossen: «Die Parade wird stattfinden.» Diese Haltung steht im starken Kontrast zur Entscheidung des «Zugs der Liebe». Sie signalisiert einen anderen Umgang mit der Bedrohungslage: Nicht Absage, sondern bewusste Durchführung als Akt des Widerstands und der Selbstbehauptung. Die Botschaft lautet: Wir lassen uns unsere Freiheit, unsere Kultur und unseren öffentlichen Raum nicht von Angst nehmen. Es ist der klassische Berliner «Weiter-so»-Geist, der sich hier Bahn bricht, getragen von einer jahrzehntealten Erfahrung mit freier, auch gegen Widerstände erkämpfter Kultur.
Allerdings wird auch «Rave the Planet» nicht unbeeindruckt von den Ereignissen agieren können. Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden wird enger sein denn je. Man kann davon ausgehen, dass das Polizeipräsidium und die Versammlungsbehörde für eine Großveranstaltung an diesem symbolisch aufgeladenen Ort extrem hohe Sicherheitsstandards ansetzen werden. Ob die Parade dann noch das feeling einer freien, improvisierten Techno-Kundgebung haben kann oder eher einem streng überwachten Event gleicht, bleibt abzuwarten.
Die größere Dimension: Was die Absage für Berlins Kultur und Sicherheit bedeutet
Die Absage des «Zugs der Liebe» ist mehr als nur die Streichung einer Party. Sie ist ein gesellschaftspolitisches Signal mit großer Strahlkraft. Sie zeigt, wie tief der Anschlag vom Tiergarten die Stadt getroffen hat. Nicht nur die unmittelbaren Opfer und ihre Angehörigen leiden, sondern das Gefühl der Sicherheit und Unbeschwertheit im öffentlichen Raum ist für viele Berlinerinnen und Berliner nachhaltig gestört. Großveranstaltungen, die seit Jahrzehnten zum städtischen Selbstverständnis gehören – bunt, laut, offen – werden plötzlich unter dem Brennglas von Bedrohungsszenarien betrachtet.
Für die Stadtverwaltung und die Politik stellt sich eine enorme Gratwanderung. Einerseits muss sie die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger gewährleisten und hat nach einem solchen Anschlag eine gesteigerte Verantwortung, weitere Taten zu verhindern. Andererseits droht genau diese Sicherheitslogik, das freie, experimentelle und unangepasste Leben einzuschränken, das Berlin international ausmacht. Wo hört notwendige Vorsorge auf, und wo fängt eine Verängstigung und Einschränkung des öffentlichen Lebens an, die am Ende genau das Ziel der Attentäter erfüllt?
Die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Parade-Organisationen spiegeln eine Debatte wider, die jetzt in vielen Kiezen, Szene-Kneipen und Redaktionsstuben geführt wird: Sollte man jetzt besonders vorsichtig sein und potenzielle Risikoveranstaltungen meiden? Oder ist es gerade jetzt wichtig, Flagge zu zeigen und zu demonstrieren, dass das Leben und die Feierkultur weitergehen? Der «Zug der Liebe» hat sich für ersteres entschieden, «Rave the Planet» für letzteres. Beide Entscheidungen sind nachvollziehbar und respektabel.
Worüber wir nachdenken sollten:
- Einfluss auf die Sicherheitsstandards
- Veränderung der Feierkultur
- Langfristige Auswirkungen auf Veranstalter
- Versicherungskosten für Großveranstaltungen
- Wohlbefinden der Berliner Bevölkerung
- Rolle der Politik in der Kultur
Was bleibt?
| Aspekt | Zug der Liebe | Rave the Planet |
|---|---|---|
| Entscheidung | Absage | Durchführung |
| Schwerpunkt | Kultur- und Solidaritätskampf | Akt des Widerstands |
| Sicherheitsauflagen | Massiv | Erhöht |
| Öffentliche Stimmung | Ängstlich | Frei |
| Reaktion | Rückzug | Fortschritt |
| Symbolik | Wandel | Beharrlichkeit |
Die Unterstützung für das RAW-Gelände bleibt.