Der Rhythmus der Kiefernstraße schlägt wieder lauter. An diesem Samstag, dem 29. August, erwacht die berühmte, berüchtigte Straße in Düsseldorf-Flingern zu neuem Leben – nicht durch Konfrontation, sondern durch Feiern. Ein großes Straßen- und Nachbarschaftsfest mit zwei Bühnen, Musik, Kinderfest und Trödelmarkt markiert ein rundes Jubiläum. Es ist ein Fest, das weit mehr ist als nur Unterhaltung. Es ist ein lebendiges Denkmal für einen der prägendsten und hartnäckigsten Kämpfe um bezahlbaren Wohnraum in der Geschichte Düsseldorfs.
Die Kiefernstraße, wie sie von ihren Bewohnern liebevoll genannt wird, ist kein gewöhnlicher Straßenzug. Ihre Geschichte ist ein Mikrokosmos der deutschen Wohnungspolitik, sozialen Bewegungen und städtischen Entwicklung. Bis 1975 standen hier Werkswohnungen der Düsseldorfer Eisen- und Drahtindustrie AG. Nach der Fabrikschließung gingen sie in städtischen Besitz über. Doch statt sie als dringend benötigte, günstige Wohnungen zu erhalten, plante die Stadt den Abriss. Ein Gewerbegebiet sollte entstehen. 1977 wurden die Mieter entmietet – ein Schritt, der in einer Stadt mit damals schon angespanntem Wohnungsmarkt viele empörte.
- 1975: Werkswohnungen stehen und Fabrik schließt.
- 1977: Mieter werden entmietet.
- 1981: Besetzungen von rund 60 Wohnungen beginnen.
- 1987: Erste Mietverträge werden abgeschlossen.
- 2021: 40. Jubiläum wird gefeiert.
- 2023: Aktuelles Fest findet statt.
Was folgte, war urbaner Widerstand in Reinkultur. 1981 besetzten wohnungssuchende Menschen und Aktivisten rund 60 der leerstehenden Wohnungen. Sie waren ein gemischter Haufen: Studenten, junge Familien, Arbeitslose und auch Geflüchtete aus Afrika, die dort bereits vorher notdürftig untergekommen waren. Die Besetzung war laut, chaotisch und entschlossen. Sie konfrontierte die Stadtpolitik mit einer simplen Frage: Sollte wirklich Wohnraum vernichtet werden, wenn Menschen dringend ein Dach über dem Kopf brauchten?
Nach zähen Verhandlungen mit einer Düsseldorfer Wohnrauminitiative vollzog die Stadt einen bemerkenswerten Schwenk. Sie legalisierte die Besetzungen und gab den Besetzern Nutzungsverträge. Es war ein historischer Erfolg für die Hausbesetzerbewegung. „Das war ein unglaublicher Moment“, erinnert sich ein langjähriger Anwohner, der damals als junger Mann dabei war. „Plötzlich hatte die Politik eingesehen, dass unser Recht auf Wohnen wichtiger war als irgendein Bebauungsplan. Die Kiefern wurde zum Symbol dafür, dass Bürger sich ihre Stadt zurückholen können.“
Doch der Frieden war brüchig. Die Kiefernstraße entwickelte sich zum magnetischen Zentrum der gesamten regionalen Besetzerszene, besonders nach Räumungen in anderen Stadtteilen. Neue Menschen zogen in weitere leerstehende Wohnungen, obwohl die Stadt dies untersagte. Die Spannungen eskalieren. Die Stadt erstattete Strafanzeigen wegen Nötigung und Hausfriedensbruchs. Das Viertel verwandelte sich in einen Schauplatz des politischen Kulturkampfes.
Die Lage erreichte 1986 einen dramatischen Höhepunkt. Nach der Verhaftung der RAF-Terroristin Eva Haule, die mit zwei Kiefernstraßen-Bewohnern festgenommen worden war, stürmte die Polizei in der ersten von vielen Großrazzien die Straße. Die Folge waren massive Demonstrationen, tagelange Polizeieinsätze und Straßenschlachten, die das Image des einstigen Arbeiterviertels Flingern nachhaltig prägten. „Die Straße war abgeriegelt, überall Polizeibusse und Wasserwerfer“, beschreibt eine Bewohnerin die damalige Atmosphäre. „Es fühlte sich an wie im Ausnahmezustand. Aber wir haben zusammengehalten. Die Kiefern war eine Festung.“
Trotz des enormen politischen und polizeilichen Druckes hielten die Bewohner stand. 1987, nach weiteren intensiven Verhandlungen, erreichten sie ihren größten Triumph: Die Stadt schloss mit ihnen erstmals richtige Mietverträge ab. Aus den illegalen Besetzern wurden offiziell anerkannte Mieter. Diese Verträge bilden bis heute die rechtliche Grundlage für das einzigartige Wohnprojekt.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1981 | Besetzung von leerstehenden Wohnungen |
| 1987 | Erste Mietverträge werden abgeschlossen |
| 1991 | Gründung von Nachbarschaftsprojekten |
| 2021 | 40. Jubiläum |
| 2023 | Fest findet statt |
Die Kiefernstraße ist heute ein lebendiges, wenn auch in die Jahre gekommenes Wohnquartier. Die Fassaden sind bunt, teils renovierungsbedürftig, die Höfe grün und voller Leben. Es ist eine Gemeinschaft, die sich über Jahrzehnte gefestigt hat – eine Mischung aus Altbesetzern, deren Kindern und neuen Mietern. Das alle fünf Jahre stattfindende Straßenfest ist das sichtbarste Zeichen dieses Gemeinschaftsgeistes. Es dient nicht nur dem Feiern, sondern auch der Selbstvergewisserung und der Demonstration nach außen: „Wir sind noch da.“
Das 40. Jubiläum im Jahr 2021 musste aufgrund der Corona-Pandemie stark eingeschränkt werden. Umso größer ist jetzt die Vorfreude auf ein uneingeschränktes Fest. Für die Organisatoren ist es auch eine Gelegenheit, die Geschichte für neue Generationen erlebbar zu machen. „Viele junge Leute, die heute hier im Viertel wohnen, kennen die ganzen Kämpfe nur aus Erzählungen“, sagt einer der Festplaner. „Das Fest ist wie ein offenes Geschichtsbuch. Die Musik kommt von Bands, die es hier seit den 90ern gibt. Die Stände werden von Nachbarn betrieben. Das ist gelebte Tradition.“
Die Geschichte der Kiefernstraße wirft ein langes Schatten auf die gegenwärtige Wohnungspolitik Düsseldorfs. Während vor über 40 Jahren bezahlbarer Wohnraum „rar gesät“ war, herrscht heute eine ausgewachsene Krise. Die Mietpreise in Flingern und ganz Düsseldorf sind in den letzten zehn Jahren explodiert. Die Kiefernstraße steht damit als ein rares, hart erkämpftes Reservat der Bezahlbarkeit in einer Stadt, die sich zunehmend für Normalverdiener schließt.
Gleichzeitig ist das Projekt nicht frei von internen Spannungen und Herausforderungen. Der Gebäudebestand ist alt, Sanierungen sind komplex und teuer. Die Frage der Nachfolge, wenn die ersten Generationen von Besetzern die Straße verlassen, ist ungelöst. Kann dieses einzigartige soziale Modell überdauern? Das Straßenfest ist auch ein Moment, um über diese Zukunft nachzudenken.
Am Samstag wird die Kiefernstraße also nicht nur ein Fest feiern. Sie wird ihre Existenz feiern. Jedes Konzert auf der Bühne, jedes Gespräch am Imbissstand, jedes spielende Kind auf der Straße ist ein Beweis für den langen Atem einer Bürgerbewegung. In einer Zeit, in der der Markt den Wohnraum regiert und soziale Kämpfe oft isoliert geführt werden, erinnert die Kiefernstraße daran, dass Gemeinschaft, ziviler Ungehorsam und Verhandlungsstärke tatsächlich etwas bewegen können.
Das Fest beginnt um 12 Uhr. Wer kommt, erlebt mehr als Musik und Bratwurst. Er betritt ein Stück gelebte Düsseldorfer Stadtgeschichte – laut, bunt und bis heute ungebrochen widerspenstig. Die Kiefernstraße hat ihre Häuser besetzt, um sie zu behalten. An diesem Wochenende besetzt sie die Straße, um zu feiern, was daraus geworden ist: ein Zuhause.