Kölner Rückkehrberatung: Freiwillige Heimkehr als ein Weg aus der Obdachlosigkeit
Der Dom überragt sie, der Rhein fließt an ihnen vorbei, und das pulsierende Leben der Großstadt tost um sie herum: Rund 350 Menschen leben nach offiziellen Schätzungen der Stadt Köln ohne festen Wohnsitz auf den Straßen der Stadt. In den beleuchteten Torbögen der Severinstraße, auf den Bänken des Bahnhofsvorplatzes oder in versteckten Ecken der Grüngürtel finden sie notdürftig Schutz. Einige von ihnen sind EU-Bürger, vor allem aus osteuropäischen Ländern. Für diese Gruppe bietet die Stadt Köln gemeinsam mit freien Trägern wie der Caritas und der Diakonie seit Jahren ein besonderes Angebot: die Rückkehrberatung. Das Programm stellt bis zu 90 Schlafplätze in Notunterkünften bereit, einen warmen Tagesaufenthalt und eine regelmäßige, vertrauliche Beratung. Im Zentrum steht die Frage nach einer freiwilligen Rückkehr in das Herkunftsland, die im Erfolgsfall von der Stadt finanziert wird. Im Jahr 2025 haben über diesen Weg 15 Menschen Köln verlassen, um in ihrer Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Diese Zahl wirft Fragen auf. Sie ist gering, verglichen mit anderen Metropolen. Hamburg, das ein ähnliches Beratungsangebot für obdachlose EU-Bürger unterhält, verzeichnete im selben Jahr 348 Rückkehrer. Warum ist der Unterschied so deutlich? Und was bedeutet dieses Angebot in der Praxis für die betroffenen Menschen auf den Straßen Kölns? Für die Stadtverwaltung ist es ein Baustein in einem komplexen Geflecht aus Hilfeangeboten, das von akuter Nothilfe bis zu langfristiger Wohnraumsicherung reicht. Für Kritiker ist die Zahl ein Indiz für eine verfehlte oder zu halbherzige Strategie. Für die Betroffenen selbst ist es oft eine schwierige, zutiefst persönliche Entscheidung zwischen der Perspektivlosigkeit auf der Straße und einer ungewissen Zukunft in der Heimat.
Hintergrund: Ein Dreiklang aus Hilfe, Beratung und freiwilliger Entscheidung
Die Situation obdachloser EU-Bürger in deutschen Städten ist ein Relikt der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit, die seit 2014 für alle EU-Staaten gilt. Viele kommen mit der Hoffnung auf Arbeit nach Deutschland, scheitern jedoch aus unterschiedlichen Gründen: Sprachbarrieren, nicht anerkannte Berufsabschlüsse, prekäre Arbeitsverhältnisse oder persönliche Schicksalsschläge. Da sie als EU-Bürger grundsätzlich nicht ausreisepflichtig sind, aber oft keinen Anspruch auf grundsichernde Sozialleistungen wie Bürgergeld haben, rutschen sie leicht in die Obdachlosigkeit. Sie fallen in eine rechtliche und soziale Grauzone.
Hier setzt die Kölner Rückkehrberatung an. «Es geht nicht um Druck oder Abschiebung. Das wäre rechtlich auch gar nicht möglich», erklärt ein Sprecher des Sozialamtes. «Es geht um eine freiwillige, gut vorbereitete und nachhaltige Rückkehr.» Die Berater der beteiligten Wohlfahrtsverbände treffen die Menschen an den bekannten Anlaufstellen: bei der mobilen Obdachlosenhilfe, in der Tagesstätte oder in den Notunterkünften. Vertrauen ist das wichtigste Gut. «Viele sind misstrauisch, haben schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht oder schämen sich einfach für ihre Situation», berichtet eine Caritas-Mitarbeiterin, die seit Jahren in dem Bereich tätig ist. «Wir brauchen oft viele Gespräche, bis das Eis bricht.»
Das Angebot ist dreistufig. Zunächst steht die akute Hilfe im Vordergrund: ein sicherer Schlafplatz für die Nacht, eine warme Mahlzeit, eine medizinische Versorgung. Parallel läuft die sozialarbeiterische Beratung. Was sind die Gründe für die aktuelle Lage? Gibt es familiäre Kontakte in der Heimat? Welche Perspektiven könnten dort bestehen? Erst wenn der Wunsch nach einer Rückkehr ernsthaft geäußert wird, beginnt die konkrete Rückkehrplanung. Die Stadt Köln übernimmt dann die Kosten für Reisedokumente, Fahrkarten und oft auch eine kleine Starthilfe für die ersten Wochen in der Heimat. Wichtig ist die Nachbereitung: Sozialarbeiter vor Ort in den Herkunftsländern, die mit den Rückkehrern kooperieren, sollen sicherstellen, dass die Menschen nicht direkt wieder in die Obdachlosigkeit abrutschen.
Analyse: Warum ist die Zahl der Rückkehrer in Köln vergleichsweise niedrig?
Die Diskrepanz zu Hamburgs 348 Rückkehrern ist frappierend. Experten und Akteure vor Ort nennen mehrere Gründe für die niedrige Zahl von 15 in Köln.
- Unterschiedliche städtische Strategie: Hamburg investiert nachweislich mehr Personal und Geld in sein Rückkehrprogramm und betreibt eine aktivere, aufsuchende Sozialarbeit.
- Zusammensetzung der Gruppe obdachloser EU-Bürger: Viele Roma aus Rumänien und Bulgarien haben wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft in ihrer Heimat.
- Starke Obdachlosenhilfe vor Ort: Das Netzwerk aus Tafeln, Kleiderkammern und Kirchen schafft ein minimales soziales Netz.
- Angst vor der Rückkehr: Für viele ist die Straße in Deutschland oft sicherer als eine Rückkehr in prekäre Verhältnisse.
- Mangel an Kapazitäten: Intensive, langfristige Betreuung, die für eine erfolgreiche Rückkehr nötig ist, fehlt oft.
- Integration vor Rückkehr: Ein Stadtrat bringt es auf den Punkt: «Die Rückkehrberatung kann nur funktionieren, wenn es im Herkunftsland eine echte Perspektive gibt.»
Gemeinschaftsauswirkungen: Zwischen Mitgefühl und Überforderung
Das Thema berührt die Kölner Bürgerschaft direkt. Anwohner im Agnesviertel oder um den Hans-Böckler-Platz beklagen die Vermüllung und gelegentliche Konflikte. Händler in der Innenstadt sorgen sich um das Bild der Stadt. Gleichzeitig spenden viele Kölnerinnen und Kölner regelmäßig an die Tafeln oder engagieren sich ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe.
Die sichtbare Obdachlosigkeit führt zu ambivalenten Gefühlen. Ein Café-Betreiber in der Südstadt sagt: «Man hat Mitleid, ja. Aber wenn jeden Morgen der Eingang voller Schlafsäcke ist und ich meine Kunden nicht gefahrlos hereinführen kann, stößt das Verständnis an Grenzen.» Eine Anwohnerin aus Ehrenfeld ergänzt: «Die Stadt muss mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen, für alle. Aber sie muss auch denen helfen, die hier keine Zukunft mehr sehen und zurück wollen. Beides ist nötig.»
Die Rückkehrberatung wird dabei oft als «saubere Lösung» missverstanden, die das Problem von den Straßen entfernt. Die Realität ist komplexer. Eine erfolgreiche Rückkehr bedeutet nicht zwangsläufig ein Ende des Leidenswegs, sondern oft nur eine Verlagerung. Die eigentliche Herausforderung, so sind sich viele Sozialverbände einig, liegt in der Prävention: in der EU-weiten Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung und in besseren Unterstützungsangeboten direkt nach der Ankunft in Deutschland, bevor Menschen auf der Straße landen.
Lokalpolitische Dimensionen: Ein Thema zwischen Sozial- und Ordnungspolitik
In der Kölner Politik wird das Thema kontrovers diskutiert. Die SPD-geführte Sozialverwaltung betont den freiwilligen Charakter und die humanitäre Hilfe. Sie verweist auf das gesamte Hilfesystem, das mit der Rückkehrberatung nur einen kleinen Teil abdecke. Die CDU-Opposition im Rat kritisiert dagegen regelmäßig, die Zahlen seien ein Beleg für eine «lasche Praxis» und fordert eine Intensivierung der Programme, auch durch eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Konsulaten der Herkunftsländer.
Fraktionsübergreifend herrscht jedoch Einigkeit, dass das Thema nicht allein auf kommunaler Ebene gelöst werden kann. «Wir brauchen dringend eine nationale und europäische Strategie», fordert die sozialpolitische Sprecherin der FDP im Kölner Rat. «Die Kommunen werden mit den Folgen einer verfehlten EU-Sozialpolitik alleingelassen. Die Rückkehrberatung ist ein Tropfen auf den heißen Stein.»
Der Haushaltsstreit ist vorprogrammiert. Soll mehr Geld in die aufsuchende Rückkehrberatung fließen, die vielleicht mehr Menschen zur Ausreise bewegen könnte? Oder sollte dieses Geld besser in den Ausbau von niedrigschwelligen Wohnangeboten und Integrationskursen speziell für EU-Bürger investiert werden, um Obdachlosigkeit von vornherein zu verhindern? Diese Frage spaltet auch die rot-grün-gelbe Koalition im Hintergrund.
Bürgerbeteiligung: Was kann man tun?
Für Bürgerinnen und Bürger, die das Thema bewegt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich zu informieren und zu engagieren. Die Stadt Köln veröffentlicht regelmäßig Berichte zur Wohnungsnotfallhilfe auf ihrer Website. Die Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie bieten Informationsveranstaltungen an und sind immer auf Spenden und ehrenamtliche Unterstützung angewiesen – nicht nur für die Rückkehrberatung, sondern für die gesamte Obdachlosenhilfe. Wer konkrete Missstände oder Personen in akuter Not sieht, kann sich an den Sozialen Dienst der Stadt oder den Notruf der mobilen Obdachlosenhilfe wenden. Politisch kann man durch Teilnahme an Ausschusssitzungen des Sozialausschusses im Stadtrat Einblick in die Debatten gewinnen oder mit den eigenen Lokalpolitikern das Gespräch suchen.
Fazit: Ein Angebot mit begrenzter Reichweite in einer ungelösten Gesamtproblematik
Die 15 Rückkehrer des Jahres 2025 stehen für 15 individuelle Geschichten der Verzweiflung, aber auch der Hoffnung. Sie stehen aber auch symbolisch für die Grenzen kommunaler Sozialpolitik in einem europäischen Binnenmarkt ohne einheitliches soziales Sicherungsnetz. Die Kölner Rückkehrberatung ist ein notwendiges, humanitäres Angebot für diejenigen, die diesen Weg gehen wollen und können. Als alleinige Antwort auf das Phänomen der Obdachlosigkeit unter EU-Bürgern ist sie jedoch unzureichend.
Die geringe Zahl im Vergleich zu Hamburg sollte für Köln ein Anstoß sein, die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen: Braucht es mehr Outreach-Arbeiter, die aktiv auf die Menschen zugehen? Sollte die Kooperation mit Netzwerken in den Herkunftsländern ausgebaut werden, um die Perspektiven vor Ort glaubhaft zu verbessern? Letztlich wird die Stadt jedoch an der großen Aufgabe nicht vorbeikommen, die sie gemeinsam mit vielen anderen Großstädten hat: mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und Hilfesysteme so auszubauen, dass Menschen gar nicht erst auf der Straße landen. Bis dahin bleibt die Rückkehrberatung ein wichtiges, aber kleines Werkzeug in einer überdimensionalen Problemlage – ein Angebot der letzten Wahl für Menschen, denen in Köln alle anderen Türen verschlossen geblieben sind.