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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Antisemitismus in Berlin: Staatsschutz ermittelt nach Hitlergruß
Berlin

Antisemitismus in Berlin: Staatsschutz ermittelt nach Hitlergruß

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 30, 2026 7:20 p.m.
Julia Becker
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In Berlin-Mitte, auf dem Weg zur Synagoge, wurde in diesen Tagen ein führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel mit dem Tod bedroht. Zwei Männer beschimpften ihn antisemitisch, einer zeigte wiederholt den Hitlergruß. Das geschah mitten am Tag, auf einer Berliner Straße. Ein Video des Vorfalls, aufgenommen vom Betroffenen selbst, sorgt für Entsetzen und eine klare Frage: Wie sicher können Jüdinnen und Juden in dieser Stadt noch leben? Der Staatsschutz der Polizei ermittelt. Doch dieser Fall ist leider kein Einzelfall. Er ist Teil einer erschreckenden neuen Normalität, die sich in Berlins Kiezen und weit darüber hinaus ausbreitet.

Shlomo Afanasev, ein Ratsmitglied der Gemeinde, veröffentlichte das Video auf der Plattform X. Es zeigt, wie die beiden Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite laufen. Einer dreht sein Gesicht weg, zieht die Cap tief herunter. Der andere zeigt ungeniert den verbotenen Hitlergruß. „Sieg Heil“-Rufe sind zu hören. Der Filmende ruft laut nach der Polizei. Die Reaktion der Männer? Sie schlendern weiter. Der eine beteuert, nichts getan zu haben. Der andere, der den Gruß zeigte, geht kurz auf den Filmenden zu, fragt nach seinem Namen und antwortet selbst feixend: „Muhammad Ali.“ Die Polizei nahm später einen der Tatverdächtigen fest. Ein weiteres Foto zeigt ihn im Streifenwagen, wie er direkt in die Kamera blickt. „Solche Bilder erschüttern“, schreibt Afanasev. „Antisemitismus ist keine Erinnerung an die Vergangenheit – er ist eine Realität der Gegenwart.“

Diese Realität hat in Berlin gerade erst wieder ein brutales Gesicht gezeigt. Im Prenzlauer Berg wurde ein Paar mit Kinderwagen auf offener Straße bedroht, nachdem es von Antisemiten als jüdisch identifiziert worden war. Eine Zeugin filmte die Szene. Die Hauptstadt gerät immer wieder wegen solcher krasser Vorfälle in die Schlagzeilen. Doch Berlin ist nur die Spitze eines Eisbergs, der ganz Deutschland umfasst. Die Zahlen sind alarmierend. Laut dem aktuellen Jahresbericht der internationalen J7 Taskforce gegen Antisemitismus ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland seit 2022 um 215 Prozent gestiegen. Das ist der massivste Anstieg unter allen sieben untersuchten Ländern, zu denen auch die USA, Großbritannien und Frankreich gehören.

Jahr Antisemitische Vorfälle Pro Vorfälle pro 1.000 jüdische Einwohner
2025 8.725 70

Betroffen waren 1.849 jüdische Personen sowie 2.184 Institutionen. „Die Zahlen belegen die fortschreitende Normalisierung des Judenhasses,“ erklärt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieser Hass werde von den politischen Rändern von links bis rechts geschürt und zunehmend als angeblicher „Antizionismus“ getarnt. Schuster fordert den Gesetzgeber auf, Lücken im Strafrecht zu schließen und Aufrufe zur Zerstörung des Staates Israel konsequent unter Strafe zu stellen.

  • 807 Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund
  • 501 Vorfälle aus dem linken, antiimperialistischen Spektrum
  • 166 islamistisch motivierte Vorfälle
  • 22,6 Prozent kategorisiert als „Anti-Israel-Aktivismus“
  • Eine hohe Anzahl ungeklärter Vorfälle
  • Ein komplexes Problem, das nicht ignoriert werden darf

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour kommentierte den aktuellen Berliner Vorfall mit großer Betroffenheit. „Ich habe es satt,“ schrieb er auf X. „Über Jahre haben wir versucht, es klarzumachen. Neben dem rechtsextremen Antisemitismus gibt es auch einen muslimischen Antisemitismus. Einen, den wir importiert haben.“ Damals seien solche Warnungen als Panikmache abgetan worden. „Und jetzt? Jetzt schaut euch an, wo wir angekommen sind,“ fragt Mansour. „Wollen wir wirklich so leben? Wollen wir, dass Juden Angst haben, während Antisemiten selbstbewusst auf den Straßen ihr Unheil verbreiten?“ Seine Warnung ist deutlich: Heute seien es Juden, morgen Frauen, übermorgen Christen – „und dann trifft es uns alle.“

Was bedeutet das für das Leben in Berlin? Für jüdische Gemeindemitglieder wie den Mann aus Mitte ist der Weg zur Synagoge nicht mehr einfach nur ein Gang. Er kann zur Gefahrensituation werden. Das Grundrecht auf freie Religionsausübung wird von der Angst überschattet, beschimpft, bedroht oder tätlich angegriffen zu werden. Diese Angst frisst sich in den Alltag. Sie verändert das Verhalten, bestimmt Routen, schränkt die freie Entfaltung ein. Für die gesamte Stadtgesellschaft ist es ein Alarmzeichen. Wo Minderheiten offen bedroht werden können, ohne dass sofort entschlossener gesellschaftlicher und staatlicher Widerstand folgt, bröckelt das Fundament unseres Zusammenlebens.

Die Polizei und der Staatsschutz sind gefordert. Die Strafverfolgung muss konsequent und sichtbar sein. Doch das allein reicht nicht. Die Stadtpolitik, die Bezirksämter, die Zivilgesellschaft – alle müssen laut und deutlich Position beziehen. Antisemitismus darf in keinem Kiez, in keiner Schule, in keinem Sportverein geduldet werden. Präventionsprogramme müssen ausgebaut, Bildungsarbeit intensiviert werden. Besonders wichtig ist die Arbeit in sozialen Brennpunkten und in Communities, in denen israelbezogener Antisemitismus oft unreflektiert übernommen wird. Hier braucht es Dialogangebote und Aufklärung von innen heraus, von Vertrauenspersonen wie Ahmad Mansour.

Die kommenden Wochen werden zeigen, wie die Justiz mit dem Fall in Mitte umgeht. Doch über den Einzelfall hinaus wartet eine große Aufgabe auf Berlin und Deutschland. Der Bericht der J7 Taskforce spricht eine klare Sprache: Antisemitismus ist kein vorübergehendes Strohfeuer. Die Anti-Defamation League (ADL) warnt: „Er ist unsere neue Normalität.” Diese Normalität dürfen wir nicht akzeptieren. Jeder Vorfall, jede Bedrohung, jede Schändung einer Gedenkstätte ist ein Angriff auf uns alle und auf unsere demokratische Werteordnung. Die Erinnerung an die Shoah verpflichtet Deutschland in besonderer Weise, nicht wegzusehen, nicht zu relativieren und nicht zu schweigen. In Berlin muss jetzt gehandelt werden, damit alle Bürgerinnen und Bürger, egal welcher Religion, sicher und ohne Angst durch ihre Stadt gehen können.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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