Warnstreiks legen Teile des Berliner Handels lahm – Verdi kämpft für unterste Lohn-Gruppen
Der Berliner Einzelhandel steht am Freitag und Samstag erneut vor erheblichen Beeinträchtigungen. Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten im Groß- und Einzelhandel in Berlin und Brandenburg zu neuen Warnstreiks aufgerufen. Der Arbeitskampf beginnt am Freitagmorgen und soll bis einschließlich Samstag andauern. Höhepunkt wird eine zentrale Kundgebung am Wittenbergplatz in Berlin am Freitagvormittag sein, auf der auch der frühere Linke-Politiker Gregor Gysi sprechen wird. Diese erneuten Streiks folgen auf gescheiterte Tarifverhandlungen und unterstreichen die Entschlossenheit der Gewerkschaft, gerade für die Geringverdiener im Handel einen besseren Abschluss zu erkämpfen.
Für die Kundgebungen und Streikposten werden besonders große Filialen von Einzelhandelsketten wie Rewe, Edeka, Kaufland und Globus im Fokus stehen. Kunden müssen sich darauf einstellen, dass einzelne Supermärkte und Fachgeschäfte kurzfristig geschlossen bleiben oder nur eingeschränkt geöffnet haben. Die Auswirkungen werden in den bevölkerungsreichen Bezirken wie Neukölln, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg besonders spürbar sein, wo viele dieser Filialen angesiedelt sind.
Die Forderung: Sieben Prozent mehr, mindestens 225 Euro
Im Kern des Konflikts steht die bundesweite Tarifrunde für den Handel. Verdi fordert für die rund 240.000 Beschäftigten in Berlin und Brandenburg sieben Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 225 Euro mehr im Monat, bei einer Laufzeit von nur zwölf Monaten. Diese Forderung ist deutlich ambitionierter als der Abschluss, der vor etwa einer Woche für den bayerischen Großhandel erzielt wurde. Dort einigten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft auf eine Erhöhung in zwei Schritten: 2,9 Prozent ab August 2025 und weitere 2,1 Prozent ab Mai 2026, verteilt über eine Laufzeit von 24 Monaten.
Für die Berliner und Brandenburger Verhandlungsführer von Verdi kommt eine Übernahme dieses bayerischen Modells jedoch nicht infrage. „Insbesondere in Brandenburg besteht eine andere, niedrigere Entgeltstruktur,“ erklärt eine Gewerkschaftssprecherin. Das entscheidende Problem: Für Beschäftigte in den untersten Entgeltgruppen würde die prozentuale Erhöhung nach bayerischem Muster bedeuten, dass ihr tariflicher Stundenlohn unter den gesetzlichen Mindestlohn von aktuell 12,41 Euro fallen könnte.
Ein Kampf um die unterste Lohngruppe
„Ausgerechnet die Beschäftigten mit den niedrigsten Einkommen sollen nach dem Willen der großen Handelsunternehmen keine eigenständige, angemessene Tariferhöhung erhalten,“ kritisiert Verdi scharf. Es gehe hier um Gerechtigkeit und die Aufwertung von systemrelevanten Berufen, die während der Pandemie besonders gefordert waren. Viele der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten als Regalauffüller, an der Kasse oder in der Warenannahme – Jobs, die oft im gesellschaftlichen Bewusstsein unterbewertet seien, wie ein Gewerkschaftsvertreter bei einer Informationsveranstaltung in Marzahn betonte.
Die Arbeitgeberverbände des Handels halten dagegen und verweisen auf die wirtschaftlich angespannte Lage vieler Betriebe durch gestiegene Energiekosten und verhaltenes Konsumklima. Sie argumentieren, der bayerische Abschluss sei ein fairer und wirtschaftlich vertretbarer Kompromiss, der auch in Berlin und Brandenburg übernommen werden sollte.
Perspektiven aus dem Kiez: Solidarität und Verständnis
Die geplanten Streiks lösen in der Stadt gemischte Reaktionen aus. Bei einer kleinen Spontandemonstration vor einem Supermarkt in Prenzlauer Berg äußerte die 52-jährige Verkäuferin Katrin ihre volle Unterstützung: „Wir halten den Laden am Laufen, auch sonntags und an Feiertagen. Da ist es nur fair, dass wir von unserem Lohn auch leben können, besonders mit den gestiegenen Mieten hier in Berlin.“ Einige Kunden zeigen Verständnis. „Es ist lästig, aber wenn es für faire Löhne ist, dann unterstütze ich das,“ sagt ein älterer Herr, der seinen Wocheneinkauf umplant.
Andere Bürger, besonders Familien mit Kindern oder Ältere, die auf den Supermarkt um die Ecke angewiesen sind, blicken mit Sorge auf das Wochenende. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass die Warnstreiks vorher angekündigt seien und rät, Einkäufe vorzuziehen.
Was kommt als nächstes?
Wann in Berlin und Brandenburg die nächste Verhandlungsrunde stattfinden wird, ist derzeit völlig offen. Konkrete Termine stehen weder für den Einzel- noch für den Großhandel fest. Die Arbeitgeber zeigen sich bisher nicht bereit, von ihrer Position abzurücken, während Verdi durch die Warnstreiks den Druck erhöhen will. Sollten die Verhandlungen weiter festgefahren sein, drohen im Laufe des Frühjahrs möglicherweise auch länger andauernde Streikmaßnahmen.
Die Kundgebung am Wittenbergplatz am Freitag wird somit zu einem wichtigen Signal. Mit der Ankündigung von Gregor Gysi als Redner hofft Verdi, zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit für die Anliegen der Beschäftigten zu generieren. Der Konflikt zeigt deutlich, dass die Tarifpolitik im Handel nicht nur eine Frage von Prozentpunkten ist, sondern unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensrealität von Hunderttausenden Beschäftigten in der Region hat – und auf die Versorgungssicherheit in den Kiezen Berlins.
- Warnstreiks am Freitag und Samstag
- Forderung: Sieben Prozent mehr Lohn
- Mindestens 225 Euro mehr im Monat
- Kundgebung am Wittenbergplatz
- Betroffene: 240.000 Beschäftigte
- Berufsfelder: Regalauffüller, Kassierer
| Tariferhöhung | Bayern | Berlin/Brandenburg |
|---|---|---|
| Erster Schritt | 2,9 Prozent ab August 2025 | Kontraübernahme |
| Zweiter Schritt | 2,1 Prozent ab Mai 2026 | Keine Einigung |
| Laufzeit | 24 Monate | 12 Monate geplant |