In der Stuttgarter Innenstadt, wo das Kepler-Gymnasium seine festen Mauern hat, spielen sich täglich Geschichten von Aufbruch und Neuanfang ab. Eine dieser Geschichten ist die von Diyana Raziye Mohammedi. Ihre Reise führt von Afghanistan über die Schulflure Stuttgarts bis in den Hörsaal einer Universität. Sie zeigt, was mit Mut, der richtigen Förderung und einem starken Willen möglich ist. Ihr erfolgreiches Abitur ist nicht nur eine persönliche Leistung, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Integration durch Bildung und Engagement gelingen kann.
Diyana Mohammedi kam 2015 nach Deutschland. Für ein damals 15-jähriges Mädchen bedeutete das einen kompletten Neustart: neue Sprache, neues Schulsystem, neue Umgebung. Viele junge Menschen in Stuttgart kennen solche Herausforderungen. Laut dem Statistischen Amt der Landeshauptstadt haben rund 45 Prozent der unter 18-Jährigen in Stuttgart einen Migrationshintergrund. Der Weg zum Bildungsabschluss ist für sie oft mit zusätzlichen Hürden gepflastert. Diyana ließ sich nicht entmutigen. Stattdessen lernte sie systematisch Deutsch, fand ihren Platz in der Schule und entwickelte einen klaren Blick für die Zukunft. Ihre schulische Laufbahn führte sie schließlich zum Kepler-Gymnasium, wo sie in diesem Jahr ihr Abitur ablegte. Entscheidend auf diesem Weg war die Unterstützung durch das Schülerstipendienprogramm „Talent im Land“ (TiL), das sie seit 2021 begleitet.
Das Programm „Talent im Land“ ist eine feste Säule der Bildungsförderung in Baden-Württemberg. Es richtet sich speziell an begabte Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer Biografie oder sozialen Herkunft besondere Hürden überwinden müssen. Die Förderung besteht aus:
- finanzieller Unterstützung
- umfangreichem Seminarprogramm
- persönlicher Beratung
- gemeinsamen Veranstaltungen
- Netzwerkmöglichkeiten
- Mentoring durch erfahrene Fachleute
Getragen wird das Programm seit 2019 gemeinsam von der Baden-Württemberg Stiftung und der Josef Wund Stiftung. Über 900 Alumni belegen seinen Erfolg. Für Diyana war das Stipendium ein Wendepunkt. „Besonders der Austausch mit anderen engagierten jungen Menschen, die Workshops und die persönliche Begleitung haben mir dabei geholfen, neue Perspektiven zu entwickeln, selbstbewusster zu werden und meine eigenen Stärken besser kennen zu lernen“, sagt die heute 20-Jährige. Es ging also nicht nur um Geld, sondern um Gemeinschaft, Orientierung und die Stärkung des Selbstvertrauens.
Dieses gewonnene Selbstvertrauen setzte Diyana direkt in gemeinnütziges Engagement um – ein Kernaspekt, den „Talent im Land“ stark fördert. Schon während ihrer Schulzeit übernahm sie Verantwortung für andere. Sie war Klassensprecherin, Schülersprecherin und aktiv in der Schülermitverantwortung (SMV), wo sie sich für die Interessen ihrer Mitschüler einsetzte. Darüber hinaus leitete sie eine Hip-Hop-Tanz-AG für Kinder und organisierte gemeinsame Auftritte. Auch außerhalb des Schulzauns war sie aktiv, etwa in Projekten der Bertelsmann Stiftung zu den Themen Schulsystem und Kinderrechte. Für Diyana ist klar: „Engagement bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig anderen Menschen neue Möglichkeiten zu eröffnen.“ Ihr Einsatz zeigt, wie wichtig solche außerschulischen Erfahrungen für die persönliche Entwicklung und die soziale Integration sind. Sie festigen nicht nur die Sprachkenntnisse, sondern bauen Brücken in die Gesellschaft hinein.
Mit dem Abitur in der Tasche beginnt für Diyana Mohammedi nun ein neuer, lang ersehnter Lebensabschnitt. Im kommenden Wintersemester nimmt sie ihr Studium der Medizintechnik an der Universität Ulm auf. Ihre Motivation ist tief in ihrem Werdegang verwurzelt. „Ich möchte technische Innovationen nutzen, um Menschen im medizinischen Bereich zu helfen und ihre Lebensqualität zu verbessern“, erklärt sie. Doch ihr Blick bleibt auch auf die Gesellschaft gerichtet. Ein langfristiges Ziel ist es, eigene Projekte zu initiieren. Konkret schwebt ihr die Organisation von kostenlosen Deutschkursen und Begegnungsangeboten für zugewanderte Frauen vor. „Sie haben oft wenig soziale Kontakte, das möchte ich ändern“, so Diyana. Hier verbinden sich ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Wunsch, etwas zurückzugeben und Strukturen zu schaffen, die anderen den Start erleichtern.
Ihre Geschichte ist mehr als eine individuelle Erfolgsmeldung. Sie steht beispielhaft für viele junge Menschen in Stuttgart, die trotz schwieriger Ausgangsbedingungen ihr Potenzial entfalten wollen. Die Stadt verzeichnet zwar eine vergleichsweise hohe Quote an Studienberechtigten, doch der Weg dorthin ist nicht für alle gleich. Programme wie „Talent im Land“ schließen eine wichtige Lücke, indem sie nicht nur die schulische Leistung, sondern die ganze Persönlichkeit im Blick haben. Sie fördern damit genau die jungen Talente, die unsere Gesellschaft dringend braucht: resilient, engagiert und mit einem ausgeprägten Sinn für Gemeinwohl.
Diyanas Definition von Erfolg geht weit über Noten und Abschlüsse hinaus. „Erfolg heißt für mich, Chancen zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und andere auf ihrem Weg zu unterstützen“, sagt sie. Sie ist überzeugt, dass nicht die Herkunft über die Zukunft entscheidet, sondern der Mut, eigene Ziele zu verfolgen. Ihr Rat an andere Jugendliche ist daher ebenso einfach wie kraftvoll: „Traut euch, Chancen zu ergreifen und an euch selbst zu glauben. Man weiß nie, wohin ein einziger mutiger Schritt führen kann – manchmal verändert er das ganze Leben.“
Ihr Werdegang ist eine Bestätigung für die Wirkung gezielter Bildungsförderung und ein starkes Signal an die Stuttgarter Stadtgesellschaft. Er erinnert daran, dass Talente in allen Stadtteilen zu finden sind – in Bad Cannstatt wie in Degerloch, in Zuffenhausen wie in Wangen. Es braucht nur den richtigen Rahmen, um sie zu entdecken und zu unterstützen. Diyana Mohammedis nächster mutiger Schritt führt sie nun nach Ulm. Doch ihr Weg begann in Stuttgart, und die Werte, die sie hier geprägt haben – Engagement, Verantwortung und der Glaube an die eigene Kraft – nimmt sie mit. Ihre Geschichte ist damit auch eine stolze Geschichte dieser Stadt.