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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Essen > Essenerin gründet Netzwerk für Freundschaften
Essen

Essenerin gründet Netzwerk für Freundschaften

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: Juli 31, 2026 11:58 p.m.
Julia Becker
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Die Essenerin Marie Kosian (26) dachte lange, dass sie die Einzige sei. Die Einzige, deren Freundeskreis nach dem Studium schrumpfte. Die Einzige, die das Gefühl kannte, neue Leute in der eigenen Stadt kennenlernen zu wollen, aber nicht recht zu wissen, wie. Dann stellte sie fest: Dieses Gefühl ist weit verbreitet, besonders unter jungen Frauen. Die Antwort der Rüttenscheiderin war pragmatisch und persönlich zugleich. Sie gründete einfach ihr eigenes Netzwerk. Aus einer spontanen Idee für ein Picknick im Grugapark ist innerhalb weniger Monate „Rü Friends“ erwachsen – eine wachsende Gemeinschaft, die gezielt Frauen in Essen zusammenbringen will. Was als persönliche Initiative begann, trifft offenbar den Nerv einer Generation und wirft ein Schlaglicht auf die sozialen Herausforderungen des urbanen Lebens, auch in einer Großstadt wie Essen.

Der Impuls war simpel. „Ich hatte das Gefühl, viele meiner Freundinnen waren entweder weggezogen oder durch Beruf und Familie stark eingespannt“, erzählt Kosian. Die klassischen Wege, neue Kontakte zu knüpfen – über den Sportverein oder die Arbeit – funktionierten für sie nicht so recht. Also postete sie im Frühjahr 2025 in einer lokalen Online-Gruppe eine Einladung zu einem unverbindlichen Picknick. Sie rechnete mit vielleicht fünf Interessentinnen. Über dreißig kamen. „Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Da ist nicht nur mein Bedürfnis. Das ist ein echtes Thema für viele“, sagt sie. Seitdem trifft sich die Gruppe, die sich mittlerweile „Rü Friends“ nennt, regelmäßig. Die Aktivitäten reichen von gemeinsamen Spaziergängen um den Baldeneysee über Kochabende bis hin zu Besuchen in der neuen Folkwang-Bibliothek oder dem Unperfekthaus. Der Fokus liegt auf Niedrigschwelligkeit und Authentizität. Es geht nicht um Networking im beruflichen Sinne, sondern um das Knüpfen privater Freundschaften.

Hinter dieser privaten Initiative steht ein gesellschaftliches Phänomen, das Stadtsoziologen und Gemeindepsychologen zunehmend beschäftigen: soziale Isolation im urbanen Raum. Essen als Stadt des strukturellen Wandels vom Kohle- und Stahlstandort zur grünen Metropole sieht sich dabei vor besondere Herausforderungen gestellt. Viele junge Menschen ziehen für Studium oder Ausbildung in die Stadt, bleiben nach dem Abschluss, finden hier Arbeit – aber ihre sozialen Wurzeln liegen oft anderswo. Der natürlich gewachsene Freundeskreis aus Schul- und Studienzeiten löst sich auf, wenn Menschen in andere Städte ziehen oder in der eigenen Lebensphase Prioritäten verschieben. „Gerade in der Phase zwischen 25 und 35, in der Berufseinstieg, Partnerschaft und oft auch Familiengründung zusammenfallen, kann das soziale Netz sehr brüchig werden“, erklärt Dr. Lena Berger, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Duisburg-Essen. „Die Großstadt bietet zwar unendlich viele Möglichkeiten, aber sie erfordert auch aktive Gestaltung des Soziallebens. Das kann überfordernd wirken.“ Eine Studie des Essener Statistikamts aus dem Jahr 2024 zeigt, dass über 35 Prozent der 25- bis 35-Jährigen in Essen in Ein- oder Zweipersonenhaushalten leben. Zwar ist das kein direkter Indikator für Einsamkeit, legt aber nahe, dass traditionelle Familien- oder WG-Strukturen für viele in dieser Lebensphase nicht den sozialen Rahmen bieten.

Marie Kosians Initiative fügt sich ein in eine deutschlandweite Bewegung von Graswurzel-Projekten, die dieser Entwicklung begegnen. In Köln gibt es „Cologne Girls Connect“, in Frankfurt „Main Ladies“, in Hamburg diverse „Freundinnen“-Gruppen auf Social-Media-Plattformen. Diese privaten Netzwerke entstehen oft parallel zu oder als Ergänzung zu offiziellen städtischen Angeboten der Gemeinwesenarbeit. „Was Projekte wie ‚Rü Friends‘ so wertvoll macht, ist ihre Authentizität und ihre Entstehung aus der Betroffenheit heraus“, sagt Gemeinwesenarbeiterin Sarah Mengel, die für die Stadt Essen in verschiedenen Quartieren tätig ist. „Sie schaffen einen Raum, der frei ist von Erwartungen oder Programmzwang. Das kommt insbesondere bei jungen Berufstätigen gut an, die nach der Arbeit keine weitere ‚Veranstaltung‘ im Kalender haben wollen, sondern echten Austausch.“ Die Stadt Essen selbst fördert soziale Begegnung unter anderem durch die „Nachbarschaftszentren“ in Stadtteilen wie Altenessen, Kray oder Borbeck. Diese richten sich jedoch häufig an eine breitere oder ältere Bevölkerungsgruppe. Die spezifische Lücke, die „Rü Friends“ füllt, ist die der jungen Frau, die schon angekommen ist in Essen, aber ihr soziales Umfeld noch aktiv gestalten muss.

Die Resonanz gibt dem Projekt recht. Die private Chatgruppe von „Rü Friends“ zählt mittlerweile über 180 Mitglieder. Bei den monatlichen Stammtischen kommen konstant zwischen 15 und 25 Frauen zusammen. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis Mitte 40, der gemeinsame Nenner ist oft der Wunsch nach unkompliziertem Kontakt. „Ich bin vor zwei Jahren aus beruflichen Gründen nach Essen gezogen. Über die Arbeit habe ich zwar Kollegen kennengelernt, aber das ist etwas anderes“, berichtet Teilnehmerin Johanna (29). „Bei ‚Rü Friends‘ geht es von der ersten Minute an um private Interessen, ums Kennenlernen ohne Hintergedanken. Ich habe hier schon zwei Frauen getroffen, mit denen ich mich regelmäßig zum Laufen treffe.“ Eine andere Teilnehmerin, Miriam (35), betont: „Es ist einfach erleichternd zu sehen, dass es vielen ähnlich geht. Man fühlt sich mit seinem Gefühl, mal neue Leute treffen zu wollen, nicht mehr so allein.“

Die bewusste Fokussierung auf Frauen ist ein zentraler Aspekt des Netzwerks. Marie Kosian begründet dies mit der Schaffung eines geschützten Raumes. „Aus Erfahrung und aus Rückmeldungen wissen wir, dass viele Frauen sich in einer rein weiblichen Runde einfach schneller öffnen, ungezwungener reden können“, sagt sie. Es gehe nicht um Ausschluss, sondern um die Schaffung einer Atmosphäre, in der man sich wohlfühle. Diese Herangehensweise wird von Sozialexpertinnen unterstützt. „Gerade für das Knüpfen von ersten, vertrauensvollen Kontakten kann ein geschlechtshomogener Rahmen hilfreich sein“, bestätigt Dr. Lena Berger. „Es reduziert eine gewisse soziale Komplexität und ermöglicht oft einen schnelleren Zugang zu gemeinsamen Themen und Erfahrungswelten.“ Das Netzwerk stehe selbstverständlich auch nicht-heteronormativen Frauen offen und verstehe sich als inklusiv.

Die Entwicklung von „Rü Friends“ zeigt auch die praktischen Herausforderungen solcher Bürgerinitiativen. Alles basiert auf dem freiwilligen Engagement der Gründerin und weniger Helferinnen. Die Organisation läuft über soziale Medien und Messengerdienste. Eine formale Vereinsstruktur oder Fördergelder gibt es nicht. „Manchmal ist es schon viel, neben dem Job die nächste Aktivität zu planen und die Kommunikation am Laufen zu halten“, gesteht Kosian. Gleichzeitig schätzt sie genau diese Unverbindlichkeit und Flexibilität. Die Zukunft des Netzwerks sieht sie weiterhin organisch wachsend. Es gebe Ideen für Themenabende oder gemeinsame Workshops, aber der lockere Charakter solle erhalten bleiben. „Unser größter Erfolg ist, wenn zwei Frauen aus der Gruppe irgendwann sagen: ‚Wisst ihr was, wir treffen uns jetzt auch so‘. Dann hat sich der Kreis geschlossen.“

Was lässt sich aus dem Erfolg von „Rü Friends“ für das städtische Gemeinwesen ableiten? Für Gemeinwesenarbeiterin Sarah Mengel sind solche Initiativen ein unschätzbarer Gewinn. Sie erreichen Zielgruppen, die wir mit unseren Angeboten vielleicht nicht direkt ansprechen.“ Sie plädiert dafür, dass die Stadtverwaltung solche selbstorganisierten Projekte noch stärker als Partner wahrnimmt und unterstützt – nicht mit bürokratischen Hürden, sondern vielleicht mit der kostengünstigen Bereitstellung von Räumen in Stadtteilbibliotheken oder Bürgerhäusern für Treffen. Auch eine Vernetzung unter den verschiedenen privaten Netzwerken in Essen, von Sportgruppen über Leseclubs bis hin zu Initiativen wie „Rü Friends“, könnte Synergien schaffen.

Aspekt Details
Initiator Marie Kosian
Gründungsjahr 2025
Mitglieder Über 180
Aktivitäten
  • Picknicks
  • Spaziergänge
  • Kochabende
  • Besuche in Bibliotheken
  • Treffen im Unperfekthaus
  • Sportaktivitäten
Fokus Frauen zwischen 20 und 40 Jahren

Für Marie Kosian und die vielen Frauen, die mittlerweile zu „Rü Friends“ gehören, ist die Botschaft einfach und klar: Wer sich in einer Großstadt wie Essen einsam fühlt oder seinen Freundeskreis erweitern möchte, ist nicht allein. Der erste Schritt, sich aktiv einzubringen, mag Überwindung kosten, aber er lohnt sich. Ihr Projekt ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie Bürgerengagement das soziale Gefüge einer Stadt direkt und positiv mitgestalten kann – von unten, ohne großen Aufwand, aber mit großer Wirkung für die Lebensqualität im Alltag. In einer Zeit, in der oft über die Anonymität der Großstadt geklagt wird, setzt „Rü Friends“ ein konkretes Zeichen der Verbundenheit mitten im Herzen des Ruhrgebiets.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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