Die Theresienwiese im September. Eine Stadt aus Stoff und Holz, bevölkert von Tausenden Arbeitern, wächst dem Münchner Himmel entgegen. Es sind die berühmten Bierburgen des Oktoberfests, deren Umrisse jedes Jahr aufs Neue die Vorfreude der Stadt entfachen. In wenigen Tagen, am 21. September, öffnen sich ihre Pforten zum 191. Mal. Doch in diesem Jahr umgibt den Aufbau nicht nur die gewohnte geschäftige Hektik, sondern auch eine beispiellose rechtliche Spannung. Ihre Ursache trägt einen Namen: Alexander Egger.
Der Münchner Gastronom, dessen Familie seit Generationen in der Branche verwurzelt ist, will einen Systemwechsel erzwingen. Sein Ziel ist, dass die begehrten Zeltplatz-Verpachtungen künftig in einem offenen, europaweiten Vergabeverfahren ausgeschrieben werden müssen. Eine so fundamentale Herausforderung des bestehenden Systems hat es in der langen Geschichte des größten Volksfests der Welt noch nicht gegeben. Im Gespräch erklärt Egger erstmals ausführlich die Gründe für seinen historischen Vorstoß.
„Es geht mir nicht um meinen persönlichen Vorteil oder darum, einfach nur einen der begehrten Plätze zu ergattern“, betont Egger gleich zu Beginn. Sein Büro liegt nicht weit von der Theresienwiese, der Ort, um den sich alles dreht. „Es geht um Fairness, Transparenz und das Prinzip. Wir haben hier eine Situation, die in dieser Form in einer modernen europäischen Metropole wie München nicht mehr haltbar ist.”
Hintergrund und Kontext: Das alteingesessene System der „Wiesn-Wirte“
Das Vergabeverfahren für die Oktoberfest-Zelte ist kein gewöhnlicher Mietvertrag. Es ist ein hochkomplexes Geflecht aus Tradition, persönlichen Beziehungen, wirtschaftlicher Macht und kommunalpolitischen Absprachen. Seit Jahrzehnten werden die vierzehn großen Bierzelte und zwanzig kleineren Buden von einem festen Kreis an Familien und Unternehmen betrieben, die oft als „Wiesn-Wirte-Dynastien“ bezeichnet werden.
Die Stadt München, vertreten durch das Referat für Arbeit und Wirtschaft, verhandelt die Pachtverträge für die rund 16-tägige Festzeit im direkten Verfahren mit diesen Betreibern. Ein formelles Ausschreibungsverfahren, wie es für andere städtische Dienstleistungen oder Konzessionen üblich wäre, findet nicht statt. Die aktuellen Verträge, die seit Jahren immer wieder verlängert werden, laufen schrittweise bis 2030 aus. Genau hier setzt Alexander Egger an.
„Die Stadt begründet das Fehlen einer Ausschreibung damit, dass es sich um eine vertragliche Verlängerung handelt und sie aufgrund der Kontinuität und der Komplexität des Festbetriebs am besten mit den erfahrenen Partnern zusammenarbeitet“, so Egger.
„Doch meiner Rechtsauffassung nach handelt es sich um eine öffentliche Dienstleistungskonzession, die nach EU-Recht und dem deutschen Vergaberecht nach einer gewissen Laufzeit neu ausgeschrieben werden muss.” Sein zentrales Argument: Die Wiesn-Wirte erbringen auf der städtischen Theresienwiese eine Dienstleistung (Gastronomie, Unterhaltung) gegen Entgelt (die Pacht) und tragen dabei das volle wirtschaftliche Risiko. Genau diese Konstellation sei vergabepflichtig.
Die wirtschaftliche Dimension: Ein Markt mit Millionen-Umsätzen
Die finanziellen Größenordnungen, um die es geht, sind gewaltig und unterstreichen die Bedeutung der Thematik. Laut den letzten verfügbaren Wirtschaftsdaten des Oktoberfests erwirtschaften die großen Zelte wie die Hofbräu-Festhalle, das Schottenhamel-Festzelt oder das Hacker-Festzelt jeweils Umsätze im zweistelligen Millionenbereich pro Fest. Ein Liter Bier kostet dieses Jahr rund 15 Euro.
Die Pacht, die die Wirte an die Stadt zahlen, ist gestaffelt und orientiert sich an Faktoren wie Zeltgröße und Lage. Sie bewegt sich für die großen Zelte schätzungsweise im mittleren sechsstelligen Bereich pro Fest. Der wirtschaftliche Gesamtnutzen für die Stadt München ist immens. Das Fest generiert nicht nur direkte Pachteinnahmen, sondern auch enorme Steuereinnahmen aus Umsatz-, Gewerbe- und Lohnsteuer und sichert tausende saisonale Arbeitsplätze.
„Gerade weil es um so viel geht – um Millionenumsätze, um das Image der Stadt, um eine zentrale kulturelle und wirtschaftliche Institution – muss das Verfahren makellos und für jeden nachvollziehbar sein“, fordert Egger. „Der aktuelle Weg des stillschweigenden Verlängerns hinter verschlossenen Türen erweckt den Anschein einer geschlossenen Gesellschaft. Das schadet auf Dauer dem Ansehen des Festes.”
Die politische und rechtliche Gemengelage
Die Stadt München, angefragt zu dem drohenden Rechtsstreit, verweist auf die Bewährtheit des Systems. Ein Sprecher des Wirtschaftsreferats erklärt: „Die langjährigen Wiesn-Wirte garantieren mit ihrer einzigartigen Expertise den reibungslosen und sicheren Ablauf des Oktoberfests. Sie investieren Jahr für Jahr Millionen in die Zelte, die Technik und die Logistik. Diese Kontinuität und Verlässlichkeit ist ein unschätzbarer Wert, den ein offenes Verfahren gefährden könnte.” Man sei zuversichtlich, dass die bisherige Praxis rechtmäßig sei.
Rechtsexperten, die mit dem Vergaberecht vertraut sind, sehen jedoch durchaus Diskussionsbedarf. Professorin Dr. Lena Bauer, die an einer bayerischen Universität Öffentliches Wirtschaftsrecht lehrt, erklärt: „Die Abgrenzung, wann eine Konzession vorliegt und wann nicht, ist im Detail komplex. Die Stadt München argumentiert sicherlich mit dem Eigenart-Vorbehalt – also dem besonderen Charakter des Oktoberfests als traditionsreiches Kulturgut, das spezifisches Know-how erfordert. Ob diese Argumentation vor den Vergabekammern oder letztinstanzlich vor den Gerichten standhält, muss sich erst zeigen. Der Fall von Herrn Egger wird hier sicherlich als Prüfstein dienen.”
In der Lokalpolitik Münchens sind die Meinungen gespalten. Während die CSU-Fraktion traditionell die Seite der etablierten Wiesn-Wirte und die Argumentation der Stadtverwaltung unterstützt, gibt es in den Räten von SPD, Grünen und Freien Wählern Stimmen, die mehr Transparenz fordern. „Wir sollten zumindest diskutieren, ob Elemente eines wettbewerblichen Verfahrens, etwa für neu hinzukommende Flächen oder bei einem kompletten Neustart nach 2030, möglich sind“, so ein grüner Stadtrat, der ungenannt bleiben möchte. „Das Fest muss sich weiterentwickeln, ohne seine Seele zu verlieren. Dazu kann auch ein modernisiertes Vergabemanagement gehören.”
Perspektiven und mögliche Folgen eines Systemwechsels
Alexander Egger ist sich der emotionalen und traditionellen Dimension seines Vorhabens vollkommen bewusst. „Ich will das Oktoberfest nicht zerstören oder kommerzialisieren. Im Gegenteil. Ich liebe dieses Fest, es ist ein Teil unserer Stadtidentität“, sagt er. „Aber ich bin überzeugt, dass Fairness und Wettbewerb dem Fest langfristig guttun würden. Vielleicht kämen neue Ideen, ein frischer Wind, ohne dass die großen Traditionen wie die Fahnenschwenker, die Maß-Bandmusik oder der Familienbetrieb auf der Kippe stünden.”
Die potenziellen Folgen einer erfolgreichen Klage wären tiefgreifend. Ein europaweites Vergabeverfahren würde nicht nur neuen Bewerbern aus Deutschland, sondern möglicherweise auch internationalen Gastronomie-Unternehmen die Tür öffnen. Die Stadt müsste detaillierte Leistungsbeschreibungen und Kriterien festlegen:
- Wie viel Prozent des Zeltprogramms muss traditionelle bayerische Musik sein?
- Welche Qualitätsstandards muss das Speiseangebot erfüllen?
- Wie wird das Thema Sicherheit und Personalabwicklung gewichtet?
- Wie viel Gewicht hätte das Argument der langjährigen Erfahrung?
- Welche Nachhaltigkeitskriterien sollten bestehen?
- Wie wird die lokale Verankerung der Anbieter berücksichtigt?
Für die etablierten Wiesn-Wirte wäre es ein Schock. Ihre Geschäftsmodelle, die oft auf langfristigen Investitionen in feststehende Zeltkonstruktionen und eingespielte Teams basieren, stünden plötzlich zur Disposition. „Es wäre ein riesiger Unsicherheitsfaktor“, gibt auch Egger zu. „Aber Wettbewerb bedeutet auch, dass man sich anstrengen und sein Konzept immer wieder überprüfen muss. Das kann die Qualität insgesamt heben.”
Bürgerbeteiligung und offene Fragen
Für die Münchner Bürgerinnen und Bürger, die das Fest als ihr eigenes betrachten, stellt sich vor allem eine Frage: Würde sich das Gefühl der Wiesn durch mehr Kommerz oder neue Betreiber fundamental ändern? Viele fürchten eine „Disneyfizierung“ oder eine Ablösung der lokalen Wirtsfamilien durch anonyme Großkonzerne.
Alexander Egger versucht, diese Ängste zu zerstreuen: „Ein Vergabeverfahren kann so gestaltet werden, dass es lokale Anbieter und traditionelles Wissen schützt. Man kann Punkte für Münchner Firmensitze, für langjährige Erfahrung in der Eventgastronomie oder für nachhaltige Konzepte vergeben. Es geht darum, das Verfahren fair zu gestalten, nicht darum, alles über den Haufen zu werfen.”
Derzeit laufen die vorgerichtlichen Schritte. Egger und seine Anwälte stehen im Austausch mit der Stadt München. Sollte keine Einigung erzielt werden, die seine Forderung nach einer Ausschreibung erfüllt, wird die Klage eingereicht. Der Weg könnte bis zum Bundesgerichtshof oder sogar zum Europäischen Gerichtshof führen. Ein Verfahren, das Jahre dauern und die Planungen für das Oktoberfest ab 2026 in grosser Ungewissheit halten könnte.
Schlussfolgerung: Ein Fest am Scheideweg
Während auf der Theresienwiese die letzten Nägel in die Holzverschalungen geschlagen werden, steht das Oktoberfest an einem juristischen und philosophischen Scheideweg. Es geht um mehr als nur um Pachtverträge. Es geht um die Frage, wie eine moderne Stadt mit ihrem ikonischsten Traditionsgut umgeht. Soll die Vergabe weiterhin auf Vertrauen, Kontinuität und einem exklusiven Zirkel beruhen? Oder sind Transparenz, gleiche Chance und Wettbewerb die Gebote der Stunde, die letztlich auch dem Fest und seinen Besuchern zugutekommen?
Alexander Egger hat mit seiner Ankündigung eine Debatte entfacht, die lange überfällig war. „Ich weiß, dass ich mir mit dieser Klage keine Freunde mache bei den etablierten Kräften in dieser Stadt”, sagt er zum Abschluss. „Aber manchmal muss einer den ersten Schritt machen und eine unangenehme Frage stellen. Die Antwort darauf wird zeigen, wie zukunftsfähig unser Oktoberfest wirklich ist.”
Die Entscheidung, die nun in Amtsstuben und möglicherweise in Gerichtssälen fällt, wird mitbestimmen, ob die gewaltigen Krüge, die dem Himmel entgegenwachsen, auch in Zukunft von denselben Händen gefüllt werden – oder ob sich der Kreis derjenigen, die das Maß ausschänken dürfen, eines Tages öffnen muss. Für die Münchner und die Millionen Wiesn-Fans weltweit geht es um nichts weniger als die Seele ihres Festes.