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Stuttgart

Stuttgart: Neues Verfahren für Fernwärmenetze beschlossen

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 1, 2026 10:59 a.m.
Julia Becker
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Der Stuttgarter Gemeinderat hat eine wegweisende Entscheidung für die Zukunft der Wärmeversorgung in der Stadt getroffen. Das seit 2012 laufende Verfahren zur Vergabe der Wegenutzungsrechte für die Fernwärmenetze wird neu gestartet. Diese Netze, ein unterirdisches Rohrsystem, das warmes Wasser für Heizung und Warmwasser bis in die Häuser liefert, sind ein zentraler Baustein für eine klimafreundliche Stadt. Grund für den Neustart sind aktuelle Urteile des Bundesgerichtshofs und die dringende Notwendigkeit, die Wärmeversorgung klimaneutral umzubauen. Künftig soll europaweit ausgeschrieben werden, wer die Netze betreiben darf. Ziel ist ein fairer Wettbewerb, der den Ausbau erneuerbarer Energien und faire Preise für die Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger sichern soll.

Dr. Winfried Klein, Leiter des Referats Verwaltungskoordination in der Stadtverwaltung, betont die Bedeutung des Beschlusses: „Mit dem heutigen Beschluss schafft der Gemeinderat die Grundlage für ein rechtssicheres und zukunftsorientiertes Vergabeverfahren. Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich seit 2012 ebenso verändert wie die Anforderungen an eine klimaneutrale Wärmeversorgung. Unser Ziel ist es, einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die künftigen Netzbetreiber einen wesentlichen Beitrag zur Wärmewende in Stuttgart leisten.”

Hintergrund: Ein jahrelanges Verfahren und neue rechtliche Weichenstellungen

Der aktuelle Schritt beendet ein Verfahren, das über ein Jahrzehnt in der Schwebe war. Seit 2012 war unklar, unter welchen Bedingungen die wertvollen Wegenutzungsrechte für die bestehenden Fernwärmenetze dauerhaft vergeben werden. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs im Dezember 2023 brachte nun die notwendige Klarheit. Die höchsten Richter bestätigten, dass die Stadt Stuttgart sehr wohl das Recht hat, diese Rechte in einem transparenten und diskriminierungsfreien Verfahren zu vergeben. Dieses Urteil war der entscheidende Impuls, das alte Verfahren zu den Akten zu legen und komplett neu aufzurollen. Dabei müssen nun nicht nur vergaberechtliche, sondern auch kartellrechtliche und vor allem die deutlich verschärften klimaschutzrechtlichen Vorgaben berücksichtigt werden. Die Wärmewende ist kein optionales Ziel mehr sondern eine gesetzliche Verpflichtung, auf die sich auch die Vergabe von städtischen Konzessionen stützen muss.

Analyse: Was sich für bestehende und neue Netze konkret ändert

Die Beschlüsse des Gemeinderats unterscheiden klar zwischen den bereits existierenden Netzen und solchen, die erst noch gebaut werden müssen. Für das bestehende Fernwärmenetz wird es eine europaweite Ausschreibung geben. Jedes Unternehmen, das Interesse am Betrieb hat, kann sich bewerben. Die Stadt bewertet die Angebote dann nach klaren Kriterien. Dazu gehören:

  • angemessene Konzessionsabgabe an die Stadtkasse
  • die Sicherstellung von Versorgungssicherheit
  • Verbraucherfreundlichkeit
  • Preisgünstigkeit
  • Transparenz der Wärmepreise
  • konkreter Beitrag zum Klimaschutz

Die künftigen Betreiber werden vertraglich verpflichtet, in einem technisch und wirtschaftlich machbaren Umfang Wärme aus erneuerbaren Quellen – wie etwa Großwärmepumpen, die Abwärme aus dem Neckar oder der Kläranlage nutzen, oder aus Geothermie – sowie unvermeidbare Abwärme aus Industrieanlagen in das Netz einzuspeisen. Außerdem müssen sie Verbraucher zu angemessenen Bedingungen anschließen. Die Verwaltung wird nun die Ausschreibung veröffentlichen und in Verhandlungen mit den Bietern treten. Die finale Entscheidung, welches Unternehmen den Zuschlag erhält, trifft am Ende wieder der Gemeinderat.

Für neue Fernwärmenetze in Stadtteilen, die bisher nicht erschlossen sind, hat der Gemeinderat einen anderen Weg gewählt, um den Ausbau zu beschleunigen. Unternehmen, die erstmals ein solches Netz in einem geeigneten Gebiet aufbauen wollen, erhalten die Wegenutzungsrechte auf Basis eines standardisierten Gestattungsvertrags. Dieses vereinfachte Verfahren soll langwierige Ausschreibungsprozesse vermeiden und Investitionen in neue, klimafreundliche Infrastruktur attraktiver machen. Auch hier gelten klare klima- und verbraucherpolitische Auflagen, die im Vertrag festgeschrieben werden. Dieser Doppelansatz zeigt die Strategie der Stadt: Den bestehenden, zentralen Infrastrukturbereich rechtssicher und unter strengen Auflagen neu ordnen, gleichzeitig aber für neue, dezentrale Netze einfache und schnelle Wege ebnen.

Gemeinschaftsauswirkungen: Was bedeutet die Wärmewende für die Menschen in Stuttgart?

Die Neuordnung der Fernwärme ist mehr als nur eine verwaltungstechnische Maßnahme. Sie betrifft direkt das Leben tausender Stuttgarter Haushalte, die bereits an die Fernwärme angeschlossen sind oder es in Zukunft sein werden. Für Mieter und Eigentümer in bestehend versorgten Gebieten geht es vor allem um zwei Dinge:

  • Preisstabilität
  • Klimabeitrag

Durch die Ausschreibung und die vertraglichen Vorgaben zur Transparenz erhofft sich die Stadt eine Kontrolle über die Wärmepreise. Gleichzeitig sollen die Haushalte durch die grüne Fernwärme ihren CO2-Fußabdruck verringern, ohne selbst in teure Heizungssanierungen investieren zu müssen.

Für Bewohner in Stadtteilen, die für neue Netze in Frage kommen – das könnten beispielsweise verdichtete Wohngebiete oder neue Baugebiete sein – eröffnet sich die Chance auf einen zukunftssicheren, komfortablen und hoffentlich bezahlbaren Wärmeanschluss. Besonders für Familien, Senioren oder Menschen mit geringem Einkommen kann eine stabile, vor Ort zentral erzeugte Wärmeversorgung eine enorme Entlastung von den sprunghaft steigenden Kosten für Öl oder Gas bedeuten. Die sozial gerechte Gestaltung der Wärmewende ist hier eine zentrale Herausforderung. Die Stadt muss sicherstellen, dass die Klimaziele nicht auf dem Rücken einkommensschwacher Haushalte erreicht werden. Die im Verfahren festgeschriebene „Verbraucherfreundlichkeit“ und „angemessene Anschlussbedingungen“ sind dafür wichtige, aber noch sehr allgemeine Stichworte, die mit Leben gefüllt werden müssen.

Lokalpolitische Dimensionen: Ein Konsens mit Blick auf die Zukunft

Die Entscheidung im Gemeinderat fiel nicht im parteipolitischen Streit, sondern wurde als notwendiger Schritt für die Zukunftsfähigkeit der Stadt bewertet. Die Wärmewende ist ein Gemeinschaftsprojekt, das über Legislaturperioden hinausreicht. Dennoch werden die kommenden Monate zeigen, wie die verschiedenen Fraktionen die konkrete Ausgestaltung der Verträge und die Auswahl des künftigen Netzbetreibers begleiten. Die Vertragspartner müssen beweisen, dass sie nicht nur wirtschaftlich stark, sondern auch verlässliche Partner für die ambitionierten Klimaziele Stuttgarts sind. Die endgültige Vergabeentscheidung, die wieder im Gemeinderat getroffen wird, wird daher ein politisch hochsensibler Akt sein, bei dem jede Fraktion ihren Beitrag zur sozial-ökologischen Ausrichtung unter Beweis stellen will.

Vergleich und Kontext: Stuttgart im bundesweiten Trend

Stuttgart ist mit diesem Schritt nicht allein. Viele deutsche Großstädte stehen vor der gleichen Aufgabe, ihre Fernwärmeversorgung rechtssicher aufzustellen und klimaneutral umzubauen. Das Urteil des Bundesgerichtshofs hat hier für alle Kommunen Klarheit geschaffen. Stuttgart setzt mit der strikten Kopplung der Vergabe an Klimaschutzauflagen und der parallelen Beschleunigung des Netzzubaus durch standardisierte Verträge durchaus ambitionierte Akzente. Andere Städte experimentieren mit Modellen, bei denen die Netze ganz in kommunale Hand überführt werden. Stuttgart setzt vorerst auf einen regulierten Wettbewerb mit klaren Vorgaben. Ob dieser Weg schneller oder effektiver zum Ziel führt, wird sich in der Praxis zeigen müssen. Der Druck ist groß, denn der Gebäudesektor muss einen erheblichen Teil der nationalen Klimaziele erbringen, und die Fernwärme ist hierfür ein unverzichtbarer Hebel.

Bürgerbeteiligung und nächste Schritte

Für die direkt betroffenen Bürgerinnen und Bürger ist das Vergabeverfahren selbst zwar nicht direkt partizipativ gestaltet, da es sich um ein förmliches Ausschreibungsverfahren handelt. Die demokratische Kontrolle erfolgt hier über den Gemeinderat als gewähltes Vertretungsorgan. Interessierte können die weiteren Schritte verfolgen, indem sie die Ausschreibungsbekanntmachungen im Amtlichen Mitteilungsblatt der Stadt oder auf den Vergabeplattformen der EU verfolgen. Die entscheidende Phase der Bürgerbeteiligung beginnt später: Sobald konkrete Pläne für den Ausbau neuer Netze in bestimmten Stadtteilen vorliegen, sind hierzu öffentliche Beteiligungsverfahren, Informationsveranstaltungen und Anhörungen gesetzlich vorgeschrieben. Dann geht es um konkrete Trassenführungen, Bauzeiten und die direkten Auswirkungen auf die Nachbarschaft.

Die Stadtverwaltung wird nun die europaweite Ausschreibung für das bestehende Netz vorbereiten und veröffentlichen. Parallel dazu wird der Muster-Gestattungsvertrag für neue Netze fertiggestellt. Der Gemeinderat wird in einer späteren Sitzung, voraussichtlich nach Abschluss der Angebotsprüfung und Verhandlungen, die finale Vergabeentscheidung für das Stammnetz treffen. Diese Entscheidung wird die Weichen für die Stuttgarter Wärmeversorgung für die kommenden Jahrzehnte stellen.

Fazit: Ein notwendiger Neuanfang für klimaneutrales Wohnen

Der Neustart des Fernwärmeverfahrens ist ein längst überfälliger und entscheidender Schritt für Stuttgart. Er verbindet rechtliche Sicherheit mit klimapolitischer Weitsicht. Für die Stuttgarterinnen und Stuttgarter bedeutet dies die Hoffnung auf eine zuverlässige, bezahlbare und vor allem saubere Wärmeversorgung. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt: Die Stadt muss in den Vertragsverhandlungen und der Auswahl des Partners hartnäckig bleiben, um ihre Klima- und Verbraucherschutzziele auch tatsächlich durchzusetzen. Gelingt dies, kann die Fernwärme vom klimapolitischen Sorgenkind zu einem Vorzeigeprojekt der urbanen Wärmewende werden – und einen substantiellen Beitrag leisten, damit Stuttgart nicht nur eine wirtschaftsstarke, sondern auch eine lebenswerte und klimagerechte Stadt für alle Generationen bleibt.


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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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