Es war ein Bild, das viele noch lange in Erinnerung behalten werden: Ein langer, pulsierender Strom aus Farben, Musik und Lebensfreude, der sich am vergangenen Samstag durch das Herz der Hansestadt wälzte. Mit einer nie dagewesenen Rekordzahl von rund 300.000 Teilnehmenden hat der Hamburg Pride, der Christopher Street Day (CSD), ein unübersehbares Zeichen gesetzt. Es war eine Demonstration der Freude und der Stärke, die jedoch im Schatten eines schweren Schattens stand – der Anschlag auf den Berliner CSD eine Woche zuvor. Die Botschaft der Massen war klar und deutlich: Zusammenhalt statt Angst. Inklusion statt Ausgrenzung. Das Motto der 46. Demonstration, «Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!», war keine leere Floskel, sondern lebendige Realität auf Hamburgs Straßen. Im Vorjahr waren etwa 260.000 Menschen dabei gewesen, die Organisatoren rechneten diesmal mit einer ähnlichen Größe. Der tatsächliche Zuspruch übertraf alle Erwartungen und zeigte die immense Solidarität der gesamten Stadtgesellschaft.
Die schrecklichen Ereignisse vom vergangenen Wochenende in Berlin, bei denen ein islamistischer Attentäter in eine Menschenmenge fuhr, eine Frau tödlich verletzte und 31 Menschen mit einer Machete angriff, lagen wie ein bleierner Schleier über den Planungen. Doch die Hamburger Antwort darauf war nicht Rückzug, sondern eine noch größere, noch sichtbarere Präsenz. Die Parade bewegte sich auf ihrer traditionellen Route durch St. Georg, über den Steindamm und die geschäftige Mönckebergstraße bis hin zur Lombardsbrücke. Was sie von früheren Jahren unterschied, war nicht nur ihre schiere Größe, sondern auch ihre breite gesellschaftliche Zusammensetzung. Rund 150 Gruppen und fast 60 bunt geschmückte Trucks sorgten für eine nie dagewesene Vielfalt.
| Teilnehmende Gruppen | Beschreibung |
|---|---|
| Sportverein Startschuss | Fördert den Sport für LGBTQ+ Personen |
| Chor Schola Cantorosa | Gesanggruppe, die Vielfalt feiert |
| Omas gegen Rechts | Aktiv für soziale Gerechtigkeit |
| Lufthansa Technik | Windturbine und Nachhaltigkeit im Luftverkehr |
| Vattenfall | Engagiert für erneuerbare Energien |
| Beiersdorf | Unterstützt Diversität und Inklusion |
Auch die Institutionen der Stadt reihten sich ein: Die Feuerwehr, die evangelische Kirche, der Hospizverband und das Universitätsklinikum Eppendorf waren vertreten. Ein besonderes Symbol der Inklusion war der «CSD-Inklusionstruck», der gezielt Mitfahrgelegenheiten für Rollstuhlfahrer*innen bot. Von den politischen Parteien marschierten SPD, Grüne, Linke, FDP und Volt mit. Diese breite Allianz aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur war das eindrucksvollste Statement gegen jeden Versuch, die queere Community zu isolieren oder einzuschüchtern.
An der Spitze des kilometerlangen Zuges marschierten Spitzenpolitiker*innen Seite an Seite mit Aktivist*innen. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank von den Grünen, Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit von der SPD und Finanzsenator Andreas Dressel gingen voran. Sie wurden begleitet von Bundesministerin Bärbel Bas, der Queerbeauftragten der Bundesregierung, Sophie Koch, sowie der bekannten Dragqueen Olivia Jones, die eine Schärpe mit der Aufschrift «Jetzt erst recht» trug. Auch Vertreter*innen aus Berlin, darunter Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe und der Berliner CSD e.V. selbst, waren gekommen, um ihre Verbundenheit zu zeigen. «Es geht jetzt darum, an der Seite der queeren Community zu stehen», betonte Kiziltepe. «Der Anschlag darf nicht dazu führen, dass sich queere Menschen aus Angst zurückziehen oder weniger sichtbar werden.» Diese Haltung teilten alle Redner*innen und Teilnehmenden. Olivia Jones brachte die Stimmung auf den Punkt, als sie auf Instagram schrieb: «Wir lassen uns nicht unterkriegen.»
Die Stimmung während der gesamten Veranstaltung beschrieben Beobachter*innen und die Polizei durchweg als absolut friedlich und ausgelassen. Das ist bemerkenswert, wenn man die enormen Sicherheitsvorkehrungen bedenkt, die im Hintergrund getroffen worden waren. Die Hamburger Polizei hatte ihr Sicherheitskonzept nach dem Berliner Anschlag komplett überarbeitet. Die Zahl der eingesetzten Beamten wurde im Vergleich zur ursprünglichen Planung verdoppelt. Zusätzlich wurden entlang der Route Betonpoller aufgestellt und quer gestellte Lastwagen als Barrikaden positioniert. Polizeipräsident Falk Schnabel sagte dem NDR, man habe alle Konzepte noch einmal intensiv geprüft, aber nie an der Durchführung der Parade selbst gezweifelt. «Alle können sich auf ein Höchstmaß an Sicherheit einstellen», versicherte er. Diese Maßnahmen waren sichtbar, aber sie erstickten nicht die Lebensfreude. Sie schufen vielmehr einen geschützten Raum, in dem die Feier ohne Angst stattfinden konnte. Eine Polizeisprecherin fasste den Tag zufrieden zusammen: «Zwischenfälle sind nicht bekannt geworden.»
Für die Organisatoren von Hamburg Pride war der Tag ein emotionaler und politischer Höhepunkt. «Wir als queere Community können uns in unserem Schmerz auf dem CSD gegenseitig Kraft geben», sagte Sprecher Manuel Opitz der Deutschen Presse-Agentur. Schon am Vorabend hatte der Verein bei einem Straßenfest mit einer Schweigeminute der Opfer des Berliner Anschlags gedacht. Opitz zeigte sich tief beeindruckt von der Solidarität der Nicht-Queeren: Es seien deutlich mehr Familien mit Kindern, Senior*innen und heterosexuelle Paare als in früheren Jahren auf der Straße gewesen. Das Gemeinschaftsgefühl der Community war spürbar, so Opitz. «Wir fühlen uns getragen von der Stadtgesellschaft, wir sind stolz auf Hamburg.» Die Co-Vorsitzenden des Vereins, Jenny Saitzek und Christoph Kahrmann, formulierten es politisch: Unsere Antwort auf Hass ist Sichtbarkeit, Zusammenhalt und die Forderung nach einer Politik, die unseren Schutz endlich wirksam stärkt. Sie wiederholten die langjährige Forderung, den Schutz queerer Menschen explizit in Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen.
Der Hamburg Pride 2025 war mehr als nur eine Parade. Er war eine kollektive Verhaltensweise einer ganzen Stadt. In einer Zeit, in der politisch motivierte Gewalt und hetzerische Rhetorik zunehmen, demonstrierte Hamburg, wie eine wehrhafte Demokratie aussieht: nicht durch Abschottung, sondern durch offenes, solidarisches Zusammenstehen. Die Rekordbeteiligung ist ein starkes Signal an alle, die mit Hass und Gewalt drohen: Sie werden die offene, vielfältige Gesellschaft nicht in die Angst treiben. Die Bilder von Hunderttausenden, die lachend und tanzend durch Hamburg zogen, sind das beste Mittel gegen Einschüchterung. Sie zeigen, dass die Gemeinschaft, die hier gefeiert wird, tief in der Mitte unserer Stadt verwurzelt ist und von der überwältigenden Mehrheit getragen wird. Das Straßenfest rund um den Rathausmarkt ging noch bis Sonntagabend weiter – ein langes, lautes und lebendiges Fest für eine Zukunft ohne Angst.