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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Campus-Kino in Berlins Stasi-Zentrale: Filme und Zeitzeugen
Berlin

Campus-Kino in Berlins Stasi-Zentrale: Filme und Zeitzeugen

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 2, 2026 3:59 p.m.
Julia Becker
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Ein Ort, der jahrzehntelang für Überwachung, Unterdrückung und die Zerstörung von Biografien stand, öffnet nun seine Tore für Geschichten des Widerstands, der Liebe und der Sehnsucht nach Freiheit. Vom 3. bis 27. August 2026 verwandelt sich das ehemalige Gelände der Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg zum siebten Mal in das Campus-Kino, ein Open-Air-Kino unter dem Sommerhimmel. Auf der Leinwand werden Filme gezeigt, die die deutsche Teilung und das Leben in der DDR aus den verschiedensten Perspektiven beleuchten. Der Eintritt ist frei, eine Reservierung nicht möglich, und die Vorführungen finden auch bei Regen statt. Dieser besondere Rahmen macht das Kinoerlebnis zu mehr als nur Unterhaltung. „In den Filmen ist greifbar, wie Menschen in Diktaturen leben, welche Spielräume sie finden und welche Folgen Repression bis in die Gegenwart hat“, sagt Alexandra Titze, Vizepräsidentin im Bundesarchiv und Leiterin des Stasi-Unterlagen-Archivs. Es ist ein Ort der lebendigen Geschichtsvermittlung, an dem das Vergangene nicht einfach archiviert, sondern für heutige Generationen erfahrbar wird.

Ein besonderer Höhepunkt des Programms ist die Vorführung des Dokumentarfilms „Tunnel der Freiheit“ von Marcus Vetter am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus. Der Film erzählt die atemberaubende Geschichte von 29 Menschen, die 1962 durch einen 135 Meter langen Tunnel von Ost- nach West-Berlin flohen. Dieser Tunnel war monatelang von West-Berliner Studierenden gegraben worden. Zur Filmvorführung an diesem historischen Datum wird Joachim Neumann, einer der damaligen Tunnelbauer, anwesend sein und im Gespräch von den riskanten Arbeiten unter der Erde und dem Moment der Befreiung berichten. Diese direkte Begegnung mit einem Zeitzeugen an einem Ort, der einst die gegnerische Macht repräsentierte, verleiht der Geschichte eine unmittelbare Dringlichkeit.

Das Programm des Campus-Kinos ist bewusst vielfältig angelegt und zeigt, dass die Geschichte der DDR nicht nur aus Flucht und Staatssicherheit besteht. Zum Auftakt am 3. August läuft die Tragikomödie „Wilma will mehr“, die eine Frau aus der Lausitz auf ihrem schwierigen Neuanfang in Wien nach der Wende begleitet. Es ist ein Film über die Brüche der Nachwendezeit, die viele Ostdeutsche prägten. Mit „Stolz und Eigensinn“ rückt dann der Alltag von Frauen in DDR-Großbetrieben in den Fokus. Sie erzählen von ihrer Arbeit, ihrem Selbstbewusstsein und ihren Erfahrungen während des politischen Umbruchs 1989/90.

Besondere filmische und historische Dichte entsteht durch die begleitenden Gespräche. So diskutieren nach dem Dokumentarfilm „Spione unter uns“ am 4. August der Protagonist Peter Keup, ein ehemaliger Turniertänzer, dessen Leben nach einem gescheiterten Fluchtversuch durch die Stasi zerstört wurde, und der ehemalige Stasi-Offizier Jochen Girke. Dieses Zusammentreffen von Opfer und Täter an diesem Ort ist von einer kaum zu überbietenden historischen Symbolkraft und verspricht eine intensive, sicherlich auch kontroverse Debatte.

Auch die ganz persönlichen, intimen Geschichten kommen nicht zu kurz. Der Dokumentarfilm „Herr Schmidt und Herr Friedrich“ am 6. August erzählt von der Liebe zwischen einem westdeutschen Kaufmann und einem ostberliner Kellner, die lange vor dem Mauerfall begann und allen politischen Grenzen trotzte. Margarethe von Trottas Spielfilm „Das Versprechen“ vom 10. August zeigt hingegen, wie die Mauer ein junges Liebespaar jahrzehntelang auseinanderreißt, nachdem eine gescheiterte Flucht durch die Kanalisation sie im Herbst 1961 trennte.

Das Campus-Kino auf dem ehemaligen Stasi-Gelände ist mehr als eine Sommer-Filmreihe. Es ist ein Ort der demokratischen Erinnerungskultur. Rebecca Hernandez Garcia, Geschäftsführerin der Robert-Havemann-Gesellschaft, die das Archiv der DDR-Opposition bewahrt, betont: „Als Archiv der DDR-Opposition bewahren wir nicht nur historische Zeugnisse, sondern möchten die Geschichten dahinter auch für heutige Generationen erfahrbar machen.“ Das Open-Air-Kino schaffe dafür einen authentischen Rahmen.

Daten Programm Besonderheiten
3. August „Wilma will mehr“ Film über Neuanfang nach der Wende
4. August „Spione unter uns“ Diskussion mit Protagonisten und Stasi-Offizier
6. August „Herr Schmidt und Herr Friedrich“ Liebe trotz politischer Grenzen
10. August „Das Versprechen“ Liebespaar durch die Mauer getrennt
13. August „Tunnel der Freiheit“ Begegnung mit Zeitzeugen
27. August Fazit des Campus-Kinos Erfahrungen und Emotionen der Zuschauer

Indem es Spielfilme, Dokumentationen und Zeitzeugengespräche kombiniert, lädt es das Publikum ein, Geschichte nicht als abstraktes Wissen, sondern als emotional nachvollziehbare menschliche Erfahrung zu begreifen. Die kostenlosen Vorführungen an drei Abenden in der Woche (montags, dienstags, donnerstags) sorgen dafür, dass dieses Angebot niedrigschwellig und für alle Berlinerinnen und Berliner sowie Gäste der Stadt zugänglich ist. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, an einem Ort des Schreckens nun Geschichten vom Überleben, von Widerstand und von der Kraft der Menschlichkeit zu erleben. Das vollständige Programm ist auf der Website des Bundesarchivs einsehbar.

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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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