Es ist ein sonniger Samstagvormittag am Düsseldorfer Paradiesstrand, doch das Idyll trügt. Wo Besucher sonst die Füße in den weißen Sand stecken und auf den vorbeiziehenden Rhein schauen, stehen heute Dutzende Freiwillige mit Handschuhen, Müllgreifern und einem besorgten Blick. Sie graben nicht nach Muscheln, sondern heben eine unschöne Vergangenheit des Flusses ans Tageslicht: rostige Ölfässer, alte Autoreifen und Berge von Plastikmüll. Victoria Blocksdorf, Gründerin der gemeinnützigen Organisation Blockblocks Cleanup, die zu der Reinigungsaktion aufgerufen hat, bringt es auf den Punkt: „Das ist hier kein Paradies, das ist eine reine Deponie.”
An diesem Tag sammelten die rund 30 Helfer sage und schreibe 1.666 Kilogramm Müll – eine Menge, die selbst für erfahrene Flussreiniger wie Blocksdorf außergewöhnlich ist. „So viel haben wir zuvor nur an der Ölgangsinsel zwischen Heerdt und Neuss geborgen“, erklärt sie. Normal seien bei ihren Einsätzen 200 bis 300 Kilogramm. Der außergewöhnlich niedrige Wasserstand des Rheins machte es möglich, an sonst unzugängliche, überschwemmte Uferbereiche vorzudringen und dort zu graben. Was sie fanden, ist mehr als nur achtlos weggeworfener Unrat; es ist ein Stück Industriegeschichte und ein anhaltendes Umweltproblem.
Ein Strand gibt sein dunkles Geheimnis preis
Die Fundstücke lesen sich wie eine düstere Inventarliste. Im Sand vergraben lagen mindestens 20 verrostete Metallfässer, von denen viele leckgeschlagen sind und einen leichten Ölgeruch verbreiten. „Das ist Sondermüll“, sagt Blocksdorf und zeigt auf den tiefschwarzen Sand um die Fundstellen. Daneben türmen sich über 20 Autoreifen, ein alter Grill, Teppichreste, Plastikfolien und ein Dutzend mit Müll gefüllte Jutesäcke – alles binnen zweieinhalb Stunden geborgen.
Besondere Vorsicht ist bei solchen Aktionen geboten. „Kann mal bitte einer der Experten kommen? Hier glänzt mich etwas verdächtig aus dem Boden an“, ruft ein Helfer während der Aktion. Kampfmittel aus dem Zweiten Weltkrieg sind am Rheinufer ein bekanntes Risiko, besonders bei niedrigem Wasserstand. Alle Teilnehmer wurden vorab in einer kurzen Schulung mit Bildern von Granaten und Minen sensibilisiert. In diesem Fall konnte Entwarnung gegeben werden: Es handelte sich lediglich um eine alte Radkappe, vermutlich von einem VW Käfer. Doch die Episode zeigt die vielfältigen Gefahren, die im Flusssediment schlummern.
Blockblocks Cleanup: Wenn Bürger ihre Stadt selbst in die Hand nehmen
Hinter der Aktion steht Victoria Blocksdorf mit ihrer Initiative Blockblocks Cleanup. Die Organisation führt etwa 50 Aufräumaktionen pro Jahr an Ufern von Rhein, Düssel, Brückerbach und Kittelbach durch. Sie füllt damit eine Lücke, die zwischen der regelmäßigen Reinigung der städtischen Grünflächen durch den Entsorger Awista und der besonderen Gefahrenabwehr durch Feuerwehr und Umweltamt bei Funden wie Ölfässern klafft.
„Die Chancen sind im Moment einmalig“, sagt Blocksdorf zu Beginn der Sammelaktion. „Das Wetter ist bestens und vor allem ist der Rhein so niedrig wie seit Jahren nicht mehr.“ Diese Bedingungen lockten viele Freiwillige an. „25 bis 30 sind wir heute bestimmt, das ist toll“, so Blocksdorf, sichtlich gerührt von der Resonanz. Das Engagement der Bürger ist der Kern ihrer Arbeit. Sie schafft es, Menschen zusammenzubringen, die nicht nur klagen, sondern selbst aktiv werden wollen, um ihre direkte Umgebung zu schützen.
Was passiert mit dem gesammelten Müll?
Der Ablauf ist gut organisiert. Die gesammelten und besonders gefährlichen Funde wie die Ölfässer werden zunächst an einer Stelle konzentriert. Für Sondermeldungen wie die leckenden Fässer werden später Fachkräfte von Feuerwehr und städtischem Umweltamt gerufen. Oft muss dann der kontaminierte Boden rund um die Fundstelle ausgebaggert und entsorgt werden. Der restliche gesammelte Müll, von Plastik bis zu den Reifen, wird von der städtischen Awista abgeholt und fachgerecht verwertet oder beseitigt. Die Aktion zeigt damit auch die notwendige Zusammenarbeit zwischen bürgerschaftlichem Engagement und kommunalen Entsorgungsstrukturen.
Ein Problem von gestern, das heute noch nachwirkt
Die Funde am Paradiesstrand sind kein Zufall, sondern ein Symptom. Der Rhein war über Jahrzehnte hinweg eine wichtige Verkehrs- und Industrieader. Gleichzeitig diente er lange als „Müllkippe“ für Abfälle aller Art – eine Praxis, die heute undenkbar wäre, deren Folgen aber noch Generationen später sicht- und riechbar sind. Die rostigen Fässer sind stumme Zeugen einer Zeit mit weniger strengen Umweltauflagen. Ihre Bergung ist nicht nur eine Reinigungsaktion, sondern auch eine Art Entgiftung des Flussufers.
Die Stadt Düsseldorf unternimmt zwar regelmäßige Reinigungsarbeiten an den öffentlichen Uferbereichen, doch die Ressourcen sind begrenzt. Bürgerinitiativen wie Blockblocks Cleanup leisten daher eine unverzichtbare Detailarbeit und sensibilisieren gleichzeitig die Öffentlichkeit für das Problem. Jeder ausgegrabene Reifen, jede aufgesammelte Plastikflasche ist weniger, die nicht in kleinste Partikel zerfällt und in die Nahrungskette gelangt.
Wie kann man mitmachen?
- Am Kittelbach: Ein Cleanup ist für den 16. August geplant.
- Am Rhein: Die nächste Aktion findet am 12. September im Bereich der Kniebrücke in Oberkassel statt.
- Interessierte Freiwillige sind immer willkommen.
- Informationen zu Treffpunkten und Zeiten finden sich auf den Social-Media-Kanälen der Organisation.
- Die Ausrüstung – Handschuhe, Müllsäcke und Greifer – wird gestellt.
- Es braucht nur den Willen, mitanzupacken.
Ein Foto als Mahnmal und Motivation
Am Ende des Samstags stehen die Helferinnen und Helfer erschöpft, aber zufrieden vor dem gewaltigen Müllberg. Sie schießen ein Erinnerungsfoto. Es ist ein Bild, das zweierlei zeigt: die erschreckende Menge an Abfall, die in unserer Natur verborgen liegt, und die positive Kraft einer Gemeinschaft, die dagegen etwas tun will. Der Paradiesstrand ist an diesem Tag zwar keine Idylle, aber er wird ein Stück sauberer. Und er wird zum Beleg dafür, dass Veränderung am Flussufer beginnt – nicht zuletzt in den Händen derer, die dort leben und ihn lieben.