Düsseldorf stellt die Weichen für seine Mobilitätszukunft: Bürger sollen mitreden, wie Bus und Bahn in den kommenden Jahren aussehen sollen.
Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat einen der wichtigsten städtischen Planungsprozesse der nächsten Jahre angestoßen: die komplette Neufassung des Nahverkehrsplans. Dieser Plan ist die zentrale Steuerungsgrundlage dafür, wie sich das Netz aus Stadtbahn, Straßenbahn und Bussen entwickeln wird. Ob ein Pendler aus Ratingen pünktlich am Hauptbahnhof ankommt, ob eine Familie in Garath am Wochenende gut zum Rheinufer kommt oder ob ein Senior in Flingern Nord barrierefrei zum Arzt fahren kann – all das wird von den Festlegungen in diesem Dokument berührt. In einem bemerkenswerten Schritt sucht die Stadtverwaltung nun ganz bewusst und frühzeitig die Mithilfe aller Bürgerinnen und Bürger. „Die Erfahrungen und Ideen der Menschen vor Ort sind dabei eine wichtige Grundlage“, betont Oberbürgermeister Stephan Keller.
Den symbolträchtigen Auftakt machten die jüngsten Nutzer: Im „Düsseldörfchen“, dem beliebten Spielbereich im Südpark, stand eine eigens aufgestellte „Beteiligungshaltestelle“. Hier konnten Kinder und Jugendliche ihre Wünsche und Kritik zum ÖPNV äußern. Nach den Sommerferien wird das Beteiligungsformat dann auf alle Stadtbezirke ausgeweitet. Geplant ist eine Roadshow, die in alle zehn Bezirke führt, begleitet von digitalen Angeboten im Internet. Das Ziel ist klar umrissen: „Uns interessiert, wie Bus und Bahn heute genutzt werden, wo Verbesserungsbedarf besteht und welche Anforderungen der öffentliche Nahverkehr künftig erfüllen soll“, sagt Holger Odenthal, kommissarischer Amtsleiter des Amtes für Verkehrsmanagement. Die gesammelten Rückmeldungen sollen direkt in die weiteren Planungsschritte einfließen.
Warum ein neuer Nahverkehrsplan? Der Druck wächst.
Hinter der Neuaufstellung steht mehr als nur eine routinemäßige Aktualisierung. Düsseldorf steht vor gewaltigen Herausforderungen: Die Stadt wächst, voraussichtlich leben 2025 über 650.000 Menschen hier. Der Verkehrskollaps droht täglich, und die Klimaziele der Stadt verlangen eine drastische Verlagerung vom Auto auf umweltfreundliche Verkehrsmittel. Der aktuelle Nahverkehrsplan stammt aus dem Jahr 2016 – eine Ewigkeit in der dynamischen Stadtentwicklung. Seither sind neue Stadtteile wie der Kö-Bogen II entstanden, die Universität hat sich erweitert, und das Arbeitsplatzwachstum in Medienhäfen und Bürotürmen hat den Pendlerverkehr verstärkt. Gleichzeitig klagen viele Bewohner in Außenbezirken wie Hellerhof oder Unterrath über lange Takte und schlechte Anbindungen abseits der Hauptachsen.
Rechtlich ist die Stadt verpflichtet, regelmäßig einen Nahverkehrsplan aufzustellen. Dieser bildet die Grundlage für die Verträge mit den Verkehrsunternehmen, vor allem der Rheinbahn, und für die Beantragung von Fördermitteln vom Land und Bund. Ohne einen modernen, ambitionierten Plan fließt kein Geld für neue Straßenbahngleise, elektrifizierte Busflotten oder digitale Fahrgastinformationen. Der Rat der Stadt hat den Auftrag zur Neufassung bereits beschlossen, die Verwaltung hat die Arbeiten im März dieses Jahres offiziell aufgenommen. Der gesamte Prozess ist auf etwa drei Jahre angelegt, die finale Verabschiedung durch den Rat ist also erst für 2027 zu erwarten.
Konkrete Fragen, die alle angehen: Was bedeutet das für mich?
- Takt und Netz: Soll die U79 auch nachts häufiger fahren? Braucht Eller einen direkteren Bus zum S-Bahnhof? Sollen in den Stoßzeiten mehr Verstärkerfahrten auf der Linie 707 zwischen Benrath und der Innenstadt eingesetzt werden?
- Qualität und Komfort: Reicht die Sauberkeit in den Bahnen aus? Wie kann die Pünktlichkeit, besonders bei den Bussen, verbessert werden? Wann sind endlich alle Haltestellen und Fahrzeuge vollständig barrierefrei?
- Klima und Vernetzung: Sollen neue Expressbuslinien mit Elektroantrieb eingerichtet werden? Wie können die Radmitnahme in der Bahn und sichere Abstellanlagen an Haltestellen verbessert werden? Wo fehlen „Kiss & Ride“- oder „Park & Ride“-Plätze für den Umstieg vom Auto?
- Digitale Dienste: Wünschen sich die Bürger eine noch genauere Echtzeit-Anzeige von Verspätungen? Soll es ein einheitliches, einfacheres Ticket für Bahn, Leihrad und Carsharing geben?
„Die Rückmeldungen aus der Stadtgesellschaft helfen uns dabei, die richtigen Schwerpunkte für die weitere Planung zu setzen“, so Odenthal. Es geht also darum, der Verwaltung und später der Politik eine klare Prioritätenliste aus der Perspektive der Fahrgäste an die Hand zu geben.
Eine Chance für mehr Gerechtigkeit und Zusammenhalt
Aus gemeinwohlorientierter Sicht ist dieser Beteiligungsprozess eine große Chance. Ein gut funktionierender Nahverkehr ist der Kitt, der eine wachsende und sozial diverse Stadt wie Düsseldorf zusammenhält. Er ermöglicht Teilhabe: den Auszubildenden aus Lörick, der zur Berufsschule nach Gerresheim muss, der Familie in Reisholz, die ohne Auto zum Freibad in Oberkassel will, oder der Pflegekraft in Derendorf, die in Spätschicht nach Hause kommt. Die Gefahr ist immer, dass bei Planungen die lauten Interessen von Innenstadt-Anwohnern oder Wirtschaftsverbänden überwiegen. Die gezielte Roadshow in alle Stadtbezirke – von Stockum bis Hellerhof – kann helfen, diese Schieflage zu vermeiden. Besonders die oft unterrepräsentierten Stimmen in den äußeren, schlechter angebundenen Stadtteilen müssen gehört werden. Nur so kann der neue Nahverkehrsplan zu einem Instrument für mehr Mobilitätsgerechtigkeit werden und verhindern, dass sich die soziale Spaltung zwischen gut und schlecht erschlossenen Vierteln vertieft.
Wie können sich Bürger einbringen? Der Weg zur Mitgestaltung.
Die Stadt hat mehrere, niedrigschwellige Wege vorbereitet, auf denen sich jeder beteiligen kann:
- Die Stadtbezirks-Roadshow: Nach den Sommerferien tourt das Beteiligungsteam des Verkehrsamtes durch die Bezirke. Die Termine und Standorte werden rechtzeitig bekannt gegeben. Einfach vorbeigehen, mit den Planern ins Gespräch kommen und Ideen auf Karten oder Tablets hinterlassen.
- Das Online-Beteiligungsportal: Unter der zentralen Projektwebsite www.duesseldorf.de/nvp wird es digitale Umfragen und interaktive Karten geben, auf denen man Probleme markieren und Wünsche äußern kann. Das ist besonders praktisch für alle, die nicht zu festen Terminen können.
- Weitere Formate: Geplant sind auch gezielte Workshops mit besonderen Nutzergruppen, wie etwa Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder Schülervertretungen.
Die gesammelten Ideen werden in der zweiten Phase des Prozesses, voraussichtlich ab 2025, in konkrete Projektvorschläge übersetzt. Diese werden dann wiederum öffentlich diskutiert, bevor der finale Planentwurf dem Rat zur Beschlussfassung vorgelegt wird.
Fazit: Die Richtung wird jetzt entschieden
Die Neuaufstellung des Nahverkehrsplans ist mehr als ein technisches Verwaltungsverfahren. Es ist eine demokratische Grundsatzentscheidung darüber, welche Art von Mobilität und damit auch welche Art von Stadtleben Düsseldorf in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren anstrebt. Soll es eine autozentrierte Stadt mit chronischen Staus bleiben, oder gelingt der Wandel zu einer menschenfreundlichen Metropole mit einem ÖPNV-Angebot, das für alle attraktiv, zuverlässig und klimafreundlich ist? Die aktive Bürgerbeteiligung zu Beginn dieses langen Weges ist ein vielversprechendes Signal. Sie zeigt, dass die Verwaltung die Expertise der täglichen Nutzer ernst nehmen will. Nun liegt es an den Düsseldorferinnen und Düsseldorfern, dieses Angebot anzunehmen. Ob der künftige Fahrplan für Mutter, Pendler oder Schüler besser wird, hängt nun auch von deren Engagement ab. Die erste Haltestelle auf dieser Reise ist die eigene Meinung.