Als Julia Becker stehe ich frühmorgens im Norden Düsseldorfs auf dem Gelände des Heinrich-Heine-Instituts für Evolutionsgenetik. Neben mir trägt eine Forscherin einen weißen Schutzanzug, während vorsichtig Hunderte Bienen auf einer Wabe summen. «Das sind unsere Bienchen», sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme, das selbst durch das dicke Netz des Schleiers schimmert. Diese einfache Szene verbirgt eine komplexe Wahrheit: Die kleinsten Bewohner unserer Stadt werden zu Schlüsselfiguren für einige der größten wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit.
Was in den Laboren und auf den Grünflächen Düsseldorfs passiert, geht weit über Honigproduktion hinaus. Es betrifft die Zukunft unserer städtischen Umwelt, die Widerstandsfähigkeit unserer Ökosysteme und letztlich die Lebensqualität in unserer eigenen Gemeinschaft.
In den vergangenen fünf Jahren hat die Bienenforschung am Institut für Evolutionsgenetik einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Ausgehend von einem kleinen Projekt mit zwölf Völkern ist heute eine der führenden Forschungsgruppen in Deutschland entstanden, die sich speziell mit der Genetik urbaner Bienenpopulationen beschäftigt. «Wir hatten 2020 gerade einmal zwei Doktoranden, die sich mit Bienen befassten», erzählt mir Professorin Dr. Lena Schröder, die Leiterin der Abteilung für Evolutionsökologie. «Heute arbeiten hier über fünfzehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausschließlich an Themen rund um die Honigbiene und ihre wilden Verwandten.» Diese Expansion spiegelt nicht nur wissenschaftliches Interesse wider, sondern auch eine dringende praktische Notwendigkeit.
• Während Deutschlandweit die Zahl der Bienenvölker in den letzten zwei Jahrzehnten relativ stabil bei etwa einer Million gehalten wurde
• In Großstädten wie Düsseldorf ist die Dichte an Bienenvölkern in den letzten zehn Jahren um geschätzte 40 Prozent gestiegen
• Gleichzeitig nahm die Vielfalt der Wildbienenarten in denselben Gebieten teilweise ab
• Dieser scheinbare Widerspruch steht im Zentrum der aktuellen Forschung
• Ein großer Schwerpunkt liegt auf der genetischen Anpassungsfähigkeit
• Die Proben werden später sequenziert, also genetisch entschlüsselt
Was genau untersuchen die Forscherinnen und Forscher hier zwischen Universitätsgelände und den Kleingärten von Rath? Ein großer Schwerpunkt liegt auf der genetischen Anpassungsfähigkeit. «Jedes Bienenvolk hier in Düsseldorf ist ein einzigartiges biologisches Archiv», erklärt mir Doktorandin Sarah Meier, während sie vorsichtig eine einzelne Biene mit einer Pinzette in ein kleines Röhrchen gleiten lässt. «In ihrem Erbgut ist gespeichert, wie sie mit Stressfaktoren wie Pestizidrückständen, dem Stadtklima mit seinen höheren Temperaturen oder auch mit neuen Krankheitserregern zurechtkommt.» Diese Proben werden später sequenziert, also genetisch entschlüsselt.
Die Bedeutung dieser Forschung für uns Stadtbewohner ist konkret und unmittelbar. Bienen sind nicht nur Honigproduzenten, sondern entscheidende Bestäuber. Etwa 80 Prozent unserer heimischen Nutz- und Wildpflanzen sind auf sie angewiesen. Das betrifft die Obstbäume in den Parks, die Blumen auf den Balkonen in Flingern und Pempelfort, aber auch den städtischen Gemüseanbau in Gemeinschaftsgärten wie dem in Oberbilk. «Ein gesunder und vielfältiger Bienenbestand ist direkt mit der Lebensqualität in der Stadt verknüpft», betont Professorin Schröder. «Was wir hier lernen, hilft nicht nur den Bienen. Es hilft uns, die städtische Grünplanung so zu gestalten, dass sie widerstandsfähige Ökosysteme fördert.»
| Forschungsbereich | Beschreibung |
|---|---|
| Genetische Anpassungsfähigkeit | Untersuchung wie Bienen mit Stressfaktoren umgehen |
| Bestäubung | Rolle der Bienen als Bestäuber für Pflanzen |
| Artenvielfalt | Verhältnis von Stadtbienen zu Wildbienen |
| Parasitendruck | Einfluss der Varroamilbe auf Bienenvölker |
| Kollaboration | Zusammenarbeit mit lokalen Imkervereinen |
| Citizen-Science | Einbeziehung von Schülern in Bienenforschung |
Doch die Arbeit ist nicht nur Laborarbeit. Ein wesentlicher Teil findet im Feld statt, buchstäblich vor der Haustür der Forschenden. Auf dem begrünten Dach des Institutsgebäudes sowie an fünf weiteren Standorten in der Stadt – darunter der Hofgarten und das Gelände des Rheinparks – unterhalten die Wissenschaftler eigene Beobachtungsvölker. Hier wird das reale Verhalten dokumentiert: Wann fliegen die Bienen aus? Welche Pflanzen werden bevorzugt angeflogen? Wie reagiert das Volk auf sommerliche Hitzephasen, wie wir sie in den letzten Jahren immer häufiger erleben? «Man lernt die Völker wirklich als Individuen kennen», erzählt mir der technische Mitarbeiter Markus Vogel, während er eine Wabe vorsichtig aus einem Stock zieht, um den Gesundheitszustand der Brut zu prüfen. «Das Volk hier auf dem Dach ist sehr sanftmütig und sammelt besonders gerne an der Linde. Das im Hofgarten dagegen ist etwas lebhafter und hat einen deutlich größeren Flugradius.»
Solche Beobachtungen sind die Grundlage, um die abstrakten genetischen Daten mit dem konkreten Leben der Insekten zu verbinden. Eine besondere Herausforderung, die hier intensiv erforscht wird, ist der Parasitendruck. Die Varroamilbe ist der größte Feind der Honigbiene weltweit und auch in Düsseldorf allgegenwärtig. Die Forscher untersuchen, ob und wie städtische Bienenpopulationen natürliche Resistenzen entwickeln könnten. «Wir finden hier in der Stadt erstaunlich viele Völker, die trotz Varroabefalls ohne chemische Behandlung überleben», sagt Sarah Meier. «Das ist ein äußerst wertvoller Pool an genetischem Material. Wenn wir verstehen, was diese Bienen robuster macht, könnte das langfristig die Imkerei revolutionieren und den Einsatz von Medikamenten reduzieren.»
Diese Forschung hat auch eine soziale Dimension. Das Institut arbeitet eng mit lokalen Imkervereinen zusammen, etwa dem Imkerverein Düsseldorf und Umgebung. Regelmäßig werden Proben von Privatvölkern gesammelt und die Halter erhalten im Gegenzug eine Analyse der Gesundheit ihres Volkes – eine Win-Win-Situation, die die Akzeptanz der Wissenschaft in der Bevölkerung stärkt und einen riesigen, verteilten Datensatz schafft.
Der Blick muss jedoch über die Honigbiene hinausgehen. Ein zunehmend wichtigeres Forschungsfeld ist die Situation der über 560 Wildbienenarten in Deutschland, von denen viele auch in Düsseldorf heimisch sind. Während die gezüchtete Honigbiene oft im Rampenlicht steht, sind es diese wilden Verwandten, die oft am anfälligsten für Habitatverlust sind. Doktorand Felix Bauer untersucht anhand von Fallen und Kameraüberwachung, welche Wildbienenarten in verschiedenen Stadtquartieren noch vorkommen. Seine vorläufigen Ergebnisse zeigen ein deutliches Gefälle: In stark versiegelten Innenstadtbereichen wie der Königsallee oder dem Hauptbahnhofsviertel ist die Artenvielfalt minimal. In grüneren, weniger dicht bebauten Stadtteilen wie Hubbelrath, Gerresheim oder entlang des Düsselufers finden sich dagegen noch erstaunlich viele verschiedene Arten. «Die Stadt ist kein einheitlicher Lebensraum», folgert Bauer. «Sie ist ein Mosaik aus guten und schlechten Bedingungen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Mosaik durch gezielte Planung so zu verändern, dass die guten Flächen größer werden.»
Was bedeutet das alles nun für uns, die Bürgerinnen und Bürger Düsseldorfs? Zunächst einmal ist es eine Erinnerung daran, dass unsere Stadt ein lebendiger Organismus ist, der mehr Bewohner hat als nur Menschen. Die Forschung gibt uns konkrete Handlungsmöglichkeiten an die Hand. Jeder begrünte Balkon in Unterbilk, jede unversiegelte Ecke in einem Hinterhof in Derendorf, jede blühende Hecke an einer Schule in Lörick kann zu einem Refugium werden. «Es muss nicht immer der perfekte Bienengarten sein», ermutigt Professorin Schröder. «Schon eine kleine Fläche mit heimischen, ungefüllten Blüten wie Glockenblumen, Wilder Malve oder Dost kann einen enormen Unterschied machen.»
Die Stadtverwaltung fördert dies bereits durch Initiativen wie «Düsseldorf blüht auf», bei dem Bürger Saatgut für blühende Wiesen erhalten können. Die wissenschaftliche Begleitung durch das Institut sorgt dafür, dass diese Maßnahmen auch wirklich effektiv sind. Die politische Dimension dieser Forschung wird auf kommunaler Ebene immer sichtbarer. Im aktuellen Koalitionsvertrag der Düsseldorfer Stadtregierung findet sich erstmals ein explizites Bekenntnis zur «Förderung der urbanen Biodiversität unter besonderer Berücksichtigung bestäubender Insekten». Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern Ergebnis intensiver Gespräche zwischen Wissenschaftlern des Instituts und Vertretern der Grünen und der SPD. Konkret schlägt sich dies nun im Haushalt nieder: Die Mittel für die ökologische Pflege von städtischen Grünflächen wurden für das kommende Jahr um 15 Prozent erhöht.
Ein Teil dieses Geldes fließt gezielt in die Schaffung von Lebensraumverbünden – grünen Korridoren, die verschiedene Parks und naturnahe Flächen miteinander verbinden und es Insekten ermöglichen, durch die Stadt zu wandern. Kritiker, vor allem aus wirtschaftsnahen Kreisen, fragen nach den Kosten. Die Forscher kontern mit harten Zahlen: Die ökonomische Leistung der Bestäubung durch Insekten wird für Deutschland auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Jede Investition in ihren Schutz ist auch eine Investition in unsere heimische Landwirtschaft und Gartenbaukultur. Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten nimmt Düsseldorf mit diesem forschungsbasierten Ansatz eine Vorreiterrolle ein.
Während Berlin oder Hamburg vor allem auf großflächige Renaturierungsprojekte setzen, setzt Düsseldorf auf die präzise Steuerung mittels wissenschaftlicher Daten. «Wir wissen jetzt, welche Straßenbäume in der Innenstadt die beste Bienenweide bieten», erklärt eine Mitarbeiterin des Gartenamtes. «Das heißt, bei der Nachpflanzung können wir gezielt auf Linden, Ahorn oder Robinien setzen und auf weniger nützliche Arten verzichten.» Dieser Wissensvorsprung wird auch von anderen Städten anerkannt. Regelmäßig finden Workshops mit Kollegen aus Köln, Essen oder Dortmund in den Laboren des Instituts statt, um die Erkenntnisse zu teilen.
Für mich als Lokaljournalistin, die seit Jahren über Stadtentwicklung in Düsseldorf berichtet, zeigt diese Bienenforschung eines besonders deutlich: Die großen Zukunftsfragen unserer Stadt – Klimaanpassung, Artenvielfalt, lebenswerte Nachbarschaften – lassen sich nicht getrennt voneinander lösen. Ein gesunder Bienenbestand ist ein Indikator für eine gesunde Stadt. Die Arbeit der Forscherinnen und Forscher im weißen Schutzanzug liefert die Blaupause dafür, wie wir das städtische Leben so gestalten können, dass es für alle Bewohner, ob mit zwei oder sechs Beinen, funktioniert.
Die nächsten Schritte sind bereits absehbar. Im kommenden Herbst wird das Institut die bislang umfassendste genetische Karte der Düsseldorfer Bienenpopulation vorlegen. Parallel laufen die Planungen für ein Citizen-Science-Projekt, bei dem Schülerinnen und Schüler aus Düsseldorfer Schulen eigene kleine Monitoring-Stationen einrichten und pflegen sollen. Und im Umweltausschuss der Stadt steht die Debatte über eine mögliche «Bienenschutz-Satzung» auf der Agenda, die bestimmte ökologische Standards für die Bewirtschaftung öffentlicher Flächen festschreiben könnte. Jeder, der sich engagieren möchte, findet dabei Unterstützung. Der Imkerverein bietet regelmäßig Schnupperkurse an, das Umweltamt informiert auf seiner Website über bienenfreundliches Gärtnern, und die Volkshochschule hat entsprechende Kurse im Programm.
Am Ende meines Besuchs zieht Sarah Meier den Schleier ab. Ihr Gesicht ist gerötet von der Sonne und sie lächelt. «Manchmal, wenn ich hier stehe und den Bienen zuschaue, vergesse ich für einen Moment, dass ich forsche», sagt sie. «Dann ist es einfach nur schön zu sehen, wie dieses kleine, unglaublich komplexe Volk dort arbeitet – mitten in unserer Stadt.» Dieser Moment der Faszination ist es, der Wissenschaft antreibt. Und er ist es auch, der uns daran erinnert, dass der Schutz dieser kleinen Lebewesen keine abstrakte Pflicht ist, sondern eine Investition in die Zukunft unseres gemeinsamen urbanen Zuhauses. Die Bienen von Düsseldorf sind mehr als nur Forschungsobjekte. Sie sind Botschafter einer Stadt, die bereit ist, von ihren kleinsten Bewohnern zu lernen, um das Leben für alle zu verbessern.