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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Volksbühne Berlin: Veranstaltung nach Kritik abgesagt
Berlin

Volksbühne Berlin: Veranstaltung nach Kritik abgesagt

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 13, 2026 7:39 p.m.
Julia Becker
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Contents
Hintergrund: Ein Safe Space im SchwimmbadDie Welle der Kritik und ihre ProtagonistenDie toxische Begleitmusik: Drohungen und HassKommunalpolitische Dimensionen und der Auftrag der KulturWas bleibt? Ein Schatten über der GemeinschaftWichtige Punkte zu geschützten RäumenTabelle der Herausforderungen und Lösungen


Article

Die Entscheidung war kurz und traf viele direkt ins Herz. Die Berliner Volksbühne hat am Donnerstag ein für Freitag geplantes Event abgesagt – einen Schwimmbad-Tag im hauseigenen Volksbad, der exklusiv für Schwarze Kinder, Jugendliche und ihre Familien gedacht war. Die Begründung des mitveranstaltenden Vereins Each One Teach One (EOTO) liest sich wie ein trauriges Protokoll der gesellschaftlichen Verhältnisse: Man fürchte um die „physische und psychische Sicherheit“ der jungen Gäste. Durch die „exponierte Lage“ des Schwimmbeckens im Gebäude der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz sei eine schadlose An- und Abreise nicht mehr garantiert. Der Verein berichtet von einer Flut an Drohmails und diskriminierenden Kommentaren seit Beginn der öffentlichen Debatte. Aus Sorge, die Kinder könnten weiteren Gefahren ausgesetzt sein, zog man den Stecker.

Was hier auf den ersten Blick wie eine einfache Absage wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein vielschichtiger Konflikt, der tiefe Fragen aufwirft: Wann ist ein geschützter Raum für eine gesellschaftliche Minderheit notwendig? Wo beginnt für andere der Eindruck der Ausgrenzung? Und wie viel Aggression und Hass wird in unserer Stadt sichtbar, sobald solche Themen öffentlich werden? Die Absage ist kein Ende, sondern ein lautes Alarmzeichen.

Hintergrund: Ein Safe Space im Schwimmbad

Die Idee hinter der geplanten Veranstaltung war keineswegs neu oder einzigartig. Der Verein Each One Teach One (EOTO), eine seit Jahren etablierte Bildungs- und Empowerment-Organisation der Schwarzen Gemeinschaft in Deutschland, wollte im Volksbad der Volksbühne einen „Safe Space“ – einen geschützten Raum – schaffen. Solche Angebote gibt es in verschiedenen Formaten seit langem, oft für spezifische Gruppen wie Frauen, LGBTQ+-Personen oder auch Menschen mit Behinderungen. Das Ziel ist stets ähnlich: einen Ort zu bieten, an dem Menschen, die im Alltag Diskriminierung erfahren, für einige Stunden unbeschwert sein können, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Gerade das Schwimmbad ist für viele Schwarze Kinder und Jugendliche in Deutschland kein neutraler Ort. Studien und unzählige Erfahrungsberichte belegen, dass sie dort häufig mit rassistischen Anfeindungen, neugierigen Blicken oder unangemessenen Kommentaren über ihre Haare oder Haut konfrontiert werden. „Ein Schwimmbadbesuch sollte Entspannung sein, kein Spießrutenlauf“, erklärt eine Sozialarbeiterin, die in Berlin mit Jugendlichen arbeitet und selbst regelmäßig ähnliche Angebote begleitet. „Für die Kinder, die ich kenne, bedeutet so ein Tag pure Freude. Sie können einfach sie selbst sein.“

Die Volksbühne als subventioniertes Stadttheater sah in der Kooperation mit EOTO offenbar einen Teil ihres kulturellen und sozialen Bildungsauftrags. Das Volksbad, eigentlich ein Bühnenbild, das zu einem funktionierenden Schwimmbecken umgebaut wurde, dient immer wieder als unkonventioneller Veranstaltungsort. Die geplante Veranstaltung war als geschlossenes Community-Event deklariert, also nicht öffentlich zugänglich, sondern auf eine konkrete, eingeladene Gruppe beschränkt – eine Praxis, die im Kulturbereich durchaus üblich ist.

Die Welle der Kritik und ihre Protagonisten

Die Ankündigung des „Black Community Day“ löste jedoch eine politische und mediale Lawine aus. Anführer der Kritik war der Berliner FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer. Seine Aussage, ein „Volksbad“, das nach Hautfarbe trenne, führe seinen Namen ad absurdum, wurde in vielen Medien aufgegriffen. „Öffentliche Einrichtungen sollen Menschen zusammenbringen, nicht trennen“, so Meyer. Er forderte die Kulturverwaltung auf zu prüfen, ob ein derartiger Zugang bei einem öffentlich finanzierten Angebot zulässig sei.

Diese Argumentation traf einen Nerv und wurde von konservativen und rechtspopulistischen Kreisen sofort verstärkt. In sozialen Netzwerken und Leserkommentaren entstand binnen Stunden ein Narrativ der „umgekehrten Diskriminierung“ und des „Rassismus gegen Weiße“. Was in der Intention der Veranstalter ein empowernder Schutzraum sein sollte, wurde in der öffentlichen Darstellung vielfach zu einem angeblich ausgrenzenden und undemokratischen Akt umgedeutet.

„Hier zeigt sich ein fundamentales Missverständnis“, entgegnet eine kommunale Integrationsbeauftragte aus einem anderen Berliner Bezirk. „Eine zeitlich begrenzte Empowerment-Veranstaltung für eine Gruppe, die strukturell benachteiligt ist, ist keine Diskriminierung anderer. Sie ist eine Maßnahme, um überhaupt erst Chancengleichheit herzustellen. Niemand würde einem Sehbehinderten-Treff vorwerfen, dass es dort keine Treppe gibt.” Die Debatte, so ihr Eindruck, werde oft auf einer emotionalen und nicht auf einer sachlichen Ebene geführt.

Die toxische Begleitmusik: Drohungen und Hass

Während die politische Debatte in Talkshows und Zeitungen stattfand, spielte sich im Verborgenen eine deutlich dunklere Realität ab. Der Verein EOTO berichtet in seinem Absage-Statement von „Drohmails“ und einer Flut diskriminierender Kommentare in den sozialen Medien. Diese Erfahrung teilen viele Vereine und Initiativen, die sich mit Rassismus beschäftigen. Sobald sie öffentlich sichtbar werden, ziehen sie oft den organisierten Hass von Rechtsextremen und Rassisten an.

Genau diese Bedrohungslage wurde zum entscheidenden Faktor für die Absage. Die Veranstalter sahen sich nicht mehr in der Lage, die Sicherheit der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten. Das Volksbad befindet sich mitten im Szeneviertel am Rosa-Luxemburg-Platz, gut einsehbar und zugänglich. Die Sorge, dass einzelne Personen oder Gruppen gezielt vor Ort auftauchen und die Gäste diffamieren oder angreifen könnten, war angesichts der erhitzten Stimmung zu groß.

„Das ist das eigentlich Beschämende an dieser ganzen Geschichte“, sagt ein langjähriger Streetworker aus Mitte. „Nicht, dass es das Event gab, sondern dass die Bedrohungen so real sind, dass es abgesagt werden muss. Das zeigt uns, wie viel alltäglicher Rassismus und latente Gewalt noch immer unter der Oberfläche brodeln. Die Kinder, die diesen Safe Space brauchen, werden ein weiteres Mal bestraft – weil andere ihre bloße Existenz nicht dulden wollen.”

Kommunalpolitische Dimensionen und der Auftrag der Kultur

Der Vorfall wirft ein grelles Licht auf die Spannungsfelder der Berliner Kommunalpolitik. Einerseits stehen Parteien und Verwaltung unter dem Druck, Vielfalt zu leben, Inklusion zu fördern und allen Stadtbewohnern Teilhabe zu ermöglichen. Andererseits gibt es eine lautstarke Gegenbewegung, die jeden Schritt in diese Richtung als „Identitätspolitik“ oder „Spaltung“ denunziert. Die Volksbühne als Kulturinstitution in öffentlicher Trägerschaft befindet sich genau in diesem Kreuzfeuer.

Kulturstaatssekretär und andere Verantwortliche müssen nun abwägen: Sollen subventionierte Häuser solche sensiblen Community-Projekte unterstützen und damit potentiell Angriffsfläche bieten? Oder sollen sie sich auf „neutrale“, vermeintlich konfliktfreie Programmarbeit beschränken? Für viele Kulturschaffende wäre Letzteres eine Kapitulation. „Kultur hat immer auch eine soziale und politische Dimension“, betont eine Programmleiterin eines anderen Berliner Theaters. „Sie muss Räume öffnen, auch unbequeme. Wenn wir aus Angst vor Shitstorms alle risikoreichen Projekte streichen, dann veröden wir geistig.”

Die Forderung der FDP nach einer rechtlichen Prüfung ist dabei eher symbolischer Natur. Juristisch handelte es sich um eine private Veranstaltung in gemieteten Räumlichkeiten, ähnlich wie ein Firmenevent oder eine Familienfeier. Ein allgemeiner Zugang zum Volksbad war an diesem Tag ohnehin nicht vorgesehen. Die entscheidende Frage ist also nicht die juristische, sondern die gesellschaftspolitische: Wollen wir als Stadtgesellschaft solche geschützten Räume ermöglichen?

Was bleibt? Ein Schatten über der Gemeinschaft

Die direkten Konsequenzen der Absage sind schmerzhaft konkret: Hunderte Kinder und Jugendliche, die sich auf einen unbeschwerten Tag gefreut hatten, stehen enttäuscht da. Der Verein EOTO muss seinen jungen Mitgliedern erklären, warum die Feindseligkeit von außen stärker war als der Wunsch nach Gemeinschaft im Innern. Es ist ein Lehrstück in enttäuschter Hoffnung.

Langfristig jedoch könnte dieser unschöne Vorfall eine wichtige Wirkung entfalten: Er hat sichtbar gemacht, dass der Wunsch nach Schutzräumen keine theoretische Spielerei ist, sondern eine bittere Notwendigkeit. Er hat gezeigt, wie schnell eine sachliche Diskussion über Inklusion in eine toxische Hetzkampagne umschlagen kann. Und er hat offengelegt, wie verletzlich unsere vermeintlich so offene und tolerante Stadt immer noch ist.

Für uns als Gemeinschaft bleibt die Aufgabe, dieses Klima zu ändern. Es geht nicht darum, ob es nächsten Monat wieder einen exklusiven Schwimmbad-Tag gibt. Es geht darum, dass alle Kinder in Berlin jeden Tag sicher und ohne Angst ins Schwimmbad gehen können – in jedes, zu jeder Zeit. Bis das Realität ist, werden geschützte Räume wie der geplante im Volksbad leider weiter nötig sein. Die Absage ist keine Lösung, sondern ein Symptom. Die Heilung liegt in unserem aller Händen: in der konsequenten Ächtung von Hass, im Einsatz für echte Gleichbehandlung und im mutigen Eintreten für eine Stadt, in der niemand Schutzräume vor seinen Mitbürgern braucht.

Wichtige Punkte zu geschützten Räumen

  • Notwendigkeit für soziale Minderheiten
  • Schutz vor Diskriminierung
  • Förderung von Gemeinschaft und Identität
  • Räume für unbeschwerte Erlebnisse
  • Gegenseitiger Respekt und Verständnis
  • Stärkung der Chancengleichheit

Tabelle der Herausforderungen und Lösungen

Herausforderung Lösung
Diskriminierung im Alltag Schaffung geschützter Räume
Ängste und Unsicherheiten Aktive Sensibilisierung
Mangelnde Teilhabe Einladung und Integration
Feindseligkeit in der Gesellschaft Aufklärung und Dialog
Repräsentationsprobleme Vielfalt fördern
Emotionale Verletzlichkeit Soziale Unterstützung


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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