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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Frankfurt am Main > Frankfurter Neubaugebiete: Infrastrukturprobleme und Planungsfehler
Frankfurt am Main

Frankfurter Neubaugebiete: Infrastrukturprobleme und Planungsfehler

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 14, 2026 3:39 p.m.
Julia Becker
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In Frankfurt wird viel und dringend gebaut. Neue Wohnungen sollen die Wohnungsnot lindern und mehr Menschen ein Zuhause in der Stadt geben. Doch wenn die ersten Bewohner einziehen, beginnt für sie oft ein langer Kampf um das, was eine Wohngegend erst lebenswert macht: um eine gute Bushaltestelle, eine nahegelegene Kita oder einen Spielplatz für die Kinder. Das jüngste Beispiel für diese alte Frankfurter Krankheit ist das Schönhofviertel. Dort wird zwar fleißig gebaut, doch die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, speziell an den nahen Westbahnhof, wurde bei den Planungen schlicht vergessen. Das offenbart ein systemisches Problem in der Frankfurter Stadtentwicklung, bei dem verschiedene Ämter und Behörden unkoordiniert nebeneinander her arbeiten.

Der Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) sagte kürzlich beim Richtfest der neuen Grundschule im Schönhofviertel, dass die gleichzeitige Fertigstellung von Wohnungen und Infrastruktur die Akzeptanz neuer Quartiere erhöhe. Ein einfacher und einleuchtender Satz. In der Frankfurter Realität ist diese Selbstverständlichkeit jedoch die Ausnahme. Die Stadt scheint aus ihren eigenen, teuren Fehlern nicht zu lernen. Das Schönhofviertel steht symbolisch für diesen frustrierenden Kreislauf aus Versprechen, Verzögerung und improvisierten Notlösungen.

Schönhofviertel: Fortschritt mit altbekannten Lücken

Das Schönhofviertel entsteht auf einem ehemaligen Güterbahnhofsgelände und soll einmal rund 2000 Menschen ein Zuhause bieten. Im Vergleich zu anderen Neubaugebieten wie dem Europaviertel scheint hier manches besser zu laufen. Die Grundschule, die in der ersten Planungsphase tatsächlich vergessen worden war, wird mit moderater Verzögerung nach den Wohnhäusern fertig. Der zentrale Park ist offenbar solide geplant und wird bald nutzbar sein.

Doch beim Thema Verkehr treten die altbekannten Planungsmängel offen zutage. Eine im Bebauungsplan vorgesehene Unterführung in Richtung City-West, die eine direkte Straßenbahn-Anbindung ermöglichen sollte, existiert bisher nur auf dem Papier. Mit dem Bau wurde noch nicht begonnen. Noch eklatanter ist ein anderes Versäumnis: Der Westbahnhof liegt in direkter Sichtweite des neuen Viertels. Dieser Bahnhof wird ohnehin derzeit umgebaut und modernisiert. Dennoch wurde in der Planung des Schönhofviertels nicht konsequent mitgedacht, wie die künftigen Bewohner diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt einfach und sicher erreichen können.

«Alles, was jetzt noch diskutiert wird, sind Notlösungen», heißt es aus Planungskreisen. Diese Situation erinnert fatal an die Geschichte der Schildbürger, die beim Bau ihres Rathauses die Fenster vergaßen und dann versuchten, das Licht in Säcken hineinzutragen. Für die künftigen Familien im Schönhofviertel bedeutet das: Sie werden wahrscheinlich lange Umwege in Kauf nehmen müssen, um zum Bahnhof zu gelangen, oder auf das Auto angewiesen sein – in einer Stadt, die eigentlich den Umweltverbund stärken will.

Europaviertel: Die Blaupause des Scheiterns

Um zu verstehen, warum das Versäumnis im Schönhofviertel so enttäuscht, muss man nur einen Blick ins benachbarte Europaviertel werfen. Dieses Prestigeprojekt dient seit Jahren als Negativbeispiel für schlecht koordinierte Stadtentwicklung.

Die Grundschule dort wurde erst fertiggestellt, als die ersten Kinder, die in dem Viertel geboren wurden, bereits auf die weiterführende Schule wechselten. Eltern mussten jahrelang weite Wege zu Schulen in anderen Stadtteilen in Kauf nehmen. Der groß geplante zentrale Park erwies sich aufgrund von Baumängeln und unbrauchbaren Materialien als kaum nutzbar. Die Stadt muss ihn nun mit hohen Millionenbeträgen komplett überarbeiten lassen. Und das vielleicht größte Versprechen, die verlängerte U-Bahn-Linie U5 ins Viertel, lässt auch fast 25 Jahre nach dem Grundsatzbeschluss weiter auf sich warten. Diese chronischen Probleme haben bei vielen Frankfurtern zu einer resignierten Haltung geführt. «Ist halt das Frankfurt-Tempo», sagt man mittlerweile achselzuckend.

Ein systemisches Problem: Zu viele Köche verderben den Brei

Die Wiederholung der gleichen Fehler deutet auf ein grundlegendes, systemisches Problem hin. Die Planung und Umsetzung großer Neubaugebiete in Frankfurt leidet unter einer fragmentierten Verantwortlichkeit und mangelnder Koordination.

  • Zu viele verschiedene Akteure planen aneinander vorbei.
  • Die Deutsche Bahn kümmert sich traditionell wenig um die städtebauliche Entwicklung.
  • Der Fokus liegt auf dem Betrieb der Schienen.
  • Das Planungsamt und das Verkehrsdezernat arbeiten oft in eigenen Silosen.
  • Haushaltszwänge verschärfen das Problem zusätzlich.
  • Erschwerte Zusammenarbeit zwischen den Dezernaten wirkt sich negativ aus.

«Es ist ein ständiges Hin und Her», berichtet ein Mitarbeiter der Verwaltung unter der Bedingung der Anonymität. «Das Verkehrsdezernat kämpft um Geld für Straßenbahntrassen, das Bildungsdezernat muss für jede neue Schule hart ringen, und das Planungsamt steht unter immensem Druck, einfach nur Baurecht zu schaffen, um Wohnungen zu realisieren. Da geht der Blick für das Gesamtpaket schnell verloren.»

Die neue Stadt an der A5: Ein Hoffnungsschimmer aus Zufall?

Vor diesem Hintergrund wirkt das nächste große Projekt, die «Neue Stadt an der A5», wie ein Testfall. Hier soll auf einer riesigen Fläche ein ganz neuer Stadtteil für zehntausende Menschen entstehen. Die Planer versprechen, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.

Projekt Beschreibung Status
Schönhofviertel Neues Wohngebiet auf ehemaligem Güterbahnhofsgelände Bauaktivitäten laufen
Europaviertel Prestigeprojekt mit vielen Problemen bei der Umsetzung Immer noch in Bearbeitung
Neue Stadt an der A5 Geplanter Stadtteil für zehntausende Menschen In Planungsphase

Ein erster, vielversprechender Ansatz ist dort bereits zu sehen: Die Regionaltangente West (RTW), eine neue S-Bahn-ähnliche Schienenverbindung, wird bereits Jahre vor der Fertigstellung der ersten Wohnhäuser gebaut. Das bedeutet, dass die verkehrstechnische Anbindung von Anfang an vorhanden sein könnte – eine absolute Premiere für Frankfurt.

Doch Verkehrsexperten warnen vor zu viel Euphorie. «Die RTW ist ein Projekt des Landes Hessen und des Rhein-Main-Verkehrsverbunds. Dass ihr Trassenverlauf die Fläche der neuen Stadt tangiert, ist mehr ein glücklicher Zufall als das Ergebnis einer übergeordneten, integrierten Gesamtplanung Frankfurts», sagt ein Planer. Die eigentliche Herausforderung beginne jetzt: die Feinerschließung innerhalb des neuen Stadtteils, die Anbindung an Busse, die Schaffung von Radschnellwegen und die Vernetzung aller sozialen Infrastrukturen. Ob Frankfurt hier seine Hausaufgaben macht, bleibt abzuwarten.

Was bedeutet das für die Bürger?

Für die künftigen Bewohner des Schönhofviertels und anderer Neubaugebiete haben diese Planungsmängel ganz konkrete Auswirkungen auf die Lebensqualität. Es bedeutet stressige und lange Wege zur Arbeit, weil der direkte Zugang zum Bahnhof fehlt. Es bedeutet organisatorischen Aufwand für Familien, deren Kinder in weit entfernte Schulen oder Kitas gehen müssen. Es führt zu Frustration, wenn versprochene Grünflächen und Spielplätze nicht rechtzeitig oder nur mangelhaft fertig werden.

Diese Probleme treffen nicht alle gleich. Familien mit Kindern, Menschen ohne Auto oder mit eingeschränkter Mobilität sind besonders hart betroffen. Sie zahlen den Preis für eine Planung, die das tägliche Leben nicht konsequent in den Mittelpunkt stellt.

Wie kann es besser werden?

Die Lösung liegt auf der Hand, ist in der Praxis aber schwer umzusetzen: Frankfurt braucht eine stärkere, ressortübergreifende Steuerung bei großen Bauprojekten. Ein «Stadtentwicklungs-CIO», eine zentrale Koordinierungsstelle mit Durchgriffsrecht und einem klaren Mandat des Magistrats, könnte helfen, die verschiedenen Fäden zusammenzuhalten. Diese Stelle müsste von Anfang an in der Planung sitzen und dafür sorgen, dass die Zeitpläne für Wohnungen, Schulen, Parks und Bahnanschlüsse synchron verlaufen.

Zudem muss die Zusammenarbeit mit externen Partnern wie der Deutschen Bahn auf eine neue Grundlage gestellt werden. Hier ist auch die Politik auf Landes- und Bundesebene gefordert, verbindlichere Kooperationsmodelle einzufordern.

Für die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger ist es wichtig, wachsam zu bleiben. Die Teilnahme an frühzeitigen Bürgerbeteiligungsverfahren zu neuen Bebauungsplänen, das Nachfragen bei Ortsbeiratssitzungen und der Druck auf die lokalen Politiker können mithelfen, die Prioritäten klar zu machen: Wir wollen nicht nur irgendwo wohnen. Wir wollen in einem fertigen, gut angebundenen und lebendigen Stadtteil leben.

Der Richtfest-Spruch von Oberbürgermeister Mike Josef muss endlich vom frommen Wunsch zur verbindlichen Planungsvorgabe werden. Die Stadt hat mit dem Europaviertel teuer bezahlt, was passiert, wenn man Infrastruktur nachträglich denkt. Das Schönhofviertel zeigt, dass die Lektion noch nicht gelernt ist. Die «Neue Stadt an der A5» ist die nächste, große Chance. Ob Frankfurt sie nutzt, wird zeigen, ob die Stadt wirklich bereit ist, für ihre Bürger zu planen – und nicht nur gegen den Wohnungsmangel zu bauen.


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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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