Schönhofviertel Frankfurt: Wo die neue Heimat auf die alte Infrastruktur trifft
In der wachsenden Stadt Frankfurt entsteht ein neues Zuhause für 2000 Menschen. Im Schönhofviertel, dem größten Neubauprojekt Hessens auf dem früheren Siemens-Areal am Westbahnhof, sind die Wohnungen fast alle bezogen, der zentrale Park öffnet bald. Doch während die Fassaden glänzen, offenbart sich ein altbekanntes Frankfurter Problem: Der Schritt von der Planung auf dem Papier zum gelebten Alltag ist oft holprig. Zwei zentrale Planungsfehler prägen die Diskussion – einer wurde kreativ gelöst, der andere zeigt, wie schwer es ist, versäumte Infrastruktur nachträglich zu schaffen.
Der erste Fehler war handfest: In den ursprünglichen Plänen fehlte schlicht eine Grundschule. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), der das Projekt als ehemaliger Planungsdezernent initiierte. Die Lösung ist ein bundesweit beachtetes Modell: eine Hybridschule. In den unteren Etagen lernen ab 2027 die Kinder, in den fünf oberen Stockwerken entstehen 134 Wohnungen, davon 123 mit geförderten Mieten. Mit rund 83 Millionen Euro Gesamtinvestition, an der sich Stadt und Land beteiligen, wurde dieser Mangel nicht nur behoben, sondern zum Vorzeigeprojekt für verdichtetes Bauen.
Doch der zweite Fehler wiegt im Alltag schwer und lässt sich nicht mit einem Gebäude ausmerzen. Es ist das Thema, das in vielen Frankfurter Neubaugebieten auftaucht: die Anbindung. Das Schönhofviertel liegt eingeklemmt zwischen den Stadtteilen Bockenheim und Rödelheim, direkt an den Gleisen des Westbahnhofs. Man kann die S-Bahnen sehen und hören – aber nicht einfach erreichen. „Wir sehen hier jede S-Bahn vorbeifahren“, beschreibt Tobias Maas, der mit seinem Coffee-Bike im Viertel bekannt ist, das tägliche Paradox. Der Weg zum nahen Westbahnhof ist ein Umweg von 1,3 Kilometern über eine stark frequentierte Brücke. Ein inoffizieller Trampelpfad über das Bahngelände zeugt vom Unmut der Bewohner, ist aber verboten und gefährlich.
Die Infrastruktur-Lücke und ihre Folgen
Die Initiative „Bessere Anbindung Schönhofviertel“, gegründet von Anwohnern wie Isabelle Hammer, macht deutlich, dass es nicht nur um Bequemlichkeit geht. „Die Unfallgefahr auf dem jetzigen Weg ist hoch“, sagt Hammer. Die schlechte Erreichbarkeit habe reale Konsequenzen: Die fünf Kitas im Viertel fänden wegen der unattraktiven Verkehrssituation kaum Personal. Ein Teufelskreis für junge Familien, die eigentlich die Zielgruppe des neuen Quartiers sind.
Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) zeigt Verständnis. „Die Wünsche der Bewohner sind nachvollziehbar“, räumt er ein. Doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Das Kernproblem liegt in der zeitlichen Versetzung: Die Planungen für den aktuellen Umbau des Westbahnhofs für einen zweistelligen Millionenbetrag waren 2018 abgeschlossen. Die Entwicklung des Schönhofviertels begann erst 2019. Eine direkte Anbindung war somit nicht vorgesehen – ein klassisches Koordinationsproblem zwischen großen Infrastrukturträgern wie der Deutschen Bahn und der Stadtentwicklung.
Eine Stellungnahme der Deutschen Bahn steht noch aus, sagt Hans-Jürgen Sasse, SPD-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat 7. Die lokalen Gremien haben den Ball aufgenommen und fordern eine neue Querung über die Gleise in Richtung Solmsstraße. Doch ohne die Bahn geht nichts.
Langfristige Versprechen, akute Probleme
Die Stadt verweist auf langfristige Projekte: eine geplante Unterführung neben der Hybridschule in Richtung City-West und eine Straßenbahnlinie über die Schloßstraße. Sogar ein zusätzlicher S-Bahn-Halt an der Ludwig-Landmann-Straße ist im Gespräch. „Das wäre eine gute Lösung“, so Gwechenberger. Doch für keines dieser Vorhaben gibt es einen verbindlichen Zeit- oder Finanzierungsplan. Sie sind Visionen in ferner Zukunft, während die Bewohner heute ihre Kinder zur Kita bringen und zur Arbeit pendeln müssen.
Oberbürgermeister Josef betont zwar, dass Infrastruktur wie Grünflächen und Kitas rechtzeitig fertig sein müsse, damit neue Viertel angenommen werden. Im Schönhofviertel zeigt sich jedoch die Grenze dieser Maxime. Der Park kommt, die Schule entsteht, die Wohnungen stehen – doch die Verbindung zur restlichen Stadt, der pulsierende Lebensnerv einer Metropole, bleibt der Schwachpunkt.
Bewohner wie Patrick Ward, der vor einigen Monaten einzog, lieben ihr neues Zuhause. „Das Viertel ist wirklich schön geworden, und es ist leicht, Kontakt zu finden“, sagt er. Das nachbarschaftliche Leben auf den verkehrsberuhigten Flächen blüht bereits. Genau dieser Gemeinschaftssinn ist es nun, der den Druck für Verbesserungen erhöht. Die Initiative ist ein Beispiel für selbstbewusste Bürgerschaft, die ihre Interessen artikuliert.
Das Schönhofviertel steht somit exemplarisch für die Wachstumsschmerzen Frankfurts. Es zeigt, wie innovativ die Stadt beim Wohnungsbau sein kann – und wie schwerfällig die Systeme sind, wenn es darum geht, diese neuen Quartiere nahtlos in den urbanen Organismus zu integrieren. Die Hybridschule ist ein gelungenes Beispiel für lernfähige Planung. Die fehlende Bahnanbindung bleibt die dringende Hausaufgabe, für die die Lösung noch nicht gefunden ist. Der Erfolg des Viertels wird auf lange Sicht nicht nur an seiner Architektur, sondern daran gemessen werden, wie gut es seine Bewohner in die Stadt bringt und die Stadt zu ihnen.
- Neues Zuhause für 2000 Menschen
- Hybridschule als Lösung für fehlende Grundschule
- Problem der Anbindung an den Westbahnhof
- Verkehrssituation gefährdet Kitas
- Langfristige Projekte ohne konkreten Plan
- Gemeinschaftssinn der Bewohner führt zu Druck auf Verbesserungen
| Projekt | Details |
|---|---|
| Hybridschule | Eröffnung 2027, 134 Wohnungen |
| Westbahnhof Umbau | Abgeschlossen 2018 |
| Infrastruktur Projekte | Unterführung, Straßenbahnlinie, S-Bahn-Halt |