Es ist ein Bild, das vielen Berlinern vertraut ist: eine Gruppe von Menschen, die am Ufer des Spreekanals steht, sich bereit macht und dann – entgegen aller Verbote – in das graugrüne Wasser steigt. Am kommenden Donnerstagnachmittag wird sich dieses Szenario voraussichtlich wiederholen. Der Verein Flussbad Berlin hat erneut zu einer Schwimm-Demo aufgerufen, um gegen das seit rund einem Jahrhundert bestehenden Badeverbot in der innerstädtischen Spree zu protestieren. Die Aktion soll politisches Gewicht erhalten, denn zur anschließenden Kundgebung am Schinkelplatz werden Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien erwartet. Die Demonstration fällt mitten in den Endspurt des Wahlkampfes für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September und könnte so zum ungewöhnlichen, aber prägnanten Wahlkampfthema werden.
Der symbolische Akt des Badens im Fluss ist mehr als nur ein Regelverstoß. Für die Aktivistinnen und Aktivisten geht es um eine grundsätzliche Frage der Stadtentwicklung und der öffentlichen Räume. Jan Edler, Vorstand des Vereins Flussbad, bringt es auf den Punkt: „Angesichts der Folgen des Klimawandels öffnen viele europäische Metropolen ihre Flüsse wieder für die Bevölkerung und investieren in Wasserqualität, Sicherheit und öffentliche Zugänge.“ Berlin, so die Kernbotschaft, hinke diesem Trend hinterher und verschließe sich der Möglichkeit, das Potenzial des Flusses als öffentliches Naherholungsgebiet zu nutzen. Der Verein argumentiert, dass sicheres Schwimmen im Spreekanal bereits heute technisch möglich wäre; es fehle allein der politische Wille.
Tatsächlich zeigt ein Blick in andere Großstädte, dass die Idee nicht utopisch ist. In Kopenhagen ist das Baden im Hafenbecken zu einer beliebten städtischen Attraktion geworden, in Paris gibt es Ambitionen, die Seine bis zu den Olympischen Spielen 2024 für Schwimmer freizugeben, und auch München oder Zürich haben längst Zugänge zu ihren Flüssen geschaffen. Diese Städte investieren massiv in Wasseraufbereitung und Sicherheitskonzepte. In Berlin hingegen gilt das Badeverbot vor allem aus Gründen der Schifffahrtssicherheit und wegen der – wenn auch deutlich verbesserten – Wasserqualität nach wie vor als unumstößlich. Die Senatsverwaltung für Umwelt verweist regelmäßig auf die Strömungsverhältnisse und die Schadstoffbelastung aus der Vergangenheit, die das Baden riskant machten.
Die Protestaktion am Donnerstag erhält prominente Unterstützung. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die selbst mit einem temporären Schwimmbad auf ihrem Vorplatz ein Zeichen gesetzt hat, solidarisiert sich mit den Demonstranten. Das Theater gibt bekannt, dass sein eigenes Becken am Donnerstagnachmittag aus Solidarität für den öffentlichen Betrieb geschlossen bleibt. Diese Geste unterstreicht die kulturelle Dimension der Debatte: Es geht auch um die Frage, wie eine Stadt ihre Zentren gestaltet und welche Rolle partizipative, öffentliche Freiräume darin spielen sollen.
Das konkrete Ziel des Vereins Flussbad ist die Einrichtung einer Pilotbadestelle im Spreekanal. Ein solches Projekt würde nicht nur eine neue Form der Freizeitnutzung ermöglichen, sondern auch einen starken Impuls für die Stadtnatur und das ökologische Bewusstsein setzen. Kritiker allerdings fragen nach den hohen Kosten für Wasserfilteranlagen, Rettungsschwimmer und die Umgestaltung von Uferbereichen. Sie verweisen darauf, dass Berlin andere, drängendere Probleme in den Bereichen Wohnen, Verkehr und soziale Infrastruktur habe.
- Politische Unterstützung
- Öffentliche Räume
- Stadtentwicklung
- Wasserqualität
- Freibad-Projekte
- Kreative Bürgerinitiativen
Die Schwimm-Demos haben in den vergangenen Jahren regelmäßig für mediale Aufmerksamkeit gesorgt, eine Aufhebung des Verbots wurde jedoch nie ernsthaft in Angriff genommen. Ob die nun anstehende Wahl und die erwartete Präsenz von Politikerinnen und Politikern am Donnerstag den nötigen Druck erzeugen können, bleibt abzuwarten. Die Aktion zeigt jedoch eindrücklich, wie sich lokale Bürgerinitiativen mit kreativen Mitteln in die Stadtpolitik einmischen und fundamentale Fragen aufwerfen: Wem gehört die Stadt? Und wer entscheidet, wie wir unsere gemeinsamen Ressourcen, wie den Fluss mitten in der Metropole, nutzen dürfen?
| Stadt | Badeverbot | Eigene Initiativen |
|---|---|---|
| Kopenhagen | Nein | Popularität des Hafenbades |
| Paris | Geplant bis 2024 | Schwimmerfreigabe der Seine |
| München | Nein | Zugänge zu Flüssen |
| Zürich | Nein | Zugänge zu Flüssen |
| Berlin | Ja | Protestaktionen und Demos |
Die Antwort auf diese Fragen wird nicht zuletzt am Donnerstag im Spreekanal gesucht werden – symbolisch und vielleicht auch ganz praktisch. Die Augen werden dabei nicht nur auf den Schwimmern, sondern auch auf den anwesenden Vertretern der Politik liegen, die zeigen müssen, ob sie bereit sind, ein hundertjähriges Verbot gegen die Strömung der Zeit zu revidieren.