Die Stadt Hamburg trauert um eine ihrer prägenden politischen Persönlichkeiten. Elisabeth Kiausch, die erste Frau an der Spitze der Hamburgischen Bürgerschaft und später auch die erste Finanzsenatorin der Hansestadt, ist im Alter von 93 Jahren verstorben. Ihr Tod markiert das Ende einer Ära und gibt Anlass, das Lebenswerk einer Politikerin zu würdigen, die in einer von Männern dominierten Zeit nicht nur Breschen für Frauen schlug, sondern Hamburg über Jahrzehnte entscheidend mitgestaltete.
Elisabeth Kiausch wurde am 14. Oktober 1932 in Hamburg geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen im Arbeiterviertel Barmbek auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung engagierte sie sich früh in der Gewerkschaftsbewegung und trat 1955 in die SPD ein. Ihr politischer Aufstieg war geprägt von einer seltenen Mischung aus klarem Sachverstand, zäher Beharrlichkeit und einem tiefen Gerechtigkeitsempfinden, das in ihrer eigenen Sozialisation wurzelte. 1970 zog sie erstmals in die Hamburgische Bürgerschaft ein. Ihre Kollegen beschrieben sie als resolute und unglaublich gründliche Abgeordnete, die sich vor allem in den Haushaltsausschuss einarbeitete und durch ihr Detailwissen bald Respekt über alle Fraktionsgrenzen hinweg erwarb.
Ihr historischer Durchbruch gelang ihr am 40. September 1978. Nachdem der langjährige Bürgerschaftspräsident Herbert Dau zurückgetreten war, wählte das Parlament Elisabeth Kiausch als dessen Nachfolgerin. Damit war sie nicht nur die erste Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, sondern das erste weibliche Oberhaupt eines Landesparlaments in der gesamten Bundesrepublik Deutschland. Diese Wahl war ein Signal, das weit über Hamburg hinaus ausstrahlte. „Sie hat das Amt mit einer selbstverständlichen Autorität ausgefüllt, die sich aus Kompetenz speiste, nicht aus Lautstärke“, erinnert sich ein ehemaliger Fraktionskollege. Ihre Art, Debatten zu leiten, sei stets fair und bestimmt gewesen.
Nach ihrer Zeit als Parlamentspräsidentin übernahm Kiausch 1987 unter dem damaligen Bürgermeister Klaus von Dohnanyi das Amt der Finanzsenatorin – wiederum als erste Frau in dieser Schlüsselposition. In einer Phase knapper Stadtkassen zeigte sie sich als verantwortungsbewusste Haushälterin, die trotz der notwendigen Sparzwänge stets die sozialen Auswirkungen im Blick behielt. Ihre Amtszeit war zwar nur etwa ein Jahr lang, doch prägte sie den Stil der Hamburger Finanzpolitik nachhaltig. Sie galt als unbestechlich und pflegte einen direkten, unprätentiösen Umgang mit den Mitarbeitern ihrer Behörde.
Auch nach ihrem Rückzug aus den politischen Spitzenämtern blieb Kiausch ihrer Partei und ihrer Stadt eng verbunden. Sie war eine gefragte Beraterin und eine Mentorin für viele nachrückende Politikerinnen, denen sie den Weg ebnete, den sie selbst hatte bahnen müssen. Bis ins hohe Alter verfolgte sie die politischen Geschicke Hamburgs mit wachem Interesse und kommentierte sie bei Gelegenheit mit der ihr eigenen Klarheit.
Die Reaktionen auf ihren Tod zeigen die große Wertschätzung, die ihr entgegengebracht wird. Der aktuelle Bürgermeister sprach von einem „schmerzlichen Verlust für Hamburg“ und würdigte sie als „Pionierin und leidenschaftliche Demokratin“. Die SPD Hamburg betonte, Kiausch habe „Generationen von Sozialdemokratinnen den Weg gezeigt“. Auch aus anderen Parteien kommen respektvolle Würdigungen ihrer integren Persönlichkeit und ihrer Verdienste um das parlamentarische Leben in Hamburg.
Elisabeth Kiausch war mehr als eine Sammlung von „ersten“ Titeln in der Hamburger Politik. Sie verkörperte einen Politikertypus, der Substanz vor Show, Inhalte vor Inszenierung stellte. Ihr Lebensweg von Barmbek in die höchsten politischen Ämter der Stadt steht auch für die Durchlässigkeit und Chancen, die die Sozialdemokratie ihrer Generation noch bot. Ihr Tod ist ein Anlass, nicht nur eine große Hamburgerin zu betrauern, sondern auch über die Werte in der Politik nachzudenken, für die sie stand: Verlässlichkeit, Gerechtigkeitssinn und ein unerschütterlicher Respekt vor den Institutionen der Demokratie. Hamburg verliert mit ihr ein Stück seiner politischen Identität.
- Erste Frau an der Spitze der Hamburgischen Bürgerschaft
- Erste Finanzsenatorin der Hansestadt
- Engagierte Gewerkschafterin und SPD-Mitglied
- Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft seit 1978
- Verantwortungsbewusste Haushälterin
- Mentorin für nachrückende Politikerinnen
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1932 | Geburt in Hamburg |
| 1970 | Einzug in die Hamburgische Bürgerschaft |
| 1978 | Erste Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft |
| 1987 | Erste Finanzsenatorin der Hansestadt |
| 2023 | Versterben im Alter von 93 Jahren |