Valter Mazza steht in seiner Küche, wie er es seit über vierzig Jahren tut. Die Hände arbeiten fast von selbst, während er über seine Nichte spricht. „Sie hat den Mut, den ich vielleicht langsam verliere“, sagt er und schaut zu Francesca hinüber, die konzentriert den neuen digitalen Bestellsystem-Monitor bedient. Im „Ponte“ in Schöneberg, einer festen Größe an der Hauptstraße, vollzieht sich ein stiller Übergang. Nicht mit lauter Werbung, sondern mit der selbstverständlichen Ruhe einer Familie, die weiß: Ein gutes Restaurant ist wie ein lebendiger Organismus. Es muss atmen und wachsen können, ohne seine Seele zu verlieren.
Francesca Mazza, 32, hat vor drei Monaten offiziell die Geschäftsführung des traditionsreichen italienischen Restaurants von ihrem Onkel übernommen. Für viele Stammgäste, die hier seit den 90er Jahren ihre Familienfeiern, Geschäftsessen oder einfach nur den wöchentlichen Teller Pasta genießen, ändert sich auf den ersten Blick wenig. Die holzvertäfelte Wand, die gedimmten Lampen, der Duft von Knoblauch und Basilikum – alles ist, wie es war. Doch der Wechsel symbolisiert mehr als nur einen Generationswechsel in einer Familienküche. Er steht für die Herausforderungen, vor denen Berlins gesamte Gastronomielandschaft steht: Nachfolge finden, Digitalisierung meistern, neue Gäste gewinnen und dabei authentisch bleiben.
Die Kunst der behutsamen Erneuerung
„Onkel Valter hat mir nie gesagt, was ich zu tun habe. Er hat mir gezeigt, was es bedeutet, Gastgeber zu sein“, erzählt Francesca Mazza. Sie wuchs zwischen Tischen und der Küche auf, machte eine Ausbildung im Hotelgewerbe und sammelte Erfahrungen in Restaurants in Mailand. Ihre Ideen für das „Ponte“ sind keine Revolution, sondern eine Evolution. Sie führte ein modernes, cloud-basiertes Reservierungssystem ein, das die verwaiste Papierkladde am Tresen ersetzte. Die Speisekarte erhielt eine dezente vegane Spalte, ohne die klassischen Cacio e Pepe oder Ossobuco zu verdrängen. „Es geht um Respekt“, erklärt sie. „Respekt vor der Arbeit meines Onkels, Respekt vor den Gewohnheiten unserer Stammgäste, aber auch Respekt vor neuen kulinarischen Wünschen.“
Valter Mazza, 68, bleibt präsent. Er steht weiterhin an den Herd, wenn die Mittagspause am vollsten ist, und sein Lachen schallt durch den Gastraum, wenn er einen bekannten Gast begrüßt. Doch die Verantwortung für die Bücher, die Personaleinteilung und die strategische Planung liegt nun bei Francesca. „Die größte Herausforderung sind nicht die Nudeln“, sagt sie trocken. „Es sind die Energiekosten, die gestiegen sind wie nie, die komplizierten bürokratischen Hürden für Gastrobetriebe und der Kampf um gute Mitarbeiter.“ Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Berlin kämpft jeder dritte Betrieb in der Stadt mit akutem Personalmangel. Gleichzeitig sind die Betriebskosten im letzten Jahr um durchschnittlich 18 Prozent gestiegen.
Ein Stück Schöneberger Identität im Wandel
Das „Ponte“ ist mehr als ein Restaurant. Es ist ein Stück lokaler Sozialgeschichte. Gegründet 1981 von Valter Mazza, der damals aus Bologna nach West-Berlin kam, war es zunächst ein kleines Trattoria. Es überstand die Wendejahre, sah, wie sich die Hauptstraße von einer gemischten Einkaufsmeile zu einer lebendigen, multikulturellen Flaniermeile entwickelte. Stammgäste sind Menschen wie der Buchhändler von nebenan, der seit dreißig Jahren jeden Dienstag sein Saltimbocca bestellt, oder die ehemalige Bezirksstadträtin, die hier ihre politischen Gespräche führte.
„Francesca bringt frischen Wind, ohne dass es zieht“, sagt Michael Berger, der seit 1992 im „Ponte“ verkehrt. „Man merkt, dass sie versteht, was dieses Lokal für die Nachbarschaft bedeutet. Es ist ein Stück Heimat.“ Dieser Balanceakt ist typisch für die Transformation in vielen Berliner Kiezen. Traditionsbetriebe müssen sich anpassen, um zu überleben, riskieren aber, ihr ursprüngliches Publikum zu vergraulen, wenn sie sich zu sehr verändern.
- Herausforderungen im Restaurantbetrieb
- Energiekostensteigerung
- Personalmangel
- Digitale Lösungen
- Neugestaltung der Speisekarte
- Soziale Medien Nutzung
Francesca setzt auf behutsame Modernisierung. Sie nutzt soziale Medien, um täglich den „Teller des Tages“ zu posten, kooperiert mit Lieferdiensten für einen kleinen Mittagstisch-Service ins Büroviertel am Bayerischen Platz und hat die Weinkarte um natürliche Weine aus kleinen italienischen Familienbetrieben erweitert. „Wir verlieren keinen Stammgast, aber wir gewinnen junge Paare oder Leute, die gezielt nach dieser neuen Weinkategorie suchen“, berichtet sie.
Die Zukunft der Berliner Nachbarschaftsgastronomie
Der Übergang im „Ponte“ ist ein Modellfall für eine der dringendsten Fragen der Berliner Stadtentwicklung: Wie erhält man lebendige, inhabergeführte Nachbarschaften mit ihren individuellen Geschäften und Gastronomien? Immobilienspekulation und steigende Mieten setzen viele Familienbetriebe unter Druck. Ein generationsübergreifender Übergang innerhalb der Familie ist oft die beste Chance für den Erhalt.
„Francescas Übernahme ist ein Glücksfall“, meint Dr. Lena Schäfer, Stadtsoziologin an der Humboldt-Universität, die zu Berliner Kiezstrukturen forscht. „Sie zeigt, dass Tradition und Fortschritt kein Widerspruch sein müssen. Solche Betriebe sind soziale Klebstoffe. Sie schaffen Vertrauen, Kontinuität und ein Gefühl von Zugehörigkeit im öffentlichen Raum. Ihr Erhalt sollte ein kommunalpolitisches Anliegen sein.“ Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg bietet zwar Beratung für Existenzgründer, doch konkrete Förderprogramme speziell für die Nachfolge in Traditionsbetrieben sind rar.
Valter Mazza blickt zufrieden auf die letzten Monate. „Ich kann ruhiger schlafen“, gesteht er. „Ich weiß, das ‚Ponte‘ ist in guten Händen. Francesca hat das Herz am rechten Fleck und den Kopf in der Zukunft.” Abends, wenn der Hauptbetrieb vorbei ist, sitzen Onkel und Nichte manchmal noch zusammen, besprechen den Tag, probieren neue Olivenöle oder diskutieren über die beste Methode für Risotto.
Für die Gäste bleibt die Essenz erhalten: das Gefühl, willkommen zu sein. Ob sie nun ihr Smartphone zur Tischreservierung zücken oder einfach, wie seit Jahrzehnten, persönlich vorbeikommen. Das „Ponte 2.0“ schreibt seine Geschichte weiter, mit einer neuen Kapitelüberschrift, aber auf demselben, bewährten Papier. Es ist ein stilles, aber wichtiges Signal: In den Kiezen Berlins gibt es nicht nur Verdrängung und Wechsel, sondern auch Kontinuität und die Weitergabe von Leidenschaft – von einer Generation an die nächste.