Der Franz-Beckenbauer-Supercup war mehr als nur ein saisonaler Vorgeschmack oder ein Freundschaftsspiel mit Schale. Er war eine Bestandsaufnahme. Für 93 Minuten zeigte das heimische Rasenspiel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund vor 81.365 Zuschauern im Berliner Olympiastadion in beeindruckender Deutlichkeit, wo der deutsche Fußball gerade steht – und vor allem, wo die Unterschiede zwischen dem Rekordmeister und seinem vermeintlich nächsten Verfolger liegen. Der 2:1-Erfolg der Münchner, verdient durch eine souveräne erste Halbzeit und abgesichert durch eine professionelle Zweite, hinterlässt eine klare Botschaft: Die Lücke ist noch da.
Dabei hatte Dortmund am Ende die große Chance zum Ausgleich. In der dritten Minute der Nachspielzeit fand der neu eingewechselte Maximilian Beier nach einer Unachtsamkeit der Bayern-Abwehr Raum in der Spitze. Sein Schuss aus bester Position segelte jedoch hoch über das Tor von Manuel Neuer hinweg. Es war der letzte Akt eines Spiels, das den BVB mit einem ambivalenten Gefühl zurückließ. Einerseits kämpfte man sich nach einem schwachen Start zurück ins Spiel. Andererseits fehlte am Ende die letzte Konsequenz und, über die gesamten 90 Minuten betrachtet, die spielerische Souveränität, um den Dauerrivalen wirklich zu erschüttern.
Die nackten Zahlen unterstreichen die bayrische Dominanz: 61 Prozent Ballbesitz, 21:8 Torschüsse und eine Zweikampfquote von 57 Prozent sprechen eine deutliche Sprache. Seit 2019 hat der BVB nur ein einziges der 14 Duelle gegen die Münchner gewonnen – die 2:2-Punkteteilung im Supercup 2023 zählt nicht als Sieg. Diese Statistik lastet und prägt auch die öffentliche Erwartungshaltung.
„Das werden wir sehen“, antwortete BVB-Schlussmann Gregor Kobel nach dem Spiel etwas ausweichend auf die Frage, ob Dortmund in dieser Saison den Bayern gefährlich werden könne. „Ich denke, wenn man sich das Spiel heute anschaut, muss auf jeden Fall noch eine Steigerung her. Das ist klar. Trotzdem glaube ich, dass sehr viel Potenzial in dieser Mannschaft steckt.“
Dieses Potenzial war in Berlin tatsächlich sichtbar, brauchte aber eine ganze Halbzeit, um sich zu entfalten. Während die Bayern von Beginn an das Tempo und die Richtung des Spiels bestimmten, wirkte Dortmund in den ersten 45 Minuten wie gelähmt. Die frühen Treffer von Nathaniel Brown (28. Minute) und Michael Olise (45.+1) waren der verdiente Lohn für eine überlegene erste Halbzeit, in der Manuel Neuer nur einmal gefordert war – und zwar durch einen missglückten Kopf-Rückpass des eigenen Abwehrspielers Min-Jae Kim. Das anschließende Lachen des Torwarts sagte alles: Hier herrschte keine Hektik, sondern Kontrolle und Spielfreude.
Erst nach der Pause, ab etwa der 52. Minute mit dem ersten echten Torschuss von Dortmund, fand der BVB in die Partie. Die Einstellung von Giannis Konstantelias zur zweiten Halbzeit brachte mehr Bewegung und Kreativität ins offensive Mittelfeld. Der 23-jährige Grieche war es auch, der den Angriff zum zwischenzeitlichen 1:2 durch Fabio Silva einleitete. Dortmund war nun die aktivere Mannschaft, scheiterte aber zu oft an der eigenen Ungenauigkeit und an der kompakten Bayern-Defensive.
Ein besonders aufschlussreicher Vergleich bot sich im Sturmzentrum. Während die beiden Top-Transfer des vergangenen Sommers, Harry Kane (Bayern) und Serhou Guirassy (Dortmund), in dieser Partie ohne Torerfolg blieben, war der qualitative Unterschied in ihrer Spielweise doch offensichtlich. Kane zog sich immer wieder ins Mittelfeld zurück, beteiligte sich am Spielaufbau und band Gegenspieler. Guirassy hingegen agierte als klassischer Strafraumstürmer, der auf Zuspiel wartet.
Sky-Experte Patrick Helmes, selbst ehemaliger Bundesliga-Stürmer, brachte den Unterschied auf den Punkt: „Guirassy geht die Schritte nicht zurück, weil er ein klassischer Neuner ist. Und Kane braucht den Rhythmus, um selbst ein gutes Gefühl für das Spiel zu bekommen.“ Vereinfacht gesagt: Dortmund hat in Guirassy einen exzellenten Torjäger. Bayern hat in Kane eine komplette Anspielstation und Spielmacher-Funktion, die das gesamte offensive Gefüge aufwertet.
Auch im Umgang mit personellen Engpässen demonstrierte Bayern eine beeindruckende Flexibilität. Da die offensiven Mittelfeldspieler Serge Gnabry, Lennart Karl und Jamal Musiala verletzungsbedingt fehlten, wurde der eigentlich als Linksverteidiger verpflichtete Nathaniel Brown kurzerhand als „Zehner“ aufgestellt – und belohnte diese unkonventionelle Lösung mit dem wichtigen Führungstreffer. „Er ist ein sehr, sehr intelligenter Spieler, der uns auch mit seinen variablen Positionen helfen kann“, lobte Mittelfeldstratege Joshua Kimmich.
- Bayern investierte rund 100 Millionen Euro Ablöse
- Dortmund gab etwa 108,5 Millionen Euro aus
- Transfer von Nathaniel Brown von Eintracht Frankfurt
- Erwerb von Ismael Saibari vom PSV Eindhoven
- Ziele der Transfers: spielerische und körperliche Qualität
- Erwartungen an neue Talente wie Konstantinos Karetsas
| Spieler | Alter | Transferkosten | Von |
|---|---|---|---|
| Konstantinos Karetsas | 18 | ca. 30 Mio. Euro | KRC Genk |
| Giannis Konstantelias | 23 | ca. 26 Mio. Euro | PAOK Saloniki |
| Joey Veerman | 27 | ca. 22 Mio. Euro | PSV |
Doch reicht die Qualität schon jetzt, um den Bayern wirklich gefährlich zu werden? Bayern-Trainer Vincent Kompany nahm den Gegner nach dem Spiel wie gewohnt ernst. „Wenn man sieht, wie sich die Mannschaft von Dortmund entwickelt, wusste ich, dass das ein schwieriges Spiel wird. Deshalb sind wir froh, einen Titel gegen eine starke Mannschaft geholt zu haben, die nächste Saison viele Punkte holen wird.“
Patrick Helmes hingegen bleibt in seiner Rolle als Experte skeptischer, was die unmittelbare Konkurrenzfähigkeit angeht. „Die Dortmunder haben ein höchst interessantes Mittelfeld mit Körperlichkeit und mit fußballerischer Qualität. Ich glaube, wir können uns auf den nächsten Entwicklungsschritt in Dortmund freuen“, sagte er. Doch auf die direkte Frage, ob der BVB die Bayern in der Meisterschaft jagen könne, folgte ein realistisches Fazit: „Das geht auch gar nicht. Du musst Erster von den restlichen 17 Mannschaften werden. Die Bayern stehen woanders. Das wird auch in diesem Jahr so sein.”
Der Supercup war somit ein Spiegel. Für Bayern bestätigte er den reibungslosen Start in die Kompany-Ära und die ungebrochene Tiefe und Qualität des Kaders. Für Dortmund markierte er den Startpunkt einer spannenden Entwicklung, die großes Potenzial verspricht, aber auch Geduld erfordert. Die Lücke ist kleiner geworden als in manchen vergangenen Jahren, aber sie ist noch da. Die eigentliche Antwort auf die Frage nach der Meisterschaftsfähigkeit wird nicht in Berlin, sondern in den 34 Spieltagen der kommenden Bundesliga-Saison gegeben werden. Der erste Eindruck jedoch deutet darauf hin, dass die Bayern ihre Rolle als das Maß aller Dinge im deutschen Fußball auch in dieser Saison nicht so leicht herausfordern lassen werden.