Als Julia Becker, Lokalredakteurin in Frankfurt, betrachte ich das Thema des bevorstehenden starken El Niño nicht nur als eine ferne Wetterkuriosität. Für mich und meine Berichterstattung hier bei Nachrichten Lokal steht im Mittelpunkt, was solche globalen Phänomene konkret für das Leben der Menschen in unserer Stadt bedeuten. Der Artikel von Kollegen weist auf die möglichen Zusammenhänge hin – meine Aufgabe ist es, diese Verbindungen zu unserem Alltag herzustellen, die Verantwortlichen in der Stadt zu befragen und zu schauen, wie gut Frankfurt auf mögliche Extreme vorbereitet ist. Denn was in den Weiten des Pazifiks geschieht, kann sehr direkt unsere Heizungsrechnungen, die Preise im Supermarkt und die Arbeit unserer Stadtwerke und des Gesundheitsamtes betreffen.
Die aktuelle Woche beginnt zwar sonnig, doch der Deutsche Wetterdienst kündigt für die kommenden Tage bereits Regen und Gewitter an. Das ist die unmittelbare Herausforderung. Die mittelfristige Prognose der Experten ist jedoch noch bedeutsamer: Im Pazifik entwickelt sich eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen. Der DWD erklärt, dass dies die Wahrscheinlichkeit für Veränderungen des Polarwirbels und eine sogenannte negative Nordatlantische Oszillation erhöhen kann. Vereinfacht gesagt: Diese Kombination kann die Voraussetzungen für starke Kaltlufteinbrüche nach Europa schaffen. Für Frankfurt und Rhein-Main könnte das einen deutlich kälteren Winter bedeuten als in den vergangenen Jahren. Allerdings betonen die Meteorologen auch die Unsicherheiten. El Niño kann in Europa ebenso zunächst mildes und sehr nasskaltes Wetter bringen. Diese Ambivalenz macht die Vorbereitung für Städte nicht einfacher.
Die indirekten Auswirkungen sind dagegen bereits klarer absehbar und werden jeden Frankfurter Haushalt treffen. Durch Ernteausfälle und Dürren in wichtigen Anbauregionen der Welt, die durch El Niño verstärkt werden, drohen deutliche Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel wie Zucker, Kaffee und Kakao. Für viele Familien in unserer Stadt, die bereits jetzt mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten kämpfen, ist das eine beunruhigende Nachricht. Das Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AmkA) beobachtet solche globalen Entwicklungen stets mit Blick auf ihre sozialen Auswirkungen in unserer vielfältigen Stadt.
Ich habe bei der Stadtverwaltung nachgefragt, wie Frankfurt auf einen potentiell extremen Winter vorbereitet ist. Ein Sprecher des Umweltamtes verwies auf den „Masterplan Klimaanpassung“, der auch Maßnahmen für Extremwetterlagen vorsieht. „Ein sehr kalter Winter stellt andere Anforderungen an die Stadt als Hitzewellen, aber das Prinzip der Vorsorge ist dasselbe“, so der Sprecher. Konkret bedeute das, die Kapazitäten des Winterdienstes regelmäßig zu überprüfen, Obdachlosenunterkünfte auf ausreichende Platzkapazitäten vorzubereiten und die Bevölkerung, besonders vulnerable Gruppen, frühzeitig zu informieren.
| Vorbereitungsmaßnahmen | Beschreibung |
|---|---|
| Winterdienst-Kapazitäten prüfen | Regelmäßige Überprüfung der Kapazitäten für Schnee und Eis. |
| Obdachlosenunterkünfte | Vorbereitung auf ausreichende Platzkapazitäten. |
| Öffentliche Informationen | Frühzeitige Informationen für die Bevölkerung, insbesondere vulnerable Gruppen. |
| Energieversorgung | Überwachung von Kraftwerken und Fernwärmenetzen. |
| Krisenkommunikation | Austausch mit Netzbetreibern und Krisenstab. |
| Preistransparenz | Ratschläge zur Energieverbrauchskontrolle und Preisvergleichen. |
Die Frankfurter Stadtwerke (FSW) sind für die Wärmeversorgung von zentraler Bedeutung. Auf meine Anfrage teilte ein Sprecher mit, man beobachte die Langfristprognosen sehr aufmerksam. „Unsere Kraftwerke und Fernwärmenetze sind auf Lastspitzen ausgelegt. Ein langanhaltender, sehr kalter Winter würde jedoch den Gas- und Energieverbrauch deutlich erhöhen.“ Man stehe im engen Austausch mit den Netzbetreibern und dem Krisenstab der Stadt, um Engpässe zu vermeiden. Für Mieterhaushalte, die mit Gas heizen, könnten steigende Weltmarktpreise, die durch eine erhöhte globale Nachfrage in kalten Regionen noch getrieben werden, zu einer weiteren finanziellen Belastung werden. Die Verbraucherzentrale Hessen rät bereits jetzt dazu, den eigenen Energieverbrauch im Blick zu behalten und gegebenenfalls frühzeitig einen Preisvergleich bei den Versorgern anzustellen.
Die sozialen Auswirkungen eines harten Winters wären in Frankfurt ungleich verteilt. Senioren, chronisch Kranke und einkommensschwache Haushalte in schlecht isolierten Altbauten in Stadtteilen wie dem Nordend-Ost, Gallus oder Teilen von Höchst wären besonders gefährdet. Dorothea Schäfer, Leiterin der Frankfurter Wohlfahrtsverbände-Arbeitsgemeinschaft, macht sich Sorgen: „Die gestiegenen Energiekosten haben die finanziellen Puffer vieler Familien bereits aufgebraucht. Ein extrem kalter Winter würde sie vor die Wahl stellen: Heizen oder Essen? Wir fordern die Stadt auf, die Mittel für die energetische Sanierung von Sozialwohnungen massiv zu beschleunigen und die Budgets für die Kurzzeit-Unterstützung bei Heizkosten (Überbrückungsgeld) aufzustocken.“
Neben der Kälte könnte El Niño auch vermehrte Sturm- und Niederschlagsaktivität in unsere Region bringen. Das Tiefbauamt kontrolliert regelmäßig die Kapazität der Regenrückhaltebecken und Kanäle, besonders in gefährdeten Gebieten wie entlang des Nidda-Ufers oder in Niederursel. „Die Ereignisse der letzten Jahre haben uns gelehrt, dass Starkregen jederzeit auftreten kann“, sagt ein Amtsmitarbeiter. Die Frage ist, ob die Infrastruktur auch für langandauernde, intensive Niederschläge gewappnet ist, wie sie in El-Niño-Wintern vorkommen können.
Was können Frankfurter Bürgerinnen und Bürger nun tun? Zunächst einmal gilt: Ruhe bewahren. Keine der Prognosen ist in Stein gemeißelt. Dennoch ist es klug, sich vorzubereiten. Dazu gehören praktische Schritte wie das Überprüfen der Dichtungen an Fenstern und Türen, das Entlüften der Heizkörper und das Lagern von Streumittel oder einer Taschenlampe für den Fall eines Stromausfalls. Wichtiger ist die finanzielle Vorsorge. Ein Blick auf den eigenen Gas- oder Stromvertrag und ein Vergleich der Tarife können Geld sparen. Die städtische Energiekostenberatung bietet hierfür Unterstützung an.
Auf politischer Ebene muss das Thema nun auf die Agenda des Umweltausschusses und des Hauptausschusses des Stadtparlaments. Es geht darum, Prävention zu betreiben, bevor die Krise da ist. Die grün-schwarze Koalition in Frankfurt steht hier in der Pflicht, ihre Versprechen für Klimaanpassung und soziale Absicherung mit Leben zu füllen. Ein starker El Niño wäre ein Stresstest für beides.
Letztlich zeigt die mögliche Ankunft dieses Klimaphänomens vor unserer Haustür wieder einmal, wie verwundbar auch eine globale Stadt wie Frankfurt ist. Unsere Versorgungsketten, unsere Energieinfrastruktur und das Wohlergehen unserer ärmsten Mitbürger hängen an dünnen Fäden, die rund um den Globus gesponnen werden. Die Stadtverwaltung hat mit dem Masterplan Klimaanpassung einen guten Rahmen geschaffen. Jetzt kommt es auf die konkrete, schnelle Umsetzung und die soziale Sensibilität an. Ein kalter Winter ist eine meteorologische Herausforderung. Dass niemand in Frankfurt erfrieren oder in Schulden ertrinken muss, weil er seine Wohnung heizt, das ist eine Frage des politischen Willens und der gemeinschaftlichen Solidarität. Darüber werde ich in den kommenden Monaten weiter berichten.