Stuttgart verliert zwei Gesichter, die diese Stadt über drei Jahrzehnte geprägt haben. Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller gehören für viele hier zum Stadtbild wie der Fernsehturm. Seit über 30 Jahren stehen sie auf den Bühnen des Staatsschauspiels. Jetzt sagen sie ihren stillen Abschied. Ihre letzte Vorstellung zusammen ist Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“.
Sie spielen diese Vorstellung im Kammertheater. Das ist der intimste Spielort des Hauses. Es passt zu diesem leisen Abschied. Das Stück erzählt von einem Paar im Berlin der 1930er Jahre. Pinneberg und Lämmchen kämpfen gegen Arbeitslosigkeit und soziale Ängste. Es ist eine Geschichte vom Überleben. Für zwei Schauspieler, die ihre ganze Karriere diesem Theater gewidmet haben, wirkt dieser Stoff wie ein letztes, persönliches Statement.
Die Zahlen sind bemerkenswert. Dreißig Jahre. In dieser Zeit hat sich Stuttgart verändert. Das Staatsschauspiel hat sich verändert. Aber Hintermaier und Burgstaller blieben. Sie durchlebten verschiedene Intendanzen. Sie spielten in unzähligen Produktionen. Sie prägten Generationen von Stuttgartern, die mit ihren Eltern oder später mit ihren eigenen Kindern ins Theater gingen. Für diese Menschen sind die beiden nicht nur Ensemblemitglieder. Sie sind ein vertrauter Teil des kulturellen Lebens dieser Stadt.
Boris Burgstaller kam 1994 ans Staatsschauspiel. Gabriele Hintermaier folgte wenig später. Beide wurden zu festen Säulen des Ensembles. Burgstaller ist bekannt für seine präzisen, oft melancholischen Charaktere. Hintermaier beeindruckt mit ihrer intensiven, emotionalen Bühnenpräsenz. Gemeinsam teilten sie die Bühne in vielen großen Rollen. Von Shakespeare bis zu zeitgenössischen Stücken. Ihr Handwerk zeichnet sich durch eine tiefe Ernsthaftigkeit aus. Sie sind keine Spektakel-Schauspieler. Sie sind Handwerker der Gefühle. Das schätzt ihr Publikum.
Der Abschied erfolgt ohne großes Tamtam. Es gibt keine Galavorstellung mit Feuerwerk. Stattdessen wählten sie ein kleines Kammertheaterstück. Das ist bezeichnend. Es spiegelt ihren bescheidenen, auf die Sache konzentrierten Arbeitsstil wider. Intendantin Dagmar Schlingmann sagte zu diesem Abschied, man verliere mit ihnen nicht nur großartige Darsteller. Man verliere auch ein Stück Gedächtnis des Hauses. Dieser Verlust ist real. Mit ihnen geht eine Ära, die das Staatsschauspiel zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Was bedeutet ihr Weggang für Stuttgart? Das Staatsschauspiel steht vor einem Generationswechsel. Viele langjährige Ensemblemitglieder gehen in den Ruhestand. Das bringt eine Chance für neue Gesichter und frische Ideen. Aber es bedeutet auch den Verlust von Kontinuität und Erfahrung. Theater lebt von seiner Geschichte. Jede Vorstellung baut auf den vorherigen auf. Wenn so erfahrene Spieler gehen, reißt das ein Loch. Dieses Loch muss gefüllt werden. Das ist die Aufgabe der nächsten Jahre.
Für das Publikum ist dieser Abschied emotional. Wer regelmäßig ins Staatsschauspiel geht, hat seine Lieblingsschauspieler. Für viele waren das Hintermaier und Burgstaller. Ihre letzte Vorstellung ist deshalb mehr als nur ein Theaterbesuch. Es ist ein Abschiednehmen. Ein Dankeschön. Eine Wertschätzung für drei Jahrzehnte gemeinsame Geschichte. Die Vorstellungen im Kammertheater sind bereits weitgehend ausverkauft. Das zeigt die Verbundenheit der Stuttgarter.
Die Vorstellung von „Kleiner Mann – was nun?“ selbst ist eine stille Reflexion. Sie handelt von existenziellen Ängsten. Von der Suche nach Halt in unsicheren Zeiten. Diese Themen sind heute so aktuell wie in den 1930er Jahren. Die Inszenierung im Kammertheater setzt auf Nähe und Direktheit. Es geht nicht um laute Effekte. Es geht um die rohe Menschlichkeit der Geschichte. In den Gesichtern von Burgstaller und Hintermaier sieht man die Mühen eines langen Berufslebens. Man sieht aber auch die Würde, mit der sie diesen Abschied gestalten.
Ihr Vermächtnis bleibt in der Stadt. Sie haben unzählige junge Menschen für das Theater begeistert. Sie haben in Schulen gespielt. Sie haben bei theaterpädagogischen Projekten mitgewirkt. Ihre Arbeit ging über die Bühne hinaus. Sie haben das Staatsschauspiel zu einem offenen Haus gemacht. Einem Haus, das für alle da ist. Dieser Geist wird hoffentlich weiterleben, auch wenn sie nicht mehr auf der Bühne stehen.
Was können Sie als Stuttgarter tun?
- Gehen Sie ins Theater.
- Unterstützen Sie das Staatsschauspiel.
- Besuchen Sie die Vorstellungen der neuen Ensemblemitglieder.
- Geben Sie ihnen eine Chance.
- Seien Sie ein lebendiges, aufmerksames Publikum.
- Helfen Sie, das beste Erbe zu hinterlassen.
Der Abschied von Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller markiert ein Ende. Aber er markiert auch einen Anfang. Das Staatsschauspiel wird weiter existieren. Es wird neue Geschichten erzählen. Mit neuen und alten Gesichtern. Die Bühne ist ein Ort der ständigen Erneuerung. Das ist das Schöne und manchmal auch das Traurige daran. Man muss lernen, loszulassen und gleichzeitig die Erinnerung zu bewahren. Die letzte Vorstellung ist nicht wirklich ein Ende. Sie ist ein Übergang. Von der Bühne in die Erinnerung einer ganzen Stadt.