Etwa vierzig Menschen standen am Dienstagmorgen am Carolaplatz in der Dresdner Neustadt. Sie hielten ein langes Banner aus Stoff fest. Es zeigte eine breite, blaue Linie genau in der Mitte zwischen zwei gelben Bahngleisen. Mit dieser Aktion machte der ADFC Dresden, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, seine Forderung unmissverständlich klar: Der Radweg auf der neuen Carolabrücke muss in die Mitte. Er darf nicht an den Rand verbannt werden.
Dieser Protest war der öffentliche Auftakt zu einem offenen Brief, den der Fahrrad-Verband an alle Fraktionen im Dresdner Stadtrat verschickt hat. Das Timing ist bewusst gewählt. An diesem Dienstag, dem 4. November 2025, tagt der Bauausschuss der Stadt. Auf der Tagesordnung steht auch die Carolabrücke, wenn auch nur als Informationspunkt. Für den ADFC ist das die nächste Gelegenheit, einen sofortigen Kurswechsel in der Planung zu erzwingen. „Verkehrssicherheit darf bei der Planung nicht zur Verhandlungsmasse werden,” sagt Nils Larsen vom ADFC-Vorstand.
Der Kern des Streits ist schnell erklärt. Der von der Stadt ausgewählte Siegerentwurf des Planungsbüros FHECOR sieht den Radweg am äußeren Rand der Brücke vor. Für Radfahrer, die von der Neustadt in die Altstadt fahren, bedeutet das eine gefährliche Fahrbahnführung. Sie müssten zweimal die Straßenbahngleise kreuzen, um auf ihre Spur zu gelangen und sie später wieder zu verlassen. Diese Gleisquerungen sind rutschig, besonders bei Nässe. Ein Reifen kann sich in der Schiene verkanten und zu schweren Stürzen führen.
- Drei andere, unterlegene Entwürfe im Wettbewerb hatten den Radweg in der Mittellage geplant
- Eine Führung zwischen den Autospuren und den Straßenbahngleisen wäre sicherer
- Rad- und Fußverkehr würden konsequent getrennt
- Seitenlage schafft neue und vermeidbare Konfliktpunkte
- ADFC beruft sich auf einen Stadtratsbeschluss vom 19. Juni 2025
- Aktueller Plan verstößt direkt gegen politischen Willen
Lange schien die Sache in einer rechtlichen Sackgasse zu stecken. Die Stadtverwaltung argumentierte, die Lage des Radwegs sei ein Wertungskriterium im Architektenwettbewerb gewesen. Eine Änderung nachträglich sei aus vergaberechtlichen Gründen kaum möglich. Diese Position hat die Stadt inzwischen relativiert. Auf Anfrage erklärte sie, das Vergabeverfahren sei abgeschlossen und es lägen keine Klagen vor. Maßgeblich sei nun ein anderer Beschluss, der vom 3. September. Mit ihm wurde der Entwurf mit dem seitlichen Radweg als Vorzugsvariante festgelegt.
Das ist ein entscheidender Punkt. Fällt das scheinbar harte rechtliche Argument weg, wird die Seitenlage zu einer rein politischen Entscheidung. Und politische Entscheidungen kann der Stadtrat jederzeit ändern. Der ADFC verweist darauf, dass sogar das planende Büro FHECOR selbst eine Verlegung des Radwegs in die Mitte für technisch möglich erklärt habe.
| Kategorie | Beschreibung |
|---|---|
| Radwegposition | Radweg am äußeren Rand |
| Sicherheitsrisiko | Potenziell gefährliche Gleisquerungen |
| Alternativen | Drei Entwürfe mit Radweg in der Mittellage |
| Politischer Beschluss | V0339/25 vom 19. Juni 2025 |
| Aktuelle Planung | Vorzugsvariante mit seitlichem Radweg |
| Baubeschluss | Erwartet für Mai oder Juni 2027 |
Bei der Protestaktion am Carolaplatz warb ADFC-Sprecher Jonas Geyer für eine sachliche Lösung. Die Debatte um die Brücke war in der Vergangenheit oft emotional aufgeladen. Es gehe jetzt um die Sache, nicht um gekränkte Egos, so Geyer. Sein Verband fordert die Fraktionen im Stadtrat konkret auf, gemeinsam einen interfraktionellen Antrag in den Bauausschuss einzubringen. Dieser Antrag soll die Mittellage des Radwegs als neue Vorzugsvariante festschreiben. Nach der eigenen Kenntnislage des ADFC existiere dafür im Rat eine klare Mehrheit.
Nicht alle Stadträte teilen diese Einschätzung. Holger Zastrow von Team Zastrow und Ralf Böhme vom BSW halten einen Radweg am Rand für die angenehmere Lösung für die Fahrradfahrer. Der Verkehrsclub Deutschland, der VCD, geht dagegen noch einen Schritt weiter als der ADFC. Er fordert einen kompletten Stopp der Planung, bis die Sicherheitsfragen geklärt sind.
Unabhängig vom Streit um den Radweg steht fest, dass die neue Carolabrücke breiter wird als die alte. Statt 32,50 Meter soll sie 33,95 Meter messen. Grund sind die geforderten Mindestbreiten für Radwege, ein nötiges Schutzgeländer zur Straßenbahn und größere Abstände zu den Masten. Weitere Zuwächse sind laut Stadtverwaltung möglich, weil das Tragwerk noch nicht endgültig durchgeplant ist. Vertraglich festgeschrieben sind Baukosten in Höhe von 130 Millionen Euro. Ob die breitere Brücke für dieses Budget zu realisieren ist, dazu macht die Stadt bisher keine Angaben.
Die heutige Sitzung des Bauausschusses bringt vorerst keine Entscheidung. Punkt 24.1 auf der langen Tagesliste ist lediglich eine Information der Verwaltung zum Planungsstand. Eine eigene Beschlussvorlage zur Radwegführung liegt nicht vor. Das kann sich zwar durch Anträge der Fraktionen noch ändern, ist aber zunächst nicht vorgesehen.
Die nächste verbindliche Entscheidungsebene ist damit noch weit entfernt. Der eigentliche Baubeschluss für die neue Carolabrücke wird erst für Mai oder Juni 2027 erwartet. Baubeginn ist für das zweite Quartal 2028 geplant. Die Fertigstellung und Eröffnung der Brücke soll dann bis zum Jahr 2031 erfolgen.
Für die Dresdner Radfahrerinnen und Radfahrer stellt sich also eine grundlegende Frage. Wollen sie für die nächsten Jahrzehnte, bis weit über das Jahr 2050 hinaus, eine Brücke nutzen, die von vornherein bekannte Sicherheitsrisiken einbaut? Oder kann der Stadtrat den Mut aufbringen, den vorliegenden Plan noch zu korrigieren, um eine wirklich sichere und zukunftsfähige Lösung zu schaffen? Die politische Antwort darauf steht aus. Die technische Möglichkeit, so der ADFC, ist jedenfalls gegeben.