Dieser Samstag in Frankfurt fühlte sich anders an. Zwischen den üblichen Herbstbesuchern auf der Zeil und kostümierten Gruppen, die Halloween feierten, bahnte sich eine andere Bewegung ihren Weg durch die Stadt. Tausende junge Menschen folgten den Aufrufen der sogenannten Gen-Z-Proteste. Die Polizei war mit einem Großaufgebot präsent. Doch bis in den späten Nachmittag hinein meldete sie keine besonderen Vorkommnisse. Die befürchteten Ausschreitungen blieben aus. Was trieb die jungen Leute an diesem Tag wirklich auf die Straße?
Am Bad Hersfelder Bahnhof treffen sich am Vormittag fünf junge Menschen zwischen 17 und 26 Jahren. Sie wollen nach Frankfurt fahren. In Hünfeld und Fulda steigen Freunde zu. Sie sind Teil einer gemeinsamen Community. Ihre Gründe sind verschieden. Lena, eine angehende Abiturientin, möchte ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. «Ich weiß nicht, was mich heute erwartet», sagt sie. «Die Strukturen sind nebulös. Mich treibt die Neugier, mir ein eigenes Bild zu machen.» Dass sie überhaupt hier ist, wissen ihre Eltern nicht. Das zeigt die Unsicherheit, mit der manche den Tag beginnen.
Fabian, der in Fulda studiert, hat konkretere Motive. Ihn stört das Bild seiner Generation. «Man stellt uns als faul und perspektivlos dar», erklärt er. «Aber die Einsparungen im Bildungsbereich machen einen Nebenjob im Studium fast unabdingbar.» Er spricht von der Doppelbelastung aus Studium und Job. Die eigene Lebenshaltung zu sichern, koste Zeit und Kraft. Für ihn ist die Demo mehr als ein Ausflug. Es ist eine Gelegenheit, auf diese Belastung aufmerksam zu machen.
Gegen Mittag erreicht die Gruppe den Frankfurter Hauptbahnhof. Das erhöhte Polizeiaufgebot ist sofort sichtbar. Beamte stehen an den Zugängen. Uniformierte Streifen sind in den Bahnhofshallen und auf den S-Bahnsteigen präsent. Auf der Zeil fallen vorsorglich verschlossene Schaufenster auf. Holzplatten verdecken die Scheiben vieler Geschäfte. Es sind Reaktionen auf Bilder gewalttätiger Proteste in Frankreich aus den vergangenen Wochen. Hessens Innenminister Roman Poseck von der CDU und die Frankfurter Polizei hatten einen Großangriff mit möglichen gewaltbereiten Extremisten angekündigt.
Gegen 14 Uhr sammeln sich die Demonstrierenden an der Weseler Werft im Ostend. Die Stimmung ist erwartungsvoll. Organisatoren appellieren wiederholt über Lautsprecher an die Teilnehmer, friedlich zu bleiben. Um 14.15 Uhr setzt sich der erste Zug der Demonstration «Generation Aufbruch» in Bewegung. Die Organisatoren hatten hier bis zu 2000 Menschen angemeldet. Um 14.45 Uhr beginnt die größere Hauptkundgebung «Gen Z regelt». Dafür waren etwa 10.000 Teilnehmer angemeldet.
Laut Polizei folgten am Ende schätzungsweise 8000 Menschen dem Aufruf. Die Demonstrationszüge beider Versammlungen zogen auf einer gemeinsamen Route durch die Stadt. Die Zeil war explizit nicht Teil der genehmigten Route. Dennoch blieb die Polizei in der gesamten Innenstadt stark präsent.
Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller hatte den Einsatz im Vorfeld als «nicht alltäglich» bezeichnet. Die Behörden fürchteten, dass sich Jugendliche ohne klare politische Motivation von der Menge mitreißen lassen könnten. Das Halloween-Datum spielte eine zusätzliche Rolle in den Sicherheitsüberlegungen. Die Sorge bestand, dass Kostümmasken zur Vermummung bei Straftaten genutzt werden könnten.
Doch bis 16 Uhr verlief alles ruhig. Es gab keine gemeldeten größeren Zwischenfälle. Dieser friedliche Verlauf ist angesichts der massiven Sicherheitsvorkehrungen bemerkenswert. Er steht im Kontrast zu der scharfen öffentlichen und politischen Debatte der letzten Wochen.
Hinter den Absperrgittern standen junge Menschen mit sehr konkreten Sorgen. In Gesprächen vor Ort und in den verbreiteten Forderungen werden immer wieder dieselben Themen genannt:
- Steigende Lebenshaltungskosten
- Suche nach bezahlbarem Wohnraum
- Faire Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen
- Druck im Bildungssystem
- Mehr Gerechtigkeit
- Abschaffung der Wehrpflicht
Die Kernbotschaft der Initiatoren von «Generation Aufbruch» ist einfach. Junge Menschen wollen nicht länger nur Objekt politischer Debatten sein. Sie fordern, selbst gehört zu werden. Auch Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber von der SPD hatte im Vorfeld dafür geworben, die Perspektiven der Jugend ernst zu nehmen.
Doch die Bewegung ist nicht unumstritten. Die Hessische Landesschülervertretung hat sich demonstrativ von «Gen Z regelt» distanziert. Sie kritisiert die unklaren organisatorischen Strukturen hinter den Protesten. Wer genau spricht für wen? Diese Frage bleibt oft offen.
Der Frankfurter Einzelhandel und die Gastronomie verfolgten den Tag mit großer Aufmerksamkeit. Der Handelsverband Hessen und DEHOGA Hessen, der Dachverband der Gastronomen, hatten im Vorfeld an die Demonstranten appelliert, friedlich zu bleiben. Die Angst vor Sachschäden war real.
Für junge Menschen wie Lena und Fabian aus Osthessen war dieser Samstag mehr als eine Demo. Lena hat sich ihr eigenes Bild gemacht. Fabian hat seine Stimme erhoben. Sie und Tausende andere haben gezeigt, dass ihre Generation sehr wohl politische Themen bewegen. Sie tun dies oft ohne die klaren Strukturen etablierter Parteien oder Verbände. Das macht ihre Proteste für Beobachter und die Politik schwer greifbar. Es ist aber auch ihre Stärke. Sie organisieren sich digital, kommen zusammen und gehen auf die Straße, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Zukunft verhandelt wird, ohne sie zu fragen.
Die große Frage bleibt, was nach diesem samstagnachmittag in Frankfurt kommt. Werden die Forderungen in konkrete politische Gespräche münden? Oder versickert die Energie wieder im digitalen Raum? Die junge Generation hat an diesem Herbsttag zumindest deutlich gemacht, dass sie nicht bereit ist, stillzuhalten. Das sollte Politik und Gesellschaft ernst nehmen. Die friedliche Demonstration hat zudem bewiesen, dass ein Großteil dieser Jugendlichen sehr wohl zwischen legitimen Protest und sinnloser Zerstörung unterscheiden kann. Das ist eine wichtige Botschaft an alle, die pauschal vor einer «unberechenbaren Jugend» gewarnt hatten.
| Name | Alter | Motivation |
|---|---|---|
| Lena | 17 | Neugier und persönliche Sichtweise |
| Fabian | 21 | Bildungs- und Arbeitsbedingungen verbessern |
| Freund1 | 18 | Teil der Community sein |
| Freund2 | 22 | Aufmerksamkeitsbedarf für unsere Generation |
| Freund3 | 26 | Gerechtigkeit im Bildungssystem |