Die Nachricht hat unsere Stadt in den frühen Morgenstunden erreicht. Ein Angriff auf eine friedliche Gruppe von CSD-Feiernden im Tiergarten, mutmaßlich islamistisch motiviert. Das Entsetzen, das durch Berlin geht, ist tief und real. Es ist das Gefühl, dass die eigene Gemeinschaft, die eigene Art des Zusammenlebens, direkt angegriffen wurde. In einer Nacht, die dem Gedenken an die Stonewall-Aufstände und dem Kampf für Akzeptanz gewidmet war, schlug erneut blinde Gewalt zu.
Nach ersten Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden griff am frühen Sonntagmorgen ein 25-jähriger Mann mehrere Personen an, die sich nach den offiziellen CSD-Feierlichkeiten im Tiergarten aufhielten. Ein 34-jähriger Berliner wurde schwer verletzt, weitere Personen erlitten Schock und leichtere Verletzungen. Der mutmaßliche Täter konnte nach einer Verfolgungsjagd von mutigen Zeugen und später der Polizei gestellt werden. Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen und geht von einer islamistischen Motivlage aus. Der Mann war den Behörden bereits als Gefährder bekannt.
Dieser Angriff ist kein isolierter Vorfall. Er reiht sich ein in eine beunruhigende Serie von Gewalttaten der letzten zwei Jahre, die unser Zusammenleben in der Stadt prüfen. Vom Messerangriff in einer Schule in Neukölln bis zu den antisemitischen Vorfällen nach den jüngsten internationalen Spannungen – jedes Mal steht die Frage im Raum: Wie widerstandsfähig ist der gesellschaftliche Zusammenhalt in Berlin wirklich? Die Stadtverwaltung verzeichnet im Bereich politisch motivierter Kriminalität – rechts, links und religiös motiviert – eine komplexe und angespannte Lage. Die Zahlen des Landeskriminalamts zeigen: Die Bedrohung durch islamistischen Extremismus bleibt auf hohem Niveau. Gleichzeitig erleben wir eine besorgniserregende Normalisierung von Hassrede, auch im städtischen Raum und online.
Die unmittelbare Reaktion auf den Angriff im Tiergarten zeigt jedoch ein anderes, ein stärkeres Berlin. Die Solidaritätsbekundungen sind überwältigend und kommen aus allen Teilen der Stadtgesellschaft. Oberbürgermeisterin Franziska Giffey und Innensenatorin Iris Spranger besuchten noch am Tatort, um ihr Mitgefühl auszudrücken und entschlossenes Handeln zuzusagen. Spranger betonte: „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Unser Berlin steht für Vielfalt und Freiheit.” Dieser Tenor zieht sich durch die Erklärungen aller demokratischen Parteien im Abgeordnetenhaus, von der CDU bis zu den Linken. Wichtiger noch sind die Stimmen von der Straße. In Schöneberg und am Nollendorfplatz, den historischen Herzstücken der Berliner Queer-Community, haben Menschen spontan Blumen und Solidaritätsbotschaften niedergelegt. Lokale Initiativen wie das „Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ organisierten noch am Sonntagabend eine Mahnwache.
Hier zeigt sich das entscheidende Muster: Der Angriff zielte darauf ab, Gräben zu vertiefen und Angst zu säen. Die Antwort der Stadt ist – bisher – eine der geschlossenen Entschlossenheit, diese Gräben nicht zuzulassen. Das ist keine naive Hoffnung, sondern eine politische und gesellschaftliche Notwendigkeit. Denn die Daten sind klar: Berlin ist eine Migrationsstadt. Über 35 Prozent der Einwohner haben eine Migrationsgeschichte. Die queere Community ist ein integraler, sichtbarer und wirtschaftlich wie kulturell vitaler Teil des Stadtlebens. Ein Konflikt, der diese Gruppen gegeneinander ausspielt, würde das Fundament der Stadt erschüttern.
Die Gefahr, dass genau dies geschieht, ist real. Schon in den sozialen Medien und an einigen Stammtischen sind die vereinfachenden, polarisierenden Narrative zu hören. Sie instrumentalisieren den schrecklichen Anschlag, um pauschal gegen Muslime oder gegen die queere Community zu hetzen. Beides ist inakzeptabel und spielt nur den Extremisten in die Hände – egal von welchem Rand. Innensenatorin Spranger warnte deutlich davor, „dass jetzt Extremisten den Ton angeben” in der Debatte. Die eigentliche Frontlinie verläuft nicht zwischen Religionen oder Lebensentwürfen, sondern zwischen der überwältigenden Mehrheit der Menschen, die in Frieden und Respekt leben wollen, und einer winzigen Minderheit von Gewalttätern und Hasspredigern.
Die Stadt steht nun vor der konkreten Aufgabe, dieses Bekenntnis zum Zusammenhalt in praktische Politik zu gießen. Das bedeutet:
- Aufklärung und konsequente Strafverfolgung
- Fragen zu beantworten, warum ein bekannter Gefährder nicht ausreichend überwacht wurde
- Die Sicherheitsbehörden mit den notwendigen personellen und technischen Ressourcen auszustatten
- Prävention und Dialog verstärken
- Besonderen Schutz für besonders bedrohte Gruppen bieten
- Die queere Community sowie jüdische Einrichtungen mehr Sicherheit im öffentlichen Raum geben
Für uns als Berlinerinnen und Berliner bedeutet es, jetzt genau hinzuschauen und Haltung zu zeigen. Es bedeutet, sich den vereinfachenden Erzählungen entgegenzustellen. Es bedeutet, die Nachbarin im Hijab oder das schwule Paar im Café nicht mit misstrauischen Blicken zu belegen, sondern als das zu sehen, was sie sind: Teil unserer gemeinsamen Stadtgemeinschaft. Der Angriff im Tiergarten war ein Anschlag auf diese Gemeinschaft als Ganzes.
In den kommenden Tagen wird die politische Debatte lauter werden. Es wird Forderungen nach härteren Maßnahmen geben und auch berechtigte Fragen nach Versäumnissen. Diese Debatte müssen wir führen – sachlich, auf Basis von Fakten und ohne Generalverdacht. Was wir nicht zulassen dürfen, ist, dass aus der berechtigten Angst vor weiteren Anschlägen eine dauerhafte Angst voreinander wird. Die Lichter der Solidaritätsbekundungen in Schöneberg, die entschlossenen Worte der Politiker aller demokratischen Parteien und die stille Anteilnahme vieler Berliner sind stärker als die Dunkelheit dieser Tat. Unser Berlin ist stark, wenn es zusammensteht. Das müssen wir jetzt beweisen.