Das Rote Rathaus ist wieder im Fokus. In knapp anderthalb Jahren, am 20. September 2026, wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Die Richtung, die die Stadt in den kommenden Jahren einschlagen wird, entscheidet sich an diesem Tag. Schon jetzt zeichnet sich ab: Es wird ein Wahlkampf der Kontraste, der persönlichen Geschichten und der klaren politischen Markierungen. Die Parteien haben ihre Spitzenkandidatinnen und -kandidaten aufgestellt. Eine Übersicht zeigt: Vom Notnagel bis zum Hoffnungsträger, vom Quereinsteiger bis zur langjährigen Kämpferin – das Feld ist so vielfältig wie die Stadt selbst.
Stefan Evers (CDU): Der plötzliche Spitzenmann
Stefan Evers (46) war nie als erster Anwärter für die Spitzenkandidatur vorgesehen. Sein Aufstieg zum CDU-Spitzenreiter ist eine direkte Folge der „Blackout“-Affäre. Als der regierende Bürgermeister Kai Wegner im Juli über seine Rolle beim Januar-Stromausfall falsche Angaben machte und seine erneute Kandidatur zurückzog, sprang der bisherige Finanzsenator in die Bresche. Evers wehrt sich gegen das Etikett des Notnagels, doch seine Aufgabe ist gewaltig: Er muss eine Partei führen, die seit 2023 regiert und sich gleichzeitig von den Fehlern seines Vorgängers absetzen.
Der konservative Kurs, den er einschlägt, sorgt für Diskussionen. Seine Forderung nach einer Verpflichtung von Asylbewerbern zu gemeinnütziger Arbeit und seine kritischen Äußerungen zum kostenlosen Schulmittagsein polarisieren. Mit Parolen wie „Freiheit statt Islamismus“ spricht er gezielt sein konservatives Stammklientel an. Der gebürtige Paderborner, der seit über zehn Jahren mit einem Mann verheiratet ist, kam über Stationen in der Bundestagsverwaltung und als selbstständiger Berater in die Politik. Als Generalsekretär steuerte er 2023 maßgeblich Wegners erfolgreichen Wahlkampf. Als Finanzsenator trieb er anschließend umstrittene Sparpakete voran, die zu heftigen Protesten führten. Jetzt muss er beweisen, dass er mehr ist als der Verwalter eines Erbes – nämlich ein eigenständiger Visionär für Berlins Zukunft.
Werner Graf (Bündnis 90/Die Grünen): Der Kämpfer mit rollendem R
„Das Rote Rathaus muss grün werden.“ So lautet das klare Ziel von Werner Graf (45). Der Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen führt die Partei gemeinsam mit Bettina Jarasch in den Wahlkampf und hat den Anspruch, erster grüner Regierender Bürgermeister Berlins zu werden. Mit seinem markanten oberpfälzischen Dialekt und dem rollenden R fällt er auf, doch seine politische Heimat ist längst der mächtige Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg, wo er als Parteilinker verortet ist.
Graf, der Politikmanagement studierte und seit 2016 die Berliner Grünen führte, bevor er 2021 ins Abgeordnetenhaus einzog, versteht sich als Brückenbauer. Trotz seiner linken Positionen gilt er als pragmatisch. Seine Freundschaft zum CDU-Bürgermeister Wegner zeigt, dass er auch politische Lager jenseits der traditionellen rot-rot-grünen Koalition im Blick hat. Sein schärfster Vorwurf an die schwarz-rote Landesregierung: eine Politik der Rückschritte, besonders in Verkehrsfragen und beim Klimaschutz. Sein Optimismus und seine Kampfeslust sollen die Grünen nach den enttäuschenden Ergebnissen von 2023 zurück in die Spitzengruppe führen.
Elif Eralp (Die Linke): Die Kandidatin des radikalen Wandels
„Wir sind bereit, uns mit den Immobilienkonzernen anzulegen.“ Elif Eralp (45) wählt klare Worte. Die Spitzenkandidatin der Linken könnte nicht nur die erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei werden, sondern auch die erste mit eigener Migrationsgeschichte. Als Tochter türkischer Gewerkschafter, die vor politischer Verfolgung flohen, verkörpert sie eine persönliche Geschichte des Widerstands. Die Juristin, die seit 2021 im Abgeordnetenhaus sitzt, will diese Energie auf ganz Berlin übertragen: „Berlin kann zum Zentrum des Widerstands gegen den sozialen Kahlschlag und gegen den Rechtsruck werden.“
Ihr Programm ist so radikal wie ihre Rhetorik. Sie fordert die Enteignung großer Wohnungskonzerne, einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen und verspricht, „jeden verdammten Hebel umzulegen“, um die Stadt bezahlbar zu machen. Mit dem Verweis auf den Wahlsieg eines linken Demokraten in New York City signalisiert sie: Was dort möglich war, kann auch in Berlin gelingen. Ob die Wählerinnen und Wähler bereit sind für einen so grundlegenden politischen und wirtschaftlichen Kurswechsel, wird sich zeigen. Eralp, verheiratet und Mutter zweier Kinder, stellt jedenfalls die Systemfrage.
Steffen Krach (SPD): Der Reimport auf schwieriger Mission
Für Steffen Krach (47) ist die Berlin-Wahl eine Rückkehr und eine große Herausforderung zugleich. Der gebürtige Berliner und ehemalige Staatssekretär für Wissenschaft verließ die Stadt 2021, um Regionspräsident in Hannover zu werden – ein Amt, in dem er gute Wiederwahlchancen gehabt hätte. Doch der Ruf der Berliner SPD, die in Umfragen schwächelt, holte ihn im Sommer 2023 zurück. Seine Mission: die Sozialdemokraten an der Macht halten und selbst ins Rote Rathaus einziehen.
Der Diplom-Politologe präsentiert sich als Kandidat der Vernunft und des pragmatischen Regierens. Doch er muss einen schwierigen Spagat meistern. Einerseits wettert er gegen den regierenden Bürgermeister Wegner und dessen Nachfolger Evers, andererseits regiert seine Partei seit 2023 genau mit dieser CDU in einer Koalition. Krach, der inzwischen auch den Landesvorsitz der SPD innehat, gilt als frisches Gesicht mit großer Verwaltungserfahrung. Ob es ihm gelingt, die zerstrittenen Flügel seiner Partei zu einen und den Berlinern eine überzeugende sozialdemokratische Zukunftsperspektive jenseits der Großen Koalition zu bieten, ist die zentrale Frage seines Wahlkampfs.
Kristin Brinker (AfD): Die Führungsfrau mit derber Sprache
Kristin Brinker (54) geht mit neuem Selbstbewusstsein in den Wahlkampf. Für die AfD-Landes- und Fraktionschefin ist das Ziel klar: stärkste Kraft in Berlin zu werden. Bei der letzten Wahl 2023 holte sie für ihre Partei nur neun Prozent. Doch bundesweite Trends und die Polarisierung in der Hauptstadt lassen sie auf einen großen Wurf hoffen. Brinker, die in der DDR aufwuchs und als Architektin promovierte, gilt als starke Führungsfigur in ihrer von Männern dominierten Partei.
Ihr Wahlkampfstil ist eine Mischung aus sachlichen, oft bürgerlich-wirtschaftsliberalen Argumenten und derber, provokativer Sprache. Sie fordert ein „Programm zur Remigration“ und erklärt, neue Wohnungen seien „nicht für Asylanten da“, sondern sollten vorrangig an langjährige Berliner vergeben werden. Damit spricht sie gezielt Ängste und Frustrationen in Teilen der Bevölkerung an. Brinker, die lange dem gemäßigteren Flügel zugerechnet wurde, zeigt heute kaum Berührungsängste gegenüber radikaleren Positionen in der eigenen Partei. Ihr Wahlkampf wird ein Test dafür sein, wie weit rechtspopulistische Themen in der Mitte der Berliner Gesellschaft verfangen.
Ein Ausblick auf einen intensiven Wahlkampf
Die Aufstellung der Spitzenkandidatinnen und -kandidaten markiert den offiziellen Startschuss für den Berlin-Wahlkampf 2026. Die Konturen sind scharf: Es geht um die grundsätzliche Frage, welches Berlin die Bürgerinnen und Bürger wollen. Soll es das Berlin des radikalen sozialen Wandels (Eralp) das der konservativen Ordnung (Evers) oder das der grünen Transformation (Graf) sein? Soll die SPD unter Krach die Politik der Mitte neu definieren, oder sieht sich eine wachsende Zahl von Wählern in den radikalen Lösungen der AfD (Brinker) besser repräsentiert?
Die nächsten Monate werden zeigen, welche Themen die Debatte dominieren: die anhaltende Wohnungskrise, die Herausforderungen von Integration und Zusammenleben, die Finanzlage des Landes oder der Umgang mit dem Klimawandel. Eines ist sicher: Angesichts dieser persönlich wie politisch so unterschiedlichen Spitzenkandidaturen wird es ein Wahlkampf werden, der die Stadt bewegt und ihre politische Landschaft möglicherweise neu ordnet. Die Berlinerinnen und Berliner haben die Wahl zwischen sehr unterschiedlichen Zukunftsvisionen für ihre Stadt.
Wichtige Punkte im Wahlkampf
- Kontraste zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten
- Persönliche Geschichten der Spitzenkandidaten
- Politische Markierungen und Forderungen
- Einfluss der letzten Wahlen auf die Kampagnen
- Integration und Zusammenleben der Bevölkerung
- Herausforderungen der Wohnungs- und Klimakrise
| Kandidat | Partei | Ziel |
|---|---|---|
| Stefan Evers | CDU | Führung und Vision für Berlin |
| Werner Graf | Bündnis 90/Die Grünen | Erster grüner Regierender Bürgermeister |
| Elif Eralp | Die Linke | Radikaler gesellschaftlicher Wandel |
| Steffen Krach | SPD | Politik der Mitte |
| Kristin Brinker | AfD | Stärkste Kraft werden |