Über dem Pariser Platz spannte sich am Montag etwas, das hierzulande niemand braucht, in der Ukraine aber täglich über Leben und Tod entscheiden kann: ein Schutznetz gegen Drohnen. Anlässlich des 35. Jahrestages der ukrainischen Unabhängigkeit hat der Verein Vitsche gemeinsam mit Partnern diese Installation vor dem Brandenburger Tor errichtet. Sie ist das Zentrum einer Protestaktion, die unter dem Motto „Wir teilen einen Himmel“ stand und Tausende Menschen auf die Straße brachte. Während Berliner und Tourist*innen an diesem Sommertag entspannt in den blauen Himmel blickten, diente das Netz als beklemmendes Symbol für den Alltag in einem Land, in dem der Himmel zur tödlichen Bedrohung geworden ist. Die Aktion macht auf eine besondere Form des Grauens aufmerksam, die mit technologisch simplen Mitteln verübt wird und gegen die sich die Zivilbevölkerung nur mit ebenso einfachen Mitteln wie gespannten Netzen schützen kann.
Das temporäre Netz, 3,50 Meter hoch und 45 Meter lang, war mehr als nur eine Kunstinstallation. Unter ihm wurden die Geschichten von Menschen erzählt, die in der Ukraine Drohnenangriffe überlebt haben. Diese sogenannten First-Person-View-Drohnen, ferngesteuert von russischen Piloten, werden gezielt zur Jagd auf Zivilisten eingesetzt. Ein erschütterndes Video aus Cherson, das einen Gemüsehändler zeigt, der von einer solchen Drohne gejagt und angegriffen wird, ging vor einiger Zeit um die Welt. In Städten wie Cherson sind solche Schutznetze inzwischen fester Bestandteil des Stadtbildes, ein trauriges Zeugnis für die Notwendigkeit provisorischer Lebensrettung im Angesicht eines brutalen Angriffskrieges. „Jede abgefangene Rakete oder Drohne bedeutet ein gerettetes Leben“, brachte es Kateryna Mykhalko, die Initiatorin des Projekts, auf den Punkt. Die Installation traf den Nerv der Zeit: Viele der anwesenden Berliner*innen zeigten sich betroffen, während ukrainische Gemeindemitglieder, von denen schätzungsweise über 200.000 seit Kriegsbeginn in Berlin leben, in dem Netz ein Stück grausamer Realität ihrer Heimat wiedererkannten.
Der Protest am Montag war eingebettet in eine größere politische Debatte, die direkt vor unserer Haustür geführt wird: die Zukunft des sogenannten „Russischen Hauses“ in der Friedrichstraße. Der Protestmarsch führte gezielt an dieser Einrichtung vorbei. Vitsche und andere Akteure fordern seit langem dessen Schließung. Sie werfen dem Haus, das offiziell dem russischen Bundesamt für Zusammenarbeit mit dem Ausland (Rossotrudnitschestwo) untersteht und auf EU-Sanktionslisten steht, vor, ein Deckmantel für geheimdienstliche Aktivitäten und ein Verbreiter von Propaganda zu sein. Diese Einschätzung teilen auch Sicherheitsbehörden. Das französische Innenministerium hatte erst kürzlich vor der Einrichtung gewarnt. Kateryna Rietz-Rakul, Leiterin des Ukrainischen Instituts in Berlin, sagte dem RBB deutlich: „Wir wissen, dass dort regelmäßig russische Propaganda betrieben wird.“
Die Bundesregierung sieht sich jedoch in ihren Handlungsmöglichkeiten durch zwei völkerrechtliche Verträge mit Russland aus den Jahren 1972 und 1990 gebunden, die den Betrieb solcher Kulturinstitute regeln. Eine einseitige Kündigung, so die Befürchtung, könnte zur Schließung der verbliebenen Goethe-Institute in Russland führen. Für die Aktivist*innen von Vitsche ist dieses Argument nicht haltbar. In einer Stellungnahme heißt es: „Angst vor russischer Vergeltung darf nicht zu deutscher Politik werden.“ Sie fordern eine klare Haltung. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sieht hierzu eine konkrete Möglichkeit. Er verwies darauf, dass einer der beiden Verträge im Dezember 2025 gekündigt werden könne, und erinnerte daran, dass die neue Leiterin des Hauses, Xenia Fedorova, bereits wegen Desinformation aus Frankreich ausgewiesen worden sei. Nach einem Bericht des Spiegels prüft das Auswärtige Amt derzeit tatsächlich die vertraglichen Möglichkeiten.
Die Demonstration und die Installation zeigen eindrücklich, wie globale Konflikte lokal sichtbar und spürbar werden. Berlin ist nicht nur Gastgeber für zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine, sondern auch Schauplatz diplomatischer und politischer Auseinandersetzungen. Der Spagat zwischen humanitärer Solidarität, sicherheitspolitischen Erwägungen und völkerrechtlichen Bindungen wird hier besonders deutlich. Die geschätzt mehrere Tausend Teilnehmer*innen des Marsches, darunter viele Ukrainer*innen mit ihren blau-gelben Fahnen, sandten ein klares Signal: Es geht nicht um Feierlaune. „Wir feiern erst, wenn der Krieg vorbei ist“, rief eine Rednerin auf der Auftaktkundgebung am Potsdamer Platz in die Menge. Die Stimmung war entschlossen und nachdenklich, nicht triumphal.
Am späten Abend wurde das Drohnenschutznetz vor dem Brandenburger Tor, flankiert von Kerzen und Blumen, zu einem stillen Mahnmal. Es steht für die Zerbrechlichkeit des Friedens und für die unermessliche Widerstandskraft der ukrainischen Bevölkerung. Für einen Tag machte es die abstrakte Bedrohung aus der Luft in der Mitte Berlins konkret erfahrbar. Die Aktion wird nachhallen, nicht nur in den sozialen Medien, wo das Netz ein begehrtes Fotomotiv war, sondern auch in den politischen Diskussionen über den weiteren Umgang mit russischen Einrichtungen in Deutschland. Sie erinnert uns in Berlin daran, dass die Freiheit, sicher in den Himmel zu blicken, kein selbstverständliches Gut ist, sondern eines, für das anderswo jeden Tag gekämpft und gelitten wird.
- Schutznetz gegen Drohnen
- Protestaktion „Wir teilen einen Himmel“
- Erfahrungen von Überlebenden
- Politische Debatte um das Russische Haus
- Notwendigkeit provisorischer Lebensrettung
- Zukunft der Kulturinstitute
| Thema | Details |
|---|---|
| Höhe des Netzes | 3,50 Meter |
| Länge des Netzes | 45 Meter |
| Teilnehmerzahl | Mehrere Tausend |
| Ukrainische Gemeindemitglieder in Berlin | Über 200.000 |
| Verträge mit Russland | 1972 und 1990 |
| Forderung nach Schließung | Russisches Haus in der Friedrichstraße |