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Nachrichten Lokal > Nachrichten > Berlin > Berliner Wohnungsnot: Wunderflats und die 2600€-Miete – Was steckt dahinter?
Berlin

Berliner Wohnungsnot: Wunderflats und die 2600€-Miete – Was steckt dahinter?

Julia Becker
Zuletzt aktualisiert: August 27, 2026 9:58 p.m.
Julia Becker
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Die Preise für möblierte Wohnungen in Berlin erreichen neue Höhen. Eine Ein-Zimmer-Wohnung für 2.600 Euro Miete im Monat ist kein Einzelfall mehr, sondern ein Symptom eines umkämpften Marktes. Unternehmen wie Wunderflats bieten diese Unterkünfte vorrangig an temporäre Mieter, oft Geschäftsleute oder Expats, während langjährige Berliner verzweifelt nach einer bezahlbaren Bleibe suchen. Die Berliner Linke will diesen Markt nun gesetzlich eindämmen und spricht von «möbliertem Mietwucher». Der Streit wirft grundlegende Fragen auf: Wer darf in der Hauptstadt wohnen? Und wie kann eine Stadt bezahlbaren Wohnraum für ihre Bürger sichern, ohne wirtschaftliche Dynamik zu ersticken?

Eine Stadt im Wohnungsstress

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Berlin hat seit Jahren ein gravierendes Wohnungsdefizit. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg fehlen in der Hauptstadt schätzungsweise 100.000 bis 150.000 Wohnungen. Diese Lücke treibt die Preise auf dem regulären Mietmarkt in die Höhe, doch das Geschäft mit möblierten Wohnungen auf Zeit hat sich zu einem eigenen, besonders lukrativen Segment entwickelt. Hier gelten die Preisbindungen des Berliner Mietendeckels nicht, da es sich formal um gewerbliche Zwischenmietverträge oder möblierte Wohnungen handelt. Das Ergebnis: Die Durchschnittsmiete für eine möblierte Einzimmerwohnung liegt laut aktuellen Marktanalysen mittlerweile bei über 1.800 Euro – das ist oft mehr als das Doppelte einer vergleichbaren unmöblierten Wohnung. Für viele Berliner, besonders Familien, Junge und Menschen mit mittlerem Einkommen, ist dieser Markt unerreichbar und verschärft den ohnehin angespannten Wettbewerb um jeden freien Quadratmeter.

Die Anbieter rechtfertigen ihr Modell mit der Nachfrage. Jan Hase, Gründer von Wunderflats, einem der größten Player in diesem Bereich, betont im Gespräch: «Wir schaffen flexiblen Wohnraum für einen modernen Arbeitsmarkt. Unsere Kunden sind oft Menschen, die für ein Projekt von drei bis zwölf Monaten nach Berlin kommen. Sie wollen kein sperriges Möbelpaket kaufen und suchen eine vollständige, unkomplizierte Lösung.» Er verweist darauf, dass sein Unternehmen mehrere tausend Wohnungen in Berlin vermittelt und dabei Service, Versicherung und Möblierung im Paket anbietet. Aus Sicht der Kritiker ist genau das Teil des Problems: Große Mengen an Wohnungen werden dem regulären Markt entzogen, umgewandelt und zu Höchstpreisen neu angeboten.

Der politische Vorstoß der Linken

Die Berliner Fraktion der Linken hat diesen Trend scharf attackiert und einen konkreten Gesetzesantrag im Abgeordnetenhaus eingebracht. Ihr Ziel: Das «möblierte Vermieten zu Wucherpreisen» per Gesetz zu unterbinden. Die Kernforderungen sind:

  • Eine gesetzliche Höchstbefristung von zwölf Monaten für möblierte Mietverträge
  • Die Ausweitung der Mietpreisbremse auf möblierte Wohnungen
  • Der Missbrauch der «Möblierungsklausel» verhindern
  • Eine Regulierung des Marktes für möblierte Wohnungen
  • Die Sicherung von dauerhaftem Wohnraum
  • Die Verhinderung der sozialen Ungleichheit durch Mietwucher

«Was wir derzeit erleben, ist die systematische Aushöhlung des Mieterschutzes durch eine Hintertür», sagt Sebastian Walter, wohnungspolitischer Sprecher der Linken. «Wohnungen, die eigentlich dauerhaften Wohnraum bieten könnten, werden in Cashcows für temporäre High-Income-Mieter verwandelt. Das treibt die Mieten in den Kiezen weiter und verdrängt die Berliner aus ihren Stadtteilen.» Die Linke argumentiert, dass dies soziale Ungleichheit verstärke und den Charakter ganzer Nachbarschaften verändere, wie man etwa im trendigen Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg beobachten könne.

Die andere Seite der Medaille

Die Verteidiger des Geschäftsmodells sehen das anders. Neben Wunderflats-Gründer Hase verweisen auch andere Marktteilnehmer und wirtschaftsnahe Politiker auf die positive ökonomische Seite. Berlin ist ein wachsender Wirtschaftsstandort, der internationale Fachkräfte anzieht. Diese benötigten kurzfristig, zuverlässigen Wohnraum. «Ohne solche Angebote wäre Berlin als Wirtschaftsstandort für viele Unternehmen weniger attraktiv», so ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer. Auch einige Hausbesitzer argumentieren, die höheren Mieten rechtfertigten das Risiko und den Aufwand der Möblierung und des häufigeren Mieterwechsels.

Kritiker halten dagegen: Der volkswirtschaftliche Nutzen für die Stadt sei fraglich. Die hohen Mietzahlungen flössen oft an überregionale Unternehmen oder private Investoren, während die sozialen Kosten – verdrängte Familien, steigende Sozialausgaben für Wohnkosten, zerrissene Nachbarschaften – von der Allgemeinheit getragen werden müssten. Sozialverbände wie der Berliner Mieterverein unterstützen den Vorstoß der Linken daher nachdrücklich. «Der Markt für Wohnen auf Zeit muss endlich reguliert werden, sonst verlieren wir den Kampf um bezahlbaren Wohnraum endgültig», sagt eine Sprecherin des Vereins.

Was bedeutet das für Berliner Mieter?

Für den durchschnittlichen Berliner Suchenden hat die Expansion des Zeitswohnmarktes direkte Auswirkungen. Zum einen verschwinden potenzielle Wohnungen aus dem regulären Angebot. Eine Vermieterin, die früher eine Wohnung unbefristet für 900 Euro warm vermietet hat, kann durch Möblierung und befristete Verträge über Plattformen wie Wunderflats leicht das Doppelte oder Dreifache erzielen. Dieser Anreiz ist enorm. Zum anderen steigt der Druck auf die verbleibenden unbefristeten Wohnungen, da die Nachfrage unvermindert hoch bleibt.

Betroffen sind vor allem Menschen mit mittleren und niedrigeren Einkommen, Familien, die mehr Platz brauchen, und junge Menschen, die zum Studium oder Berufsstart nach Berlin ziehen. Sie konkurrieren nicht mehr nur untereinander, sondern auch mit den Budgets von globalen Unternehmen, die ihren Mitarbeitern teure Interimslösungen finanzieren. Die soziale Spaltung der Stadt, ein lange beklagtes Problem, wird durch diesen Trend zusätzlich vertieft.

Wie geht es weiter?

Der Gesetzesantrag der Linken wird derzeit in den Ausschüssen des Abgeordnetenhauses beraten. Er benötigt für eine Umsetzung eine Mehrheit, was im aktuellen rot-grün-roten Senat grundsätzlich möglich scheint, aber nicht garantiert ist. Teile der SPD und der Grünen sind zwar für eine Regulierung, haben aber bisher keine konkreten eigenen Vorschläge vorgelegt. Die CDU und FDP lehnen scharfe Eingriffe in den Wohnungsmarkt tendenziell ab.

Unabhängig vom politischen Ausgang ist klar, dass der Konflikt ein Nerv trifft. Er symbolisiert den größeren Kampf um die Zukunft Berlins: Soll die Stadt vor allem ein lebendiger, bezahlbarer Lebensraum für ihre Bewohner sein oder ein internationaler, hochflexibler Wirtschaftsstandort, in dem Wohnraum auch eine Handelsware ist? Die Debatte um die 2.600-Euro-Einzimmerwohnung ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Sie zeigt, wie dringend Berlin eine umfassende Wohnungspolitik benötigt, die nicht nur neue Wohnungen baut, sondern auch den bestehenden Bestand vor der Kommerzialisierung schützt. Die kommenden Monate im Abgeordnetenhaus werden zeigen, ob die Politik bereit ist, hier klare gesetzliche Grenzen zu ziehen. Für die Berliner, die auf der Suche nach einer dauerhaften Heimat sind, könnte diese Entscheidung von existentieller Bedeutung sein.


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VonJulia Becker
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Julia ist eine engagierte Reporterin für den Süden Deutschlands mit Schwerpunkt auf München und Stuttgart. Sie schreibt über lokale Kulturveranstaltungen, das wirtschaftliche Stadtleben und Geschichten von Menschen, die ihre Region prägen. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Nähe, Empathie und starke persönliche Perspektiven aus.
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