Die Berliner Verkehrsbetriebe haben eine neue Marketingoffensive gestartet, die für Gesprächsstoff sorgt: In einem knapp zweiminütigen Werbefilm erklären sie Berlin zur «echten Stadt der Liebe» und stellen damit den legendären Ruf von Paris in Frage. Die Kampagne, die ab sofort über soziale Medien und Plakate in der Stadt verbreitet wird, zeigt die Hauptstadt von ihrer unkonventionellen, selbstironischen Seite – genau so, wie viele Berlinerinnen und Berliner sie täglich erleben.
Marketing mit Berliner Schnauze
«Wir wollten Berlin so feiern, wie wir es jeden Tag erleben. Mit Ecken und Kanten und vor allem mit den Menschen, die es zu dem machen, was es ist», erklärt BVG-Marketingleiterin Ineke Paulsen den Ansatz hinter der Kampagne. Tatsächlich zeigt der Film keine polierten Touristenattraktionen, sondern authentische Momente aus dem Berliner Alltag: Ein schwules Paar küsst sich auf den Überresten der Berliner Mauer, ein stark gepierctes Pärchen schmust in der U-Bahn, und Busfahrerin Mona wirft verliebte Blicke zum Fahrgast Carsten.
Die BVG nimmt dabei gezielt Klischees über Paris aufs Korn. Während die französische Hauptstadt mit der Mona Lisa protzen kann, hat Berlin eben Busfahrerin Mona. Statt teurer Restaurantbesuche zeigt der Film Nacktbaden im Wannsee oder den mit Blumen beladenen Weg zum Date im überfüllten Nahverkehr. «Dafür muss man nicht nach Paris fahren», ist die klare Botschaft.
Tradition unkonventioneller Werbung
Diese Kampagne reiht sich ein in eine lange Tradition ungewöhnlicher Marketingaktionen der Berliner Verkehrsbetriebe. Erst vor einiger Zeit forderte die BVG beispielsweise, das Berliner U-Bahn-Netz zum Weltkulturerbe ernennen zu lassen – eine typisch berlinerische Mischung aus Selbstironie und lokalem Stolz.
Die neue Kampagne wurde gemeinsam mit einer Hamburger Agentur entwickelt und läuft bis zum 10. September. Über die genauen Kosten macht das Unternehmen keine Angaben, doch der Aufwand ist sichtbar: Neben dem Hauptfilm werden kleinere Clips über die sozialen Kanäle der BVG ausgespielt, und Plakate mit Szenen aus dem Film sollen im gesamten Stadtgebiet aufgehängt werden.
Mehr als nur Werbung
Hinter der augenzwinkernden Kampagne steckt eine ernsthafte Botschaft: Die BVG feiert nicht nur die Liebe in ihren vielen Formen, sondern positioniert sich selbst als Teil des echten Berliner Lebens. Der öffentliche Nahverkehr wird dabei nicht als lästige Notwendigkeit dargestellt, sondern als Raum, in dem Stadtleben – und damit auch Liebe – stattfindet.
Diese Herangehensweise trifft den Nerv einer Stadt, die stolz auf ihre Diversität und ihr unkonventionelles Image ist. In einer Zeit, in der Berlin mit steigenden Tourismuszahlen und zunehmender Kommerzialisierung kämpft, erinnert die Kampagne daran, was viele Einwohner an ihrer Stadt schätzen: die Freiheit, man selbst sein zu dürfen, und die unprätentiöse Herzlichkeit, die sich oft erst auf den zweiten Blick zeigt.
| Aspekt | Berlin | Paris |
|---|---|---|
| Kulturelle Angebote | Vielfalt an Veranstaltungen | Historische Monumente |
| Lebensstil | Unkonventionell und kreativ | Romantisch und klassisch |
| Öffentlicher Nahverkehr | Flexibel und nah am Alltag | Teuer und oft überfüllt |
| Touristenattraktionen | Authentische Momente | Berühmte Sehenswürdigkeiten |
| Wohnraum | Erschwinglich und bunt | Teuer und elitär |
| Bevölkerung | Vielfältig und offen | Klassisch und homogen |
Die Reaktionen werden sicherlich gemischt ausfallen – von begeistertem Zuspruch bis zu Kopfschütteln über die Dreistigkeit, Paris den Rang abzulaufen. Doch genau dieser Mix an Reaktionen entspricht dem Berliner Wesen. Die BVG hat einmal mehr bewiesen, dass sie nicht nur Fahrpläne im Kopf hat, sondern auch ein Gespür für das, was ihre Stadt ausmacht.