In einer entscheidenden Sitzung am Dienstag hat der Berliner Senat beschlossen, dass die DDR-Geschichte weiterhin ein verpflichtender Teil des Geschichtsunterrichts an Berliner Gymnasien bleiben wird. Die Entscheidung folgt auf eine intensive Debatte, die in den vergangenen Wochen sowohl in der Bildungslandschaft als auch in der Stadtgesellschaft geführt wurde.
«Die Geschichte der deutschen Teilung und besonders die der DDR gehört zum historischen Fundament unserer Stadt», erklärte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch bei der Pressekonferenz nach der Senatssitzung. «Es ist unsere Verantwortung, sicherzustellen, dass junge Berlinerinnen und Berliner die Bedeutung von Demokratie und Freiheit verstehen, indem sie die Realität des Lebens im geteilten Deutschland kennenlernen.»
Der ursprüngliche Vorschlag, DDR-Geschichte als Wahlthema einzustufen, hatte heftige Kritik ausgelöst. Besonders Opferverbände und ehemalige DDR-Bürgerrechtler hatten sich besorgt gezeigt. Hubertus Knabe, ehemaliger Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, bezeichnete den Vorstoß als «geschichtspolitischen Skandal».
Die Bildungsverwaltung hatte zunächst argumentiert, den Schulen mehr Flexibilität bei der Gestaltung des Lehrplans geben zu wollen. Nach den zahlreichen kritischen Stimmen und einer Petition mit mehr als 12.000 Unterschriften lenkte der Senat jedoch ein.
Für den Historiker und Bildungsforscher Professor Martin Sabrow von der Humboldt-Universität ist die Entscheidung folgerichtig: «Berlin trägt als ehemalige geteilte Stadt eine besondere Verantwortung für die Erinnerung an die DDR und die Mauer. Diese Geschichte ist hier noch sichtbar und erlebbar – vom Brandenburger Tor bis zur East Side Gallery.»
Laut einer aktuellen Umfrage des Forschungsinstituts Infratest dimap unterstützen 78 Prozent der Berliner die Beibehaltung der DDR-Geschichte als Pflichtthema. Besonders hoch ist die Zustimmung mit 89 Prozent bei Menschen über 60 Jahre, die die deutsche Teilung selbst erlebt haben.
Der neue Rahmenlehrplan, der ab dem Schuljahr 2026/27 gelten soll, wird nun überarbeitet. Die DDR-Geschichte bleibt darin ein verpflichtender Schwerpunkt für die gymnasiale Oberstufe. Zusätzlich plant die Bildungsverwaltung, mehr Kooperationen zwischen Schulen und Gedenkstätten zu fördern.
«Wir werden auch Lehrkräfte besser unterstützen, dieses wichtige Thema lebendig zu vermitteln», kündigte Günther-Wünsch an. Dazu gehören neue Unterrichtsmaterialien und Fortbildungsangebote. Außerdem sollen Zeitzeugenbesuche in Schulen finanziell gefördert werden – ein wichtiges Anliegen, da die Generation der Zeitzeugen zunehmend älter wird.
Die Entscheidung wurde von Vertretern verschiedener politischer Lager begrüßt. Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, äußerte sich erleichtert: «Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte global unter Druck geraten, ist es wichtig, dass junge Menschen verstehen, was ein Leben ohne Freiheit bedeutet.»
Für Berliner Schülerinnen und Schüler ändert sich durch die Entscheidung zunächst nichts. Sie werden weiterhin die Friedliche Revolution, den Mauerbau und das Alltagsleben in der DDR im Unterricht behandeln. Viele Schulen nutzen bereits heute die besondere Lage Berlins für Exkursionen zu historischen Orten wie dem Tränenpalast, der Gedenkstätte Berliner Mauer oder dem Stasi-Museum.
Die Beibehaltung des Pflichtthemas DDR-Geschichte wird als wichtiges Signal dafür gesehen, dass Berlin seine Rolle als Ort der Erinnerungskultur ernst nimmt. In einer Stadt, in der die Narben der Teilung noch sichtbar sind, bleibt die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte eine Aufgabe für jede neue Generation.