An einem Tag Ende Juni, als die Sonne unbarmherzig auf Dortmund brannte, steckte ein Thermometer im Sand des Spielplatzes am Kaiserberg. Das digitale Display zeigte einen kaum vorstellbaren Wert: 54,3 Grad Celsius. In diesem Moment verwandelte sich der Ort des Spielens und Lachens in eine gefährliche Hitzeinsel, auf der kein Kind barfuß hätte toben können.
Diese Messung, durchgeführt während der letzten Hitzewelle, ist kein Einzelfall, sondern ein deutliches Alarmsignal. Sie wirft ein grelles Licht auf ein Problem, das in vielen deutschen Städten wächst: Wie können öffentliche Räume, gerade die für unsere Jüngsten, an die Realität des Klimawandels angepasst werden? Die Stadt Dortmund hat nun reagiert und einen umfassenden Plan angekündigt. Bis spätestens 2028 sollen alle städtischen Spielplätze einem systematischen „K Klima-Check“ unterzogen werden.
„Die extremen Temperaturen, die wir gerade auf ungeschützten Flächen wie Sandkästen oder auf Gummibelägen messen, sind besorgniserregend“, sagt Stadtsprecher Christian Scharpwinkel. „Sie zeigen, dass wir bei der Planung und Pflege unserer Spielplätze neue Wege gehen müssen.“ Das Vorhaben ist ambitioniert. In Dortmund gibt es rund 420 öffentliche Spielplätze. Jeder einzelne soll in den nächsten vier Jahren begutachtet und bewertet werden.
Hintergrund: Vom Spielparadies zur Hitze-Falle
Das Problem der überhitzten Spielplätze ist nicht neu, aber es verschärft sich mit jedem Hitzesommer. Die Ursachen sind vielfältig und liegen oft in der Gestaltung der Vergangenheit. „Viele unserer Spielplätze sind in den 70er, 80er oder 90er Jahren entstanden“, erklärt eine Mitarbeiterin des Tiefbauamtes, das für die Spielplätze zuständig ist. „Damals standen andere Prioritäten im Vordergrund: Robustheit, Sicherheit der Geräte und geringer Wartungsaufwand.“
Das führte zu großen, versiegelten Flächen, zu metallenen Klettergerüsten, die sich in der Sonne gefährlich aufheizen, und zu Sandkästen ohne jeden Schatten. Materialien wie dunkler Gummi oder schwarzer Kunststoff, die für Fallschutz verwendet werden, können Temperaturen von über 60 Grad erreichen – ein Risiko für Verbrennungen. „Ein Spielplatz, der im Hochsommer ab Mittag nicht mehr nutzbar ist, erfüllt seinen Zweck nicht“, sagt Birgit Kipke, Vorstandsmitglied beim Dortmunder Kinderschutzbund. „Hier geht es um Teilhabe und um gesundheitlichen Schutz. Kinder sind besonders hitzeempfindlich.“
Die Stadt verweist auf erste Schritte, die bereits gemacht wurden. Bei Neuanlagen oder Sanierungen werden zunehmend hitzeangepasste Materialien verwendet, mehr Bäume gepflanzt und natürliche Schattenspender wie Kletterpflanzen integriert. Der neue Masterplan „Grün“, der im Stadtrat beschlossen wurde, sieht die Aufwertung von Grünflächen explizit auch unter dem Aspekt der Klimaanpassung vor. Der geplante flächendeckende Check geht nun einen entscheidenden Schritt weiter: Er soll den genauen Ist-Zustand aller Anlagen erfassen und priorisieren, wo am dringendsten Handlungsbedarf besteht.
Der Klima-Check: Was wird geprüft?
Der geplante Prozess ist mehr als eine einfache Kontrolle. Er soll eine datenbasierte Entscheidungsgrundlage für Millioneninvestitionen in den kommenden Jahren schaffen. Konkret wird ein Team aus Fachleuten des Tiefbauamtes und möglicherweise externen Landschaftsplanern jeden Spielplatz besuchen und eine Checkliste abarbeiten.
- Wie viel Schatten gibt es?
- Wie hoch ist die direkte Sonneneinstrahlung auf Spielgeräte?
- Welche Materialien sind verbaut?
- Wie hitzeintensiv sind die Materialien?
- Gibt es Möglichkeiten für natürliche Belüftung?
- Staut sich die Hitze zwischen Gebäuden und Hecken?
Besonders kritisch sind dabei sogenannte „harte“ Standorte in dicht bebauten Innenstadtkiezen wie der Nordstadt, in Scharnhorst-Ost oder im Unionviertel. Hier fehlt es oft an großen Bäumen, und die Nachverdichtung mit neuen Wohnhäusern verschärft die Situation zusätzlich. „Wir merken, dass die Anwohner in diesen Vierteln die Spielplätze im Sommer oft meiden“, berichtet Gemeindesozialarbeiterin Leyla Öztürk aus der Nordstadt. „Die Familien gehen dann lieber in die wenigen, großen Parks oder fahren mit dem Bus raus aus der Stadt. Das ist eine soziale Frage: Nicht jede Familie hat diese Möglichkeit.“
Die Ergebnisse der Begehungen sollen in eine zentrale Karte einfließen. So entsteht ein detailliertes Hitzekataster der Dortmunder Spielplätze. Anhand dieser Daten kann der jährliche Spielplatz-Sanierungsplan, für den die Stadt rund zwei Millionen Euro pro Jahr bereitstellt, gezielt angepasst werden. Spielplätze, die als besonders hitzebelastet eingestuft werden, rücken auf der Dringlichkeitsliste nach oben.
Gemeinschaftsauswirkungen: Mehr als nur Schatten
Die geplante Überprüfung hat eine Bedeutung, die über reine Temperaturmessungen hinausgeht. Es geht um die Lebensqualität in den Stadtteilen und um gesundheitliche Chancengleichheit.
„Für Kinder sind Spielplätze oft der erste öffentliche Raum, den sie selbstständig erobern“, betont Birgit Kipke vom Kinderschutzbund. „Wenn dieser Raum im Sommer zur No-Go-Area wird, schränkt das ihre Entwicklung ein. Sie können nicht lernen, sich mit Nachbarskindern zu verabreden, Konflikte selbst zu lösen oder einfach mal raus aus der Wohnung zu kommen.“ Die Folgen treffen besonders Kinder aus beengten Wohnverhältnissen ohne Garten.
Auch für Familien wird ein hitzesicherer Spielplatz zum wichtigen Treffpunkt. „Gerade an heißen Tagen sind solche Orte mit natürlichem Schatten, vielleicht sogar mit einem Wasserspiel, ein Segen“, sagt Vater Markus Behlau aus Hombruch. „Da trifft man sich, die Kinder planschen, die Eltern tauschen sich aus. Das stärkt das nachbarschaftliche Gefüge.“ Ein gut gestalteter, klimaangepasster Spielplatz kann somit ein Kernstück der sozialen Infrastruktur sein.
Die politischen Reaktionen auf den Vorstoß der Verwaltung sind überwiegend positiv, aber mit dem Hinweis auf die Dringlichkeit verbunden. „Der Klima-Check ist überfällig und richtig“, sagt Frauke Hoffschroer, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Rat. „Allerdings darf es bei der Bestandsaufnahme nicht bleiben. Wir brauchen einen klaren Zeit- und Finanzplan für die anschließenden Umbauten. Bis 2028 können nicht einfach weitere sieben Hitzesommer verstreichen, in denen Kinder auf Spielplätzen der Gefahr von Hitzschlag oder Verbrennungen ausgesetzt sind.“
Die SPD-Fraktion unterstützt das Vorhaben ebenfalls, pocht aber auf die Einbeziehung der Bürger. „Die Menschen vor Ort wissen am besten, welcher Spielplatz wann unbenutzbar ist und wo der Schatten fehlt“, so SPD-Ratsherr Thomas Westphal. „Dieses Wissen sollten wir in den Check integrieren.“ Die CDU sieht die Priorität zunächst bei der schnellen Umsetzung von Sofortmaßnahmen, wie dem Aufstellen von Sonnensegeln an besonders exponierten Orten.
Vergleich und Zukunft: Spielplätze als Vorbild?
Dortmund steht mit seinem Vorhaben nicht alleine da. Städte wie Freiburg, München oder Nürnberg haben bereits ähnliche Programme gestartet oder umgesetzt. Oft wird dabei mit universitären Instituten zusammengearbeitet, um die Hitzeentwicklung wissenschaftlich zu modellieren. „Von diesen Vorreitern können wir lernen“, meint die Dortmunder Landschaftsarchitektin Dr. Anja Steglich. „Es geht um einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen: die Orientierung von Sitzbänken, die Wahl heller, reflektierender Bodenbeläge, die Pflanzung von schnellwachsenden, dicht belaubten Baumarten wie Feldahorn oder Hainbuche.“
Der Dortmunder Klima-Check könnte somit zu einem Modell für andere Kommunen im Ruhrgebiet werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Langfristig, so die Hoffnung von Umweltexperten, könnte die Überprüung sogar auf andere hitzeanfällige öffentliche Orte ausgeweitet werden: auf Schulhöfe, Stadtplatz-Sitzbereiche oder Bushaltestellen.
Für die Dortmunder Bürgerinnen und Bürger bedeutet der angekündigte Plan vor allem eines: die berechtigte Hoffnung, dass die Spielplätze ihrer Kinder auch in Zukunft Orte der Freude und nicht der Gefahr bleiben. Die Uhr tickt. Bis 2028 sind es vier Sommer. Vier Sommer, in denen die Thermometer auf den Spielplätzen wohl noch oft genug auf Werte jenseits der 50-Grad-Marke klettern werden. Der Weg zur kühleren, grüneren und gerechteren Stadt ist damit längst nicht zu Ende. Aber mit dem systematischen Blick auf jedes Klettergerüst und jeden Sandkasten wird ein wichtiger, konkreter Schritt gegangen. Ein Schritt, der direkt in der Lebenswelt der jüngsten Stadtbewohner ankommt.