Dresdens neuer Klima-Stadtteil nimmt Gestalt an – das bedeuten die Pläne für Sie
In der Leipziger Vorstadt soll aus einer großen Brache ein neues Stadtviertel wachsen. Die Pläne der Dresdner Stadtverwaltung sind jetzt öffentlich. Sie zeigen einen radikalen Ansatz: Hier soll das klimafreundliche Wohnen der Zukunft entstehen. Das betrifft nicht nur die Bauherren, sondern vor allem die künftigen Bewohner und die gesamte Nachbarschaft. Wir erklären, was genau geplant ist und wie diese Vision Ihr Leben in Dresden verändern könnte.
Die Fläche zwischen dem Alten Leipziger Bahnhof und der Erfurter Straße ist rund 27 Hecktar groß. Das entspricht etwa 38 Fußballfeldern. Aus dieser Industriebrache will die Stadt einen Musterviertel machen. Der Leiter des Stadtplanungsamts, Matthias Lerm, sagt klar: Die Verbrennung fossiler Brennstoffe für die Wärmeversorgung trägt im besonderen Maße zum menschengemachten Klimawandel bei. Deshalb sind sie in dem neuen Quartier tabu.
Autofrei, begrünt, solar: Die Regeln für das neue Viertel
Die Vorentwürfe lesen sich wie ein Handbuch für nachhaltiges Bauen. Für Sie als künftigen Anwohner hieße das konkret: Ihr Auto müssten Sie in eines der Parkhäuser am Rand des Viertels stellen. Durch die Wohnstraßen soll kaum Verkehr rollen. Vor Ihrer Haustür würden keine Tankstellen stehen. Die Wege sind für Fußgänger und Radfahrer gedacht.
Auch das Bild des Viertels wäre anders als gewohnt. Schottergärten würden verboten. Jedes Dach müsste begrünt werden. Selbst die Mülltonnen sollten laut Plan hinter Hecken oder Kletterpflanzen verschwinden. Mindestens die Hälfte aller Dachflächen soll mit Solaranlagen bestückt werden. Die Stadt verspricht sich davon stabile Energiepreise für die Bewohner.
Die Wärme für die Häuser soll ausschließlich aus der Fernwärme kommen. Öl- oder Gasheizungen sind nicht vorgesehen. Das ist eine klare Weichenstellung für die kommenden Jahrzehnte.
Mehr als nur Wohnungen: Ein neuer Mittelpunkt für die Stadt
Das Projekt ist ambitioniert und geht über reine Wohnbebauung weit hinaus. Es entstehen drei klar getrennte Zonen, die das Leben in diesem Teil Dresdens neu prägen werden.
- Erstens: Rund um den historischen Alten Leipziger Bahnhof ist kein Wohngebiet, sondern ein Zentrum für Kunst und Gewerbe geplant.
- Zweitens: Direkt am alten Schlachthof entsteht die sogenannte «Eventspange». Hier sollen Geschäfte, Restaurants, ein Nachbarschaftshaus und Sportanlagen das soziale Leben des Viertels bündeln.
- Drittens: Im Herzen des Gebiets ist ein «Neuer Leipziger Park» vorgesehen.
- Viertens: Die alten Bahngleise sollen als Industriedenkmal erhalten bleiben.
- Fünftens: Eine Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus deportierten Dresdner Juden ist geplant.
- Sechstens: Ein «Grüner Boulevard» als Hauptachse und begrünte Innenhöfe bei den Wohngebäuden sollen das Viertel durchziehen.
Was jetzt passiert und wie Sie mitreden können
Die Pläne sind noch nicht beschlossen. Sie liegen ab sofort bis zum 27. November öffentlich aus. Sie finden sie im Stadtforum Dresden, im Stadtbezirksamt Neustadt und natürlich online. Die Verwaltung lädt Sie außerdem am Mittwoch, den 30. Oktober, von 18 bis 20 Uhr zu einer Vorstellung in die Aula des Gymnasiums Pieschen ein.
Bis Ende November können Sie Ihre Stellungnahme per E-Mail an die Stadt richten. Jede Einsicht und jeder Kommentar wird geprüft. Letztlich entscheidet der Dresdner Stadtrat in einer der nächsten Sitzungen über die verbindlichen Bebauungspläne. Erst danach können konkrete Bauanträge gestellt werden. Die Umsetzung wird also noch Jahre dauern.
Eine Frage bleibt besonders für die Anwohner der Leipziger Straße: Was wird aus der Esso-Tankstelle? Das Rathaus gibt Entwarnung. Bestehende rechtmäßige Gebäude und Nutzungen genießen grundsätzlich Bestandsschutz. Sie darf also zunächst bleiben.
Ein Modell mit Strahlkraft – und offenen Fragen
Dieser Klima-Stadtteil ist ein Pilotprojekt für Dresden. Er testet, wie urbanes Leben ohne fossile Brennstoffe und mit deutlich weniger Autos funktionieren kann. Die ambitionierten Vorgaben für Bauherren werden den Wohnungsbau sicher nicht billiger machen. Die Stadt argumentiert mit langfristigen Einsparungen bei den Energiekosten für die Mieter.
Die Pläne zeigen einen deutlichen Willen, beim Klimaschutz voranzugehen. Sie verbinden ökologische Ziele mit einer Aufwertung des ganzen Stadtteils. Neue Wohnungen, ein großer Park und ein kulturelles Zentrum könnten die Leipziger Vorstadt stark verändern.
Ob die Vision am Ende bezahlbar bleibt und ob das Konzept der autofreien Nachbarschaft von allen künftigen Bewohnern angenommen wird, das werden die kommenden Jahre zeigen. Jetzt sind erstmal Sie, die Dresdner Bürger, gefragt. Schauen Sie sich die Pläne an. Bilden Sie sich eine Meinung. Und bringen Sie sie ein. Denn was hier entsteht, wird das Gesicht Ihrer Stadt für Generationen mitprägen.